Categotry Archives: Foto: sibyll maschler

0

by

… in Vorbereitung des Seminars

Foto: sibyll j. maschler

„Alles, was man nicht kaufen kann“

Liebe Poeten

bringt Einfälle und Ideen zu diesem Motto mit in die Runde. Poetische Entdeckungsreisen führen oft in nichtkäufliche Regionen. Da könnten sich zum Beispiel zwei nicht käufliche Wesen treffen: „die Sehnsucht begegnet der Einsamkeit“.

Auch Glück und Pech kann man niemals vollständig mit Euros, Rubel oder Dollarscheinen einlösen. So gesehen sind die, welche weniger besitzen, mit denen, die glauben, alles zu haben, auf Augenhöhe.

Konfliktstoffe und poetische Ideen könnten im „Nichtkäuflichen“ schlummern.

Also laßt uns Nichtkäufliches sammeln und zusammentragen, was unserer Meinung nach dazu gehören kann.

Jeder ist aufgefordert, dazu im Seminar einen Vorschlag zu machen. Unkäufliches aus eigener Sicht…toll auch, wenn dazu Gedichte kämen. Es könnte der eigenen Feder entspringen, es könnte aber auch von Goethe oder M. Kaleko stammen. Hintergrund der Idee ist, Schreibfreude anzuregen und Stimmungen einzufangen. Laßt uns auf die Suche nach dem Unbezahlbaren gehen….

Gerhard Jaeger

0

Schweigeexerzitien in Birkenwerder

by

Foto: sibyll j. maschler „Birkenwerder“
Sie fuhr los, seit nunmehr einem Jahrzehnt immer wieder mit demselben Ziel. Unterwegs fragte sie sich, in welches Zimmerchen sie wohl dieses Mal einziehen wird. Würde sie eine Woche im Haupthaus, Seitenflügel oder in der nahegelegenen Baracke wohnen? Nun, die Zimmer sind eigentlich sowieso alle gleich: Ein schmales Bett, ein schlichter Schrank, ein Waschbecken, auf dem kleinen Schreibtisch ein Teelicht, darüber ein schnörkelloses Holzkreuz. Die Ausblicke unterscheiden sich dagegen erheblich. Eher wenig anmutend, ist der Blick auf den Parkplatz. Das Nachbargrundstück sieht gewöhnlich aus. Die Aussicht auf den Klostergarten ist dagegen wundervoll. Eine großflächige, leicht hügelige Wiese, alte Baumgruppen, gepflegte Hecken, geschützt gelegen Bänke ebenso wie freistehende, fast mittig ein künstlich angelegter, kleiner Brunnen aus Feldsteinen, daneben ein Ginsterstrauch. Dieser war erst in den letzten Jahren gepflanzt worden. Der Pater hatte einst den Bezug auf das Buch Jeremia erwähnt. Nach einer Stunde Fahrt endlich Ankunft. Dann Einzug ins Zimmer, dieses Mal über der Sakristei. Hier hatte sie noch nie gewohnt. Es war unerwartet. Auch, dass es ihr so vorkam, als würde sie Gott bereits hören, gleich vier Mal, sehr leise, von unten, irgendwie auch im gesamten Raum, aber besonders durch den Fußboden. Und sehr gleichmäßig. Später auch durch das Kopfkissen und die Matratze, bis Mitternacht immer öfter. Dann schlief sie ein, aber keinesfalls durch. Gott weckte sie, hielt sie wach. Dann fast Furcht vor dem Einschlafen, denn das Aufwecken störte wiederholt. Als es langsam hell wurde, endlich, der erwartete Klang der Klarinette. Sie hörte, dass ringsum einige Türschlösser bewegt wurden. Auch sie stand auf, öffnete die Tür einen kleinen Spalt und legte sich noch einmal ins Bett. Vertraute Klänge in all den Jahren, wiederkehrende. In der Stille des Hauses sehr einprägsam, wohlig. Sie wusste, dass es der Pater war. Immer, wenn Exerzitien waren, weckte er die Teilnehmenden zu früher Stunde. Dann Aufstehen und ins Gemeinschaftsbad. Dort hörte sie Gott nicht. Auch nicht im Speisesaal. In der Andacht vernahm sie Gott auf andere Weise. Der Pater las. Gott kommt nicht im Sturm, auch nicht im Erdbeben. Gott erscheint im sanften, leisen Säuseln. Da ist er hörbar. Da also auch, denkt sie. Dem Pater kann sie vertrauen. Schon von Anbeginn. Immer. Eine Freude auch, wenn er seinen Gästen mal die Tür aufhält. Mit gesenktem Blick macht er das, aber nicht aus Scham, sondern weil er des Dankes nicht bedarf. Sie kann in diesem Kloster alles annehmen. Im Gebäude atmet sie Gott. Auf dem Gelände auch. Und weit darüber hinaus. Sie lauscht. Ihr Klavierlehrer hatte einmal gesagt: Gehen sie mit den Ohren spazieren. Und nun im angrenzenden Wald. Unter den Schuhen Laub, Moos, Erde, kleine Stöckchen, Tannenzapfen. Knistern und Knacken in der Nähe und in der Ferne. Wie zwischen Gott und ihr. Manchmal knistert es und manchmal knackt es. Junge Bäume biegen sich im Wind, alte Bäume halten Stand oder bersten. Sie atmet frische Luft. Oben, in den Wipfeln, Lichtfenster. Himmelwärts. Sie geht zurück. Und erwartet das Läuten. Glocken rufen in den Wald, über die Dächer, in die Straßen: Kommt! Es sind alle geladen. Sie hat Hunger. An den Tischen kaum Blicke, mehr Gesten und das Klappern des Bestecks auf den Tellern. Leise Musik gegen die Geräusche des Kauens. Danach klopft Gott wieder, einmal, zweimal. Taktvoll. Der Klang etwas rund, wie kurz angeschoben, sich öffnend, aber rasch wieder abnehmend, kugelförmig, scheinbar angestubst, den Raum mild umlaufend, durchlaufend, leise. Dabei will sie doch eigentlich ruhen. Es gelingt ihr nicht. Gott ruft. 
Die Tage vergehen. Gott bringt sich regelmäßig in Erinnerung, durchdringt, kehrt wieder, mal mehr, mal weniger.
Wenn sie geht, draußen zum Beispiel, kann sie Gedanken auf Wolken setzen. Oder Zugvögeln mitgeben. So wird ihr Kopf frei. Wenn sie Mut hat, zum Unplanbaren, kommen neue Gedanken, ohne Einladung. Dann können neue Erfahrungen folgen.
Wenn die Geräusche des Tages abnehmen, wird Gott lauter. Wenn er dann anklopft, der Regulator in der Sakristei, kann das nerven. Aber eigentlich tut er gut. Ohne ihn, wieder zu Hause, kann Göttliches allzu schnell verloren gehen. Doch ruft er sie, aus dem Alltagsrad, dem Gedankenkarussell heraus und führt zurück, auf das Wesentliche, dann beginnt Heilung. Bei ihr zumindest.


sibyll jean maschler   
0

Gruß ins Jahr 2022

by

Spät, aber herzlich, möchte ich einen kurzen Gruß zum Neuen Jahr senden.

Hoffentlich hattet Ihr sowohl gesunde als auch besinnliche und glückliche Feiertage. Wie werdet Ihr sie verbracht haben? Kann ich die eine oder den anderen für einen Kommentar auf unserem Blog gewinnen, hörte ich doch von einem Besuch auf entlegener Insel und anderen bewegenden Ereignissen. War Eure Feierlaune vielleicht durch das Verkaufsverbot von Pyrotechnik beeinträchtigt oder habt Ihr Euch mehr darüber gefreut, weil Ihr die Tiere weniger verängstigt wusstet und die Luft weniger belastet? Bei uns war es kaum ruhiger als sonst, lediglich das Höhenfeuerwerk vom Filmpark blieb aus. Inzwischen ist auch der Steckweihnachtsbaum demontiert und somit `Tanne von gestern‘. Der wiederverwendbare Koniferenstamm fand im schuppen Platz und die Zweige haben sich in der Feuerschale zu knisternder Wärme verwandelt. Husch, schon war der Zauber vorbei und verflogen. So ist das ja manchmal im Leben.

Bloß das eine Thema, sagen wir, das C-Thema, will sich einfach nicht verdünnisieren. Vielleicht birgt das noch junge Jahr die Chance, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, damit wir nicht weiter auseinander driften, sondern tragbare Lösungen entwickeln können.
Abschließend möchte ich einladen, Andreas in den ungeraden Monaten und mir in den geraden Monaten, Texte zu mailen, damit der Blog, nach dem noch anhaltenden Winter, wieder zarte Knospen hervorbringen wird.
Es grüßt sibyll





Foto: sibyll j. maschler
2

Eine Hommage – Beiträge von sibyll maschler im Slider

Liebe sibyll, ich bedanke mich bei Dir für die nun schon neun Jahre andauernde gute Zusammenarbeit für unseren Blog. Besonders angenehm für mich war festzustellen, dass Du kontinuierlich über die Jahre hinweg die Entwicklung im Blog verfolgt hast und von Dir aus Texte und Fotos zur Verfügung gestellt hast. Hab Dank dafür.

by




Foto B.M
sibyll maschler Foto: B.M.T.

Liebe sibyll,
ich bedanke mich bei Dir für die nun schon neun Jahre andauernde gute Zusammenarbeit für unseren Blog.
Besonders angenehm für mich war festzustellen, dass Du kontinuierlich über die Jahre hinweg die Entwicklung im Blog verfolgt hast und von Dir aus Texte und Fotos zur Verfügung gestellt hast. Hab Dank dafür.
Die Hervorhebung Deiner Beiträge sind eine Hommage an Dich, verbunden mit allen guten Wünschen für Dein persönliches Wohlergehen.

Liane Fehler Onlineredaktion

Im Slider (ganz oben im Blog) werden in den nächsten Tagen Beiträge von sibyll maschler präsentiert.
Nicht nur Texte sondern auch viele Fotos von sibyll maschler sind in den letzten Jahren in unserem Blog veröffentlicht worden.


Foto von sibyl maschler Sibyll Maschler Foto: Zeiten der Dürre Gewässer Foto von sibyll maschler Mohnblumen-sibyll-maschler sibyl maschler – Foto : Blickwinkel
Foto: von Sibyll Maschler Foto: sibyll maschler Steine Foto: sibyll maschler Foto von sibyl Himmel 1  Sibyll Maschler Foto: Himmel 5 von Sibyll Maschler Himmel 3 Sibyll Maschler
Foto: von Sibyll Maschler sm IMG_5565 Foto:Skulptur (liegend) von Sibyll Maschler

Himmel 2 Sibyll Maschler Himmel 3 Sibyll  Maschler


Foto Skulptur von Sibyll Maschler.
0

sibyll maschler: Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten.

Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten. Beteiligte Personen: Frau, Mann und Sohn im Westen, Frau im Osten Orte: Haus, Straße, Garten, Zuhause

by

Foto: sibyll maschler


Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten.

Beteiligte Personen: Frau, Mann und Sohn im Westen, Frau im Osten

Orte: Haus, Straße, Garten, Zuhause




  1. Akt.

Sie verlässt das Haus. Mit Glas im Gepäck. Und einem Grund. Oder mehreren. Oder grundlos. Wer weiß. Sie geht. Es wird gesagt: Kein leichter Spaziergang. Aus dem Garten. Fort. Längst. Mit dem Vorhaben weit. Für immer. Vielleicht. Sie geht demonstrieren. Gegen ihre Familie. Oder für eine Kleingruppe. Aus Protest. Für eine Auszeit. Sie sieht sich. Im Fensterglas. Denken. Andenken. Nachdenken. Ansehen. Nachsehen. Von Westen nach Osten. Und zurück. Ein Hin und Her. Über Konkurrenz. Nach und Teilen. Sie will. Ihren Körper spüren. Wege ausprobieren. Wälder, Kreuzungen, Ländereien begehen. Bergan, bergab, erlaufen. Ausdauernd. Hauptsache fort. Vor wem? Von Zuhause? Und was es mal war.

Sie geht weit. Unbedarft. Prüft nicht, wie weit sie geht. Was kann sie zumuten? Sich? Anderen? Sie geht weiter. Sie greift ein. Ohne Grübeln. Handelt ohne Vordenken. Sie nimmt ein Glas. Es ist von ihr. Er hat es ins Haus gebracht. Nun hat sie das Glas. Sie wirft Glas. Mit Macht. Und Genugtuung. Fort. Splitter. Auf der anderen Seite. Eine Lache. Die saubere Hand. Nun blutet sie. Sie ist weit gegangen. Das Glas ist nun fort. Sie ist da. Erst jetzt, spät, sehr spät, hält sie inne. Es dunkelt. Ringsum. Furcht. Der Körper trägt nicht mehr. Sie ist allein. Hier und zu Hause auch.

  1. Akt

Sie denkt. Ich brauche Hilfe. Wer gehört zur Familie? Noch. Sie gehört dazu. Nun. Sie ruft. An einen Sohn. Anrufung. Wen ruft sie? Einen Mann. Ist es ihr Mann? Er war es sicher. Gegenwärtig vermutlich. In seinem Zimmer. Telefonate. Seit Monaten. Zu oft. Trotz ihres Verbotes. Ist er unterwegs. Im Netz und werkt. Er ist nicht da. Und dort. Kopfkino. Anklage. Am Telefon. Der Körper ist erschöpft. Er sagt. Ich will Hilfe. Sie auch.

  1. Akt

Sie fragt. Sich. Bleibt er? Aus Verantwortung. Er hat Kraft. Neu. Er ist schmal. Und gräbt im Sand. Im Garten. Ein Loch. Nach Wasser. Es ist tief. Sie lässt ihn. Graben. Im Erdreich. Steckt er fest. Vielleicht.

Sie dort. Im Osten. Darf es nicht wissen. Dass er nach Wasser gräbt. Sie soll ihn nicht sehen. Nicht berühren. Sie darf ihm nicht helfen. Beim Ausgraben. Schöpfen. Baggern. An Ufern.

Nach den Wochenenden. Fragen. Wie viel Liebe hat er? Bei Ihr? Er hat viel. Mit. Gefühl. Mit Leid. Er ist groß. Und hat mehr. Als schöne Augen. Der Blickwinkel ist fraglich. Die Position offen.

  1. Akt

Sie setzt sich. In der Ferne. Auseinander. Und zu ihnen. In den Westen. Diese Familie. Wer ist sie. Diese Frau. Nicht gläsern. Und er? Wen wird er schützen? Grüßen. Was hat das. Mit ihr zu tun. Was wird es machen? Mit ihr? Wenn diese Frau zu weit geht. Was dann?

