Zuerst
ist die Farbe. Oder die Idee von einer Farbe: Kaffee. Tante G. hatte
mir Bilder gezeigt, die während ihrer Reha entstanden. Landschaften
in Brauntönen, gemalt mit einer wässrigen Lösung aus
gefriergetrocknetem Kaffee. Ich bereite einen, wie ich meine,
kräftigen Sud. Doch es funktioniert nicht. Die Striche auf dem Blatt
bleiben blass, ohne Kraft.
Also
steige ich auf Aquarell und Umbra um. „Umbra“ klingt
irgendwie gut. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heißt
Schatten. Umbra wird landläufig mit Römischbraun übersetzt. Ich
suche eine Vorlage aus dem Netz, dann die Farben in den Näpfchen.
Wie
soll das Licht fallen? Ich könnte versuchen, das Gesicht aus sich
selbst heraus leuchten zu lassen, wie manche Ikonenmaler es tun. Also
ohne Schatten, ohne Tiefe, eben flach. Aber das wäre verrückt!
Generationen von Malern haben daran gearbeitet, den Raum (die
Perspektive, die Tiefe) auf die Leinwand zu kriegen. Die Welt
gewissermaßen auf das Kunstwerk zu erweitern. Nur die
Expressionisten waren anders, glaube ich. Und dann soll man einfach
Fläche malen?! Andererseits: Wenn man Fläche malte, wäre das auch
ein Zeichen. Der (irdische) Raum würde unwichtig, das Blatt würde
zur Grenze zwischen Immanenz (Welt) und Transzendenz (dem
Dahinterliegenden). Im günstigste Fall spräche es, wie eben ein
Kunstwerk spricht. Was es sagt, ist die spannende Frage!
Sollte
ich Christus malen? Oder auch Gottvater, den Heiligen Geist, Maria
und diverse Heilige, wie in den letzten 500 Jahren üblich? Und wenn
schon so viele Heilige, warum nicht auch Menschen wie dich und mich?
Gut, dann aber wäre der Heiligenschein im Wege. Ich blättere im
Netz, es flüstert aus verschiedenen Ecken: Gold ist Zeichen für
Göttliches. Aber Moment mal, ist nicht auch ein Ehering
normalerweise aus Gold? Ich entscheide mich für Gold, aber nicht um
den Kopf herum, sondern als Fläche dahinter. So, als hinge ein Fließ
an der Wand. Dann wäre die Gefahr der Selbstüberhebung gebannt,
denn das Göttliche ist im Raum, einfach so.
Eine
erste Skizze entsteht. Ich bin nicht besonders zufrieden. Nichts
stimmt so richtig. Aber für heute ist es genug. Das Wort Ikone
stammt aus dem Griechischen und heißt Abbild. Ikonen können
Meditationsbilder sein. Man soll eine Kerze davor aufstellen, heißt
es. Im Schein der brennenden Kerze fangen sie an zu leben.
Andreas
Schrock