Tag Archives: Krieg und Frieden.

0

Diese Welt

by

Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche.
Ich hab geweint, zu selten,
und gelacht, zu laut,
und gesoffen hab ich auch.

Und dann bricht die Welt da rein, und ja,
es interessiert mich, wenn in China
ein Sack Reis umkippt, ein Fischhändler
aus Wuhan hat mein Leben verändert,
oder war es der Laborant, ich nehme
den Händler, den Reisschnaps in der Tasche,
das Land vibriert, spürst du´s nicht?

Die Kokosnüsse im Laden sind niedliche Dinger,
ich kann sie schütteln und hör' drin was glucksen,
fallen von Palmen, manchmal im falschen Moment,
erzählt mir eine Kolumbianerin, und dann
ist der Erntehelfer tot. Passiert halt,
Berufsrisiko, sagst du, und ich stelle mir
einen Zapfensammler vor im deutschen Wald,
der den Zapfen der Fichte fühlt.

Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche, das ist
was anderes, als die Echokammer des Herzens,
das ist der Echoraum der Welt.

Nur der tote Vater liegt vor der Tür, ich weiß nicht,
wohin mit ihm, schrieb ich im letzten Jahr.

Und dann rollt dieses neue Jahr an, zweiundzwanzig,
ich mag kein Jahrhundert mehr davorsetzen, wie
Geröll am Hang, rollt es die Brust herunter,
wie sind die Stones auf ihren Namen gekommen.

Nicht auszuhalten, dieses Rollen,
der Husten will raus und kann nicht,
in der Notaufnahme sind sie so nett,
die Schwester spricht laut unter ihrer Maske,
und artikuliert: Wie ist Ihr Name? Liebevoll,
wie das sagt, mit ihren großen Augen hinter der Brille,
darunter die Maske, ich will deine Lippen sehen, Schwester,
zeig mir nur einen Moment deine Lippen.

Wie die Lippen Wolodymyrs, als er noch keinen Bart trug,
die sind zum Küssen gemacht, so volle Lippen, dachte ich.
Unser Entsetzen ist gewaltig, lese ich
in deinem Brief, dieser Satz
ist der ganze Brief. Kein Wort mehr,
das ist kein Brot zum Essen, weißt du, 
das ist eine hartgewordene Schrippe.

Warum denke ich, mitten im Krieg, an den Frieden?
Was ist denn das für ein Frieden, wenn am Kübel ich
den Kwas ausschenke, in Lwiw oder Odessa oder
einem Moskauer Vorort, wenn die Sonne sich neigt,
müde, so müde, alle trinken und ich bin so durstig.

Warum sagt eigentlich keiner: Entschuldigen Sie bitte, 
es war ein Versehen, es tut mir leid, es tut mir weh.
Stattdessen entscheidet ein Vokal über Leben und Tod,
wenn in der Nacht der Trupp durch die Stadt schleicht.
Kannst ja kein "h" sprechen, fremder Bruder,
die Parole heißt: Luhansk. Los, sag Luhansk. Lugansk.
Luhansk sollst du sagen. Lugansk!

Und da steht der tote Vater auf, draußen, vor der Tür,
er tappt durch die Nacht, unruhig, er kommt und geht,
und das geht ja nun gar nicht, still, still, pschsch…
macht die Schwester, als der Soldat beginnt zu weinen,
nimmt sie ihn in den Arm, sah ich im russischen Fernsehen,
nicht im deutschen.

Das alles geht durch mich durch, wenn ich die Nachrichten spreche,
bei Rotlicht, im Studio. Und der Vater vor der Tür
legt sich wieder hin und stirbt noch einmal.
Und ich weiß nicht, wohin mit ihm.