sibyll maschler

Juni 2020

0

sibyll maschler: Einen Steinwurf weit

by

Foto von Sibyll Maschler
Foto von sibyll maschler

Es war bewölkt, etwas frisch, im März am Meer. Die See schwappte ruhig ans Ufer. Marias Urlaub ging zu Ende. Nun bildete ein Klassentreffen den Abschluss. Maria hatte noch einmal den Kragen ihres flauschigen Wollmantels hoch geschlagen, die fröstelnden Hände in den Taschen vergraben und ging mit einer etwa zehnköpfige Gruppe am Strand spazieren. Im Wasser waren weder Algen noch Quallen sichtbar, aber am Ufer viele Steine. Man konnte jedoch mühelos darüber hinweg gehen. Keine Klippen, kein aufgetürmtes Gestein, über das man vielleicht hinweg klettern musste, sondern überwiegend schöner Sandstrand. Die größten Steine waren etwa faustgroß. Werner erzählte bereits eine ganze Weile mit seiner Weggefährtin und fragte schließlich etwas lauter in die Runde: „Wisst ihr eigentlich, dass man Hühnergötter nicht verschenken soll?“ Jemand verneinte unmittelbar und schien damit die Antwort für alle gegeben zu haben. Während sich so etwas wie Nachdenklichkeit ausbreitete, verringerte sich die Schrittgeschwindigkeit der Gruppe. Eine Frau fragte: „Warum sollte man die Hühnergötter denn nicht verschenken? Gestern habe ich nämlich so viele gehabt, dass ich unserer Erzieherin zwei Hände voll von meinen abgab, schließlich wusste ich, dass sie welche für ihre Schützlinge suchte.“ „Abgeben ist ja auch gut und richtig.“, erwiderte Werner. „Aber verschenken sollte wir sie nicht. Wer kann sich schon leisten, gefundenes Glück einfach mal so zu verschenken?!“ Da erhoben sich Raunen und Lachen und alle hatten verstanden. Bevor sich wieder Gespräche entwickeln konnten, rief Adam mit fröhlicher Stimme in die Runde: „Lasst uns ein Spiel spielen! Steine werfen. Wir beginnen, indem sich jeder von uns zunächst einen hässlichen und einen hübschen Stein sucht. Los geht’s!“

Maria ging sogleich in die Hocke und begann sich umzuschauen. Den hässlichen Stein hatte sie schnell gefunden. Sie hob einen auf, der ihrer Meinung nach nichts am Strand zu suchen hatte. Denn er war aus Beton; unförmig abgebrochen, scharfkantig, von grober Körnung und langweilig graubrauner Farbe. Diesen Klotz konnte Maria gerade noch mit einer Hand greifen. Sie nahm ihn in die linke Hand und glitt sogleich mit der rechten über die umliegenden. Es wurde schwieriger. Die Auswahl an hübschen Steinen war sehr groß. Nach welchen Kriterien sollte sie eigentlich suchen? War eine angenehme Form wichtiger als die Farbgebung? Wie sollte sich ein schöner Stein anfühlen, sich in die Hand einschmiegen? Würde sie auf die Schnelle sogar einen Hühnergott finden? Doch diesen Gedanken verwarf sie besser gleich wieder. Ein Loch sollte ihr schöner Stein nun gerade nicht haben. Die Wahl fiel ihr wirklich schwer. Keiner der Gruppe nutzte einen anderen Stein, um damit nach tiefer gelegenen Steinen zu graben, außer Maria. Letztlich entschied sie sich für einen Stein, der angenehm in ihrer Hand lag, weder kreisrund noch ganz flach war, sondern eiförmig und etwa daumendick. Ebenmäßig, ja, er war ebenmäßig. Es schien, als bestünde er ziemlich genau aus einer sandfarbenen und einer rötlichen Hälfte. Marias Stein fühlte sich sowohl schlicht als auch edel an, wie ein wohliger Handschmeichler. Nun, dieser sollte jetzt tatsächlich für diesen Moment der ihre sein. Gerade als Maria ihn aufgenommen hatte, sagte Adam, „Jetzt legt ihr sinnbildlich all das, was ihr loswerden wollt, schon lange abschütteln möchtet, was euch vielleicht verletzt oder wehtut, in den hässlichen Stein hinein und werft ihn so weit wie möglich ins Meer. In den anderen Stein wünscht ihr alles Schöne und Gute.“

Maria fand diese Idee super. Sie stand unmittelbar auf und sprang auf der Stelle, laut juchzend in die Luft. Dieser Glücksseufzer war so übermütig und ansteckend, dass alle lachen mussten.

