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saudade

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freundeskreis ums feuer
näher dran als früher
zusammengerückt
um lücken zu schließen

schwülste von schweißnähten fühlbar dort
wo alte freunde fehlen
unbestimmter schmerz
so nah' am feuer

rückkehr
hoffnung
auf ein auseinanderrücken
um wieder enger beisammen zu sein

in alter
in neuer
in großer runde
dort, wo abseits der hitze wärme verbindet

Stephan Tittel

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Diese Welt

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Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche.
Ich hab geweint, zu selten,
und gelacht, zu laut,
und gesoffen hab ich auch.

Und dann bricht die Welt da rein, und ja,
es interessiert mich, wenn in China
ein Sack Reis umkippt, ein Fischhändler
aus Wuhan hat mein Leben verändert,
oder war es der Laborant, ich nehme
den Händler, den Reisschnaps in der Tasche,
das Land vibriert, spürst du´s nicht?

Die Kokosnüsse im Laden sind niedliche Dinger,
ich kann sie schütteln und hör' drin was glucksen,
fallen von Palmen, manchmal im falschen Moment,
erzählt mir eine Kolumbianerin, und dann
ist der Erntehelfer tot. Passiert halt,
Berufsrisiko, sagst du, und ich stelle mir
einen Zapfensammler vor im deutschen Wald,
der den Zapfen der Fichte fühlt.

Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche, das ist
was anderes, als die Echokammer des Herzens,
das ist der Echoraum der Welt.

Nur der tote Vater liegt vor der Tür, ich weiß nicht,
wohin mit ihm, schrieb ich im letzten Jahr.

Und dