Categotry Archives: Schrock Andreas

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Diese Welt

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Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche.
Ich hab geweint, zu selten,
und gelacht, zu laut,
und gesoffen hab ich auch.

Und dann bricht die Welt da rein, und ja,
es interessiert mich, wenn in China
ein Sack Reis umkippt, ein Fischhändler
aus Wuhan hat mein Leben verändert,
oder war es der Laborant, ich nehme
den Händler, den Reisschnaps in der Tasche,
das Land vibriert, spürst du´s nicht?

Die Kokosnüsse im Laden sind niedliche Dinger,
ich kann sie schütteln und hör' drin was glucksen,
fallen von Palmen, manchmal im falschen Moment,
erzählt mir eine Kolumbianerin, und dann
ist der Erntehelfer tot. Passiert halt,
Berufsrisiko, sagst du, und ich stelle mir
einen Zapfensammler vor im deutschen Wald,
der den Zapfen der Fichte fühlt.

Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche, das ist
was anderes, als die Echokammer des Herzens,
das ist der Echoraum der Welt.

Nur der tote Vater liegt vor der Tür, ich weiß nicht,
wohin mit ihm, schrieb ich im letzten Jahr.

Und dann rollt dieses neue Jahr an, zweiundzwanzig,
ich mag kein Jahrhundert mehr davorsetzen, wie
Geröll am Hang, rollt es die Brust herunter,
wie sind die Stones auf ihren Namen gekommen.

Nicht auszuhalten, dieses Rollen,
der Husten will raus und kann nicht,
in der Notaufnahme sind sie so nett,
die Schwester spricht laut unter ihrer Maske,
und artikuliert: Wie ist Ihr Name? Liebevoll,
wie das sagt, mit ihren großen Augen hinter der Brille,
darunter die Maske, ich will deine Lippen sehen, Schwester,
zeig mir nur einen Moment deine Lippen.

Wie die Lippen Wolodymyrs, als er noch keinen Bart trug,
die sind zum Küssen gemacht, so volle Lippen, dachte ich.
Unser Entsetzen ist gewaltig, lese ich
in deinem Brief, dieser Satz
ist der ganze Brief. Kein Wort mehr,
das ist kein Brot zum Essen, weißt du, 
das ist eine hartgewordene Schrippe.

Warum denke ich, mitten im Krieg, an den Frieden?
Was ist denn das für ein Frieden, wenn am Kübel ich
den Kwas ausschenke, in Lwiw oder Odessa oder
einem Moskauer Vorort, wenn die Sonne sich neigt,
müde, so müde, alle trinken und ich bin so durstig.

Warum sagt eigentlich keiner: Entschuldigen Sie bitte, 
es war ein Versehen, es tut mir leid, es tut mir weh.
Stattdessen entscheidet ein Vokal über Leben und Tod,
wenn in der Nacht der Trupp durch die Stadt schleicht.
Kannst ja kein "h" sprechen, fremder Bruder,
die Parole heißt: Luhansk. Los, sag Luhansk. Lugansk.
Luhansk sollst du sagen. Lugansk!

Und da steht der tote Vater auf, draußen, vor der Tür,
er tappt durch die Nacht, unruhig, er kommt und geht,
und das geht ja nun gar nicht, still, still, pschsch…
macht die Schwester, als der Soldat beginnt zu weinen,
nimmt sie ihn in den Arm, sah ich im russischen Fernsehen,
nicht im deutschen.

Das alles geht durch mich durch, wenn ich die Nachrichten spreche,
bei Rotlicht, im Studio. Und der Vater vor der Tür
legt sich wieder hin und stirbt noch einmal.
Und ich weiß nicht, wohin mit ihm.

Andreas Schrock, März/April 2022, letzte Bearbeitung September 2022
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Offenes Land

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Wie ein Greifvogel fällt die Dämmerung                                                Texte zur Ukraine
in die awtostanzija, über Menschen mit
leeren Kartoffelsäcken, über Mädchen mit
Handtaschen, über Männer, über Kinder.

Dahinein fällt die Dämmerung, fällt das Licht
der Linienbusse, spärlich, ins Donezkbecken
fahren sie, gut tausend Kilometer, budjet.

Auf den letzten Plätzen sitzen wir,
dein Gesicht, deine großen Augen
gegen den dunklen Himmel. Nach
Jalta oder weiter nach Donezk
fliegen unsere Gedanken dem
Busfahrer voraus. Die deschurnaja
ist ein Mädchen, eine djewotschka,
die durchzählt mit klarem Blick.

Voraus fliegen unsere Wünsche, ein Bus
voll Erwartungen, schweigend, schaukelt
die Küstenstraße, Kurve um Kurve
am Mittelstreifen entlang.

Der Mond hängt als halbierte Melone,
unwirklich, ungelenk, nichts
voreilig festlegend,
purzeln die Worte,

geht die Fahrt ins offene
Land.

Andreas Schrock, Krim, Juli 2005

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Andreas Schrock: Kleine Geschichte von etwas

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Kleine Geschichte von etwas

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Die schmale Frau wirbelte durch ihre Küche, mit dem zweijährigen Mädchen auf dem Arm, wie eine kleine Umwucht. Das ging vom Kühlschrank zum Herd, und vom Herd zur Salatschüssel. Ihre rechte Hand verschwand in der Schüssel. Sie warf ihr Haar nach hinten und blickte zu mir: „Willst du Sirup? Holundersirup, in homöopathischen Dosen.“ Sie lachte und gab mir mit links das Kind in den Arm. Sie glitt jetzt an den Küchenmöbeln entlang. Mit einem Minimum an Kraft holte sie ein Maximum an Bewegung heraus. Sophie. Das letzte Mal sah ich dich sie als Pantomime, auf der Bühne. Da warst du ganz klein, dein Gesicht ganz weiß. Wie jene Frau in Burkina Faso, die sich dem Franzosen an der Bar anverwandeln wollte. Sophie, du könntest auch Sofie heißen. Oder Zofia. Und dann über mich lachen, während ich deine Namen ausspräche. Deine vielen Namen. Sie reichte mir das Glas, nahm mir das Kind aus dem Arm. Ich kann nicht von dir lassen.

2
„Liebe Eva, heute früh regnete es, jetzt, es ist 13 Uhr, scheint die Sonne. So ist es in meinem Leben. Auf Deine Briefe freue ich mich immer wieder. Und frage mich, wann Du das alles schreibst. Die letzten Briefe von Dir kamen am 3.8., 10.8., 14.8. und 18.8., am 27. und 29.8. und am 31.8. Meine Liebe, bis zum 31.8. […] einschließlich Lenins Kinderkrankheiten und die beiden getrockneten Blumen ist alles da. Sodann ein Foto mit Barry, dem Hund, und, na was schon? Mit Dir. Du siehst, alles registriert. — Der kleine Hof gehört zum Haftkrankenhaus. Auf ihm wandle ich und denke an die Freiheit.“ Das schreibt Erich Honecker, glaubst du nicht, das kannst du nicht glauben, aber so ist es. Nicht mal an seine Frau schreibt er das, das mit dem Regen und der Sonne. Er schreibt an die Genossin Eva Ruppert, aus dem Gefängnis Berlin-Moabit.

3
Ich sitze in der Kirche, allein, ganz hinten. Und nichts passiert. Nichts passiert mit mir. Das Kirchenschiff schweigt. Die Stille ist die Schwester des Wahnsinns. Dabei ist alles da, um es ordentlich krachen zu lassen. Ein Christus, der am Kreuz hängt, vor mir abgegriffene Holzbänke, Jahrhunderte voller Geschichten. – Erst draußen, vor der Kirche, weht sie mich an: die Billigkeit. Die Billigkeit ist sanft zur Haut, sie säuselt, sie zeigt sogar ihre Brüste, ohne dass ich zahlen müsste. Mal ehrlich, Christus am Kreuz hing ganz schön durch, aber er war ein bisschen vollkommen, in seinem silbereloxierten Körper. Jugendstil, so wie die ganze Kirche. Ich hätte es wissen können. Und wieder eine Kriegertafel, ohne Eingeständnis der Schuld.

​4
Von Burnout zu sprechen, kann billig sein. Wusstest du das? Ich wusste es nicht, ich habe es gelesen, aber es war…wie sagt man so schön? Evident. Das Evidente braucht keine Begründung. Es ist einfach da. Wie eine Schlagermelodie: Lass mich dein Evidentum sein…. Schluss jetzt, Burnout gibt es überhaupt nur in Deutschland. Da wird die Depression mal schnell mit hinein gepackt. Andere Länder sind genauer in der Diagnose. Das Problem: Wer an Burnout leidet, sollte sich ausschlafen. Wer depressiv ist, sollte einen Schlafentzug durchmachen. „Ick gloob, ick hab `n Burnout“, ist billig; und der erste Schritt zur Fehlbehandlung.

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Also, was jetzt. Die kleine Frau zeigt mir ihre Wohnung. Sie nimmt mich an die Hand. Das Schlafzimmer, aha, weiter geht’s. Sophie, ich möchte dein Bruder sein. Hältst du mir auch die Hand, wenn ich sterbe? Ich meine, könntest du dir vorstellen, meine Hand zu halten? Ich will dich gar nicht lieben. Ich will deine Nähe, für Null. Nein, ich will sie nicht für Null. Es geht nicht um mich. Und es geht nicht um dich. Lass uns über Kunst reden. Gib mir die Kleine nochmal.