Maria wusste sofort, was sie in den hässlichen Betonklotz randvoll, ach, übervoll metaphorisch hineindenken und –fühlen wollte. Den Schmerz aus der Kindheit, Scham über die Wahl des Kindesvaters, die Furcht vor der Einsamkeit im Alter, ihr heilloses Streben nach Unabhängigkeit. Ach, da gab es eine Menge an Unrat.

Und etwas Schönes hatte sie ja gerade erlebt. Da gab es in den vergangenen drei Wochen eine neue Bekanntschaft. Deshalb war gerade ein Jubel in Maria, welcher erstaunlich rasch an Bedeutung gewonnen hatte. Sie wollte ihn dennoch dem Meer, im Tausch gegen ihre Lasten, übergeben. Die Freude würde ein würdiges Gegengewicht zu dem Schweren darstellen. Vielleicht war es sogar schon ein lieblicher Tanz, ein beginnendes Fest, zumindest bei ihr. Wahrscheinlich würde die Hergabe mehr einem Opfer gleichen als einer Übergabe an das Meer.

Leider war ihre Bekanntschaft bereits wieder abgereist. Sie hatte ihn gebeten, alles mitzunehmen, was zwischen ihnen begonnen hatte. Dabei versuchte sie sich glauben zu machen, dass es ihr einerlei sei, ob er es hüten würde oder nicht. Hauptsache, er würde es forttragen, mitnehmen, weg von ihr. Doch entweder hatte sie sich nicht klar genug ausgedrückt oder er hatte gemogelt. Denn Marias Zuneigung war seit dem keinesfalls weniger geworden. Vielmehr spürte sie noch deutlich die Schwingungen ihrer Begegnung. Bisher trug sie dies kleine Glück noch bei sich, hatte es ihm wohl auch nicht vollends mitgeben können, weil es schon in ihr leuchtete. Seit Monaten glaubte sie, niemals mehr das Gleichgewicht für einen weiteren Tanz zu finden, den Schwung, die Kraft nach all den Jahren. Doch nun, mit Adams Spiel, brauchte sie nur einmal riesen großen Schwung zu nehmen, um diesen Anfang dem Meer zu übergeben. Glück im Tausch gegen vergangene Schwere. Sie entschied sich tapfer, dass nun der Moment gekommen sei, beides dem Meer zu überantworten.

Aber wahrscheinlich würde das Werfen von Glück und Last genauso unmöglich zu sein, wie das Glück mit jemanden fortzuschicken, es forttragen zu lassen.