Andreas Schrock, März/April 2022, letzte Bearbeitung September 2022
0

Gegen den Wahnsinn

by

du schläfst schlecht
es ist krieg
im übernächsten land
zwei meter entfernt
sondersendungen
eilmeldungen posts tweets
zentimeter vor den augen
die worte schüsse
die bilder bluten
nächte um die ohren geschlagen
schwarze vorhänge
der tag draußen so weit weg
du so weit weg
wir auf dem selben sofa
trauern fragen hoffen
reden worüber wir nichts wissen
wogegen wir nichts tun können außer
dem klopfenden frühling die tür öffnen
die beete vorbereiten
vernunft säen


isabel arndt

0

Ukrainische Arche Noah

by

			Wolowez Sept. 1983

Das Holzschiff ankert im Tal
die Kirche
näher heran rücken die Hütten
Schatten fallen in aufgeweichte Wege
Schmatzen im Lehm
Gänsefüsse
geschnattert wird
das Ave Mariea
über die abgegraste Kirchwiese
den Flechtzaun durchschreiten 
die Tiere 
näher zu Gott wollen sie
offen steht die Pforte der Arche
herreinspaziert ihr Gänse
bald geht`s ab
in den Himmel

Gerhard Jaeger

0

Anteil aus Bogorodschany

by

Bogorodschany Sept. 1983                                                                   Texte zur Ukraine

Wenig heller als schales Bier
der Morgen
Sonnenlicht fließt ins Labyrinth
der Baracken
Der Sommer stürzt hinter Lastautos
in Staub
lustige Fahnen, Knoblauch und Schnaps
Bauleute
spielen auf, es platzt
die Erde
ein guter Ton
das Gasrohr
geduzt wird es von jedem
verheilt die Grasnarbe
unter der Haut

mehr wird bleiben
als Flüche und Geld

Gerhard Jaeger, Berlin-Heinersdorf

0

Offenes Land

by

Wie ein Greifvogel fällt die Dämmerung                                                Texte zur Ukraine
in die awtostanzija, über Menschen mit
leeren Kartoffelsäcken, über Mädchen mit
Handtaschen, über Männer, über Kinder.

Dahinein fällt die Dämmerung, fällt das Licht
der Linienbusse, spärlich, ins Donezkbecken
fahren sie, gut tausend Kilometer, budjet.

Auf den letzten Plätzen sitzen wir,
dein Gesicht, deine großen Augen
gegen den dunklen Himmel. Nach
Jalta oder weiter nach Donezk
fliegen unsere Gedanken dem
Busfahrer voraus. Die deschurnaja
ist ein Mädchen, eine djewotschka,
die durchzählt mit klarem Blick.

Voraus fliegen unsere Wünsche, ein Bus
voll Erwartungen, schweigend, schaukelt
die Küstenstraße, Kurve um Kurve
am Mittelstreifen entlang.

Der Mond hängt als halbierte Melone,
unwirklich, ungelenk, nichts
voreilig festlegend,
purzeln die Worte,

geht die Fahrt ins offene
Land.

Andreas Schrock, Krim, Juli 2005

0

Oskar Löffelschuh: Unterm Kaiserbild

Unterm Kaiserbild da sitzt du nun und nähst aus grobem Zeug den Helden das Gewand den Bruderrock zum letzten Säbeltanz in dem die gleichgemachten sich zuckend winden ...

by

Unterm Kaiserbild

da sitzt du nun
und nähst aus grobem Zeug den Helden das Gewand
den Bruderrock zum letzten Säbeltanz in dem die gleichgemachten
sich zuckend winden dann im Takt der Feuergarben und fallen
einzeln doch zuletzt auf kalten Boden

da sitzt du nun
denkst an die uniformen Taschen, an all die Kinderbilder, all die Liebsten
die sie einmal tragen und die so oft in letzten Ruhestätten lichtlos mit vergehen
beschmutzt mit allem was sich denken lässt und dem
was nur die Helden kennen

da sitzt du nun
und hast mit diesem Ehrenzwirn dein Wochensoll erfüllt
wie viele deiner Werke werden später sauber in den Schränken hängen
wenn nachts die Heldenhäupter
Trost in Frauenschößen suchen

da sitzt du nun
ein Maßschneider in seiner Werkstatt dem Kriegsdienst anbefohlen
und dienst doch nur dem Geist der Zeit auf deine Weise
Helden sind das Spielzeug alter Männer
damit Opfer sinnvoll scheinen gibt man ihnen Ehre, Flasche und Gewehr

nein,
du bist kein Held
du bist ein Meister deiner Zunft
und sitzt nun da seit Stunden unbewegt
an diesem Feierabend

Oskar Löffelschuh, März 2021 

1 2