Dresden, Aug. 2017, letzte Bearbeitung Juni 2018, allerletzte Bearbeitung Juli 2021

Erstfassung unter dem Titel „Kleine Geschichte von nichts“ Dresden/Goppeln, Juli 2006, letzte Bearbeitung Jan. 2009

Brief aus dem Haftkrankenhaus Berlin-Moabit 4. August 1992

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Geburtstagsgruß an Andreas Schrock 5. Juli 2021

Heute am 5. Juli 2021, gilt mein Geburtstagsgruß Dir, lieber Andreas. Heute ist deshalb auch eine gute Gelegenheit, Dir einmal ganz herzlich für Deine freundliche, offene, angenehme Art im Umgang mit deinen Vereinsmitgliedern und für Deine engagierte Arbeit zu danken. Ich freue mich sehr darüber, dass Du unsere Runden im Verein und besonders unseren Blog so eindrucksvoll mit Deinen Texten, Bildern, Fotos und Gedanken bereicherst. Wir alle hören Dir immer wieder gern und gebannt zu.

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Heute am 5. Juli 2021, gilt mein Geburtstagsgruß Dir, lieber Andreas.
Heute ist deshalb auch eine gute Gelegenheit, Dir einmal ganz herzlich für Deine freundliche, offene, angenehme Art im Umgang mit deinen Vereinsmitgliedern und für Deine engagierte Arbeit zu danken.
Ich freue mich sehr darüber, dass Du unsere Runden im Verein und besonders unseren Blog so eindrucksvoll mit Deinen Texten, Bildern, Fotos und Gedanken bereicherst.
Wir alle hören Dir immer wieder gern und gebannt zu.
Wenn Du in unserer Runde gelesen hast, geriet das regelmäßig zu einem Höhepunkt der Veranstaltung und Du hast uns in unnachahmlicher Weise berührt, zum Nachdenken gebracht.
Vielen Dank, das ist unvergessen.
Andreas – Mögen Dich die allerbesten Wünsche begleiten – ob privat, beruflich oder gesundheitlich – und mögen sie alsbald in Erfüllung gehen.

Andreas, es ist gut, dass es Dich gibt!
(Sonst müssten wir Dich erfinden.) ☺

Vielen Dank dafür.

Liane

Für alle, die sich erinnern möchten und für Interessierte, die Dich auf diesem Wege kennenlernen möchten, habe ich ein paar Sachen zusammen gestellt. Viel Vergnügen !


Depression

Leben Lieben Leiden Foto von Andreas Schrock
Ballade des Mannes im Dorfkrug zu Briesen

Wie soll ich es sagen

Vorworte aus dem Gedankenwasser Nr. 118

frühling in dresden

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Andreas Schrock: Kinderwünsche

„Ach, schenkte mir der Himmel ein grünes Haus .“ Heinrich von Kleist Ach, schenkte mir der Himmel ein Pferd, das Lissi heißt. Ach, schenkte mir der Himmel einen schönen Brief von Kleist. Ach, schenkte mir der Himmel, dass ich keine Neurodermitis habe. Ach, Kleist, ich bin wunschlos glücklich. Ich hab keine Klage. Ach, schenkte mir der Himmel die Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Ach, schenkte mir der Himmel ein Bild, wie Kleist nun gewesen. Ach, schenkte mir der Himmel, dass ich nicht nach Erkner ziehen muss. Ach, schenkte mir der Himmel einen himmelblauen, langen Fluss. Ach, schenkte mir der Himmel ein gutes Gewissen, einfach so. Ach, schenkte mir der Himmel einen gelben Bungalow. „Zettel an Grünem Haus“, Projekt der Klasse 4b, Gerhart-Hauptmann- Grundschule Grünheide unter Leitung von Kerstin Hanne. Reim: Andreas Schrock, Frankfurt/ Oder 27./28.

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„Ach, schenkte mir der Himmel ein grünes Haus .“ Heinrich von Kleist

Ach, schenkte mir der Himmel ein Pferd, das Lissi heißt.

Ach, schenkte mir der Himmel einen schönen Brief von Kleist.

Ach, schenkte mir der Himmel, dass ich keine Neurodermitis habe.

Ach, Kleist, ich bin wunschlos glücklich. Ich hab keine Klage.

Ach, schenkte mir der Himmel die Fähigkeit, Gedanken zu lesen.

Ach, schenkte mir der Himmel ein Bild, wie Kleist nun gewesen.

Ach, schenkte mir der Himmel, dass ich nicht nach Erkner ziehen muss.

Ach, schenkte mir der Himmel einen himmelblauen, langen Fluss.

Ach, schenkte mir der Himmel ein gutes Gewissen, einfach so.

Ach, schenkte mir der Himmel einen gelben Bungalow.

„Zettel an Grünem Haus“, Projekt der Klasse 4b, Gerhart-Hauptmann- Grundschule Grünheide unter Leitung von Kerstin Hanne. Reim: Andreas Schrock, Frankfurt/ Oder 27./28. September 2011

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