Aber zunächst war dieses grobe Etwas von Betonklotz dran. Maria legte erst einmal all ihre Enttäuschung, vergebliches Bitten und Gebet, ihr Entsetzen über unmenschliches Sein tief in diesem ab. Sie formulierte ihre Last nicht präzise aus, eher knetete sie diese kräftig, in scheinbar zu formenden Lehm symbolisch hinein. Sie positionierte den Beton in ihrer Wurfhand. Wie erfrischend der Gedanke war, diesen Stein mit aller Wucht ins Dunkel des Meeres zu werfen. Sie wollte ihn rasch loswerden, mit einem Wurf weit von sich stoßen, richtig kraftvoll schmettern. Es sollte gewaltig werden, donnernd, erschreckend. Sogleich zog sie ihren Mantel aus, um ja gut ausholen zu können. Dann warf sie noch rasch den Schal in den Sand, damit sie auch nicht daran hängen bliebe, lief übertrieben weit landeinwärts, drehte sich um und rannte zur Wasserkante zurück. Währenddessen holte sie rücklings aus und dann aber los. Das war ein Wurf! Der saß. Als der hässliche Stein im Wasser einschlug, war er deutlich hörbar. Ein Erfolg, ein echter Erfolg der Versenkung. Maria stemmte ihre Hände in die Hüfte und war zufrieden.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die anderen aus dem Blick verloren hatte. Sie waren längst zum Aufbruch bereit. Nach einigen tiefen Atemzügen, ging sie zum Mantel zurück. Doch wo war ihr schöner Stein? Er lag weder auf dem Mantel oben auf noch darunter noch befand er sich in den Seitentaschen. Maria machte ihre Hände in die Hosentaschen, doch auch da kein Stein. Erneut tastete sie alle Eingriffe ihrer Kleidung ab. Dann hob sie den Schal auf, doch auch dort war der schöne Stein nicht zu finden. Die Gruppe war bereits voraus gegangen, Maria suchte weiter. Nun hockte sie sich hin, überflog die umliegende Fläche mit flüchtigem Blick. Dann wurde sie allmählich etwas ruhig und schaute nun ganz sorgfältig die sie umgebenden Quadratmeter ab. Der schöne, der sinnliche Stein war weg. Und mit ihm auch, was sie in den letzten Wochen erlebt hatte und bereit gewesen war, dem Meer zu schenken, zu opfern. Sie wollte doch ihre Sehnsucht loswerden, um ruhig zu werden, wie das Meer an windstillen Tagen.

Stunden später erfuhr sie, dass der schöne Stein gar nicht geworfen, sondern mitgenommen werden sollte. Er durfte bewahrt werden für unbestimmte Zeit.

Maria wusste nun um ihren guten Stein. Sie hatte ihn sorgfältig gesucht, betrachtet und deutlich in ihren Händen gespürt. Offen blieb, ob er später noch gefunden, geworfen oder für immer gehalten wurde oder sich das Meer ihn wieder zurückholte.

Text und Foto von sibyll maschler – März 2019

0

sibyll maschler: Steine

kreideweiß edel bunt finden sprengen behauen manche mit Schliff zum Karat andere aus Lehm in Form gebrannt zum Bauen von Grund Mauern Wällen Häusern ...

by

Steine Foto: sibyll maschler

kreideweiß edel bunt
finden sprengen behauen
manche mit Schliff zum Karat
andere aus Lehm in Form gebrannt
zum Bauen von Grund Mauern Wällen Häusern
salzige für´s Tier
vergrabene am Grab
Ecksteine zum Stützen Erinnern Glauben
Denkmale Stolpersteine Findlinge
Monolithen im Gras sonnenwarm
Felsen vom Hang stürzend
bemoost algenglitschig
Uferfelsenplatten
kantig in Gruben Brunnen Halt gebend
dem Wasser Fluss Kanal
flache vom Sand überweht große
Kreise ziehend an der Oberfläche
Kiesel geschliffen gerundet bewegte
grummelnd am Grund im Meer
Steine rollen werfen fangen
zum Spielen Schmücken Senken
und der an meinem Hals
bist du

2018

Foto: sibyll maschler
0

Literaturempfehlung – Bücher von Thomas Melle

by

Literaturempfehlung für das Neue Jahr

Wer ist frei von manisch-depressiven „Eigenschaftssplittern“? Oder auch von schizoiden? Sie oder er möge diese Literaturempfehlung ungelesen überspringen. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, einen Menschen zu kennen, welcher mit dieser Krankheit seine Tage und Nächte „entert“, „sich abhanden gekommen ist“. Unter diesem Aspekt empfiehlt es sich dann doch, Bücher von Thomas Melle zu lesen. Nachdem ich mir zunächst die Neuerscheinung „Die Welt im Rücken“ gekauft hatte, las ich nach und nach die Vorgänger bis hin zum Debütroman. Eine gut gewählte Reihenfolge, denn mit dem autobiographischen Bestseller aus dem Jahr 2016, erschließen sich die Protagonisten in den vorangegangenen Romanen umso besser. So ist es sicher kein Zufall, dass die Namen der zwei hauptsächlich agierenden Personen, Thorsten und Magnus, in „Sichster“ graphematisch sehr dicht am Namen des Autors sind. Thomas und Thorsten werden beide mit >Th< geschrieben. Magnus, zweisilbig, mit dem gleichen Initial des Nachnamens Melle.

Die Literatur ist schmerzhaft scharfgestellt, erscheint mir wie ein metallisches, gnadenloses Schlaglicht. Manches wirkt überspitzt, wie z.B. „Meine Kindheit trägt die Farbe des Wortes Hämatom.“, „In der Phase der Minussymptomatik… bis mich ein Wutanfall wieder freisprengte“ oder „Der Tag begann mit einer Verneinung und endete mit einer Kapitulation“.  Lange Passagen führen immer tiefer in diese fließende, gleitende Dunkelheit hinab. Aber inzwischen glaube ich, dass da gar nichts überspitzt wurde, sondern die Schilderungen durchlebt wurden und immer noch permanent in anderen Farben irrlichtern. Außerdem funkeln unendlich viele, einzigartige Bilder: „Die Zunge fühlt sich wie ein Schneckenmutant aus Gummibärchen an“, „Ich hörte das Sausen der Ringe des Saturns“, „Lebenskomplexe …Ganze Maisfelder wollen da noch zu Popkornwälder aufspringen.“ Und es prasseln Vergleiche. „Die Psychiatrie ist ein Sammelsurium von Fehlexemplaren“, „Baukräne wie große futuristische Heuschrecken, Bauarbeiter wie Playmobilfiguren im Sand.“

„3000 Euro“ ist ein Roman über die „Stadtschattengewächse“ Anton und Denise. Schon durch die ersten 3 Sätze fühlet ich mich sofort ertappt: „Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint. Unter den Flicken und Fetzen bewegt sich nichts. Die Passanten gehen an dem Haufen vorbei, als wäre er nicht da.“ Aber es wächst zunehmend  Empathie für die „am Rande. Oder schon über den Rand hinaus. Die, die ferner liefen.“ „300 Euro“ las ich vergleichsweise zügig und schaue die „unterschatteten Augen“ nun mit anderen.

Thomas Melles Debüt „Raumforderung“ besteht aus Erzählungen und bezeugt bereits die ganze expansive Sprachkraft des Autors.

Meine Empfehlung beruht auf dem Wunsch, dass wir einander wahr-nehmen: In der Realität, Spiritualität, Literatur oder wo auch immer.

sibyll maschler

0

sibyll maschler: Schnittig

Die Zeit schneiden mit der Schere hörbar wie ein Metronom im Gleichschritt Stiefel der Soldaten auf dem Asphalt scharf und kantig der Widerhall des Spechtschnabels am Baum Mit der Zeit schneiden die Kinder Löcher in Zeitungen und Hosen steigen Seifenblasen fallen schimmern zwei Atemzüge lang wie durchgeschnitten halb in der Pfütze noch Die Zeit schneidet messerscharf Falten in Haut Hirn und Hut und Hoffnung wie die Zeit schneiden

by

sybill maschler IMG_7676

Schnittig
Die Zeit schneiden
mit der Schere
hörbar
wie ein Metronom
im Gleichschritt
Stiefel der Soldaten
auf dem Asphalt
scharf und kantig
der Widerhall
des Spechtschnabels am Baum

Mit der Zeit schneiden
die Kinder Löcher
in Zeitungen und Hosen
steigen Seifenblasen fallen
schimmern zwei Atemzüge lang
wie durchgeschnitten halb
in der Pfütze noch

Die Zeit schneidet
messerscharf
Falten in Haut Hirn und Hut
und Hoffnung wie
die Zeit schneiden

Text und Foto von sibyll maschler – April 2017

1 2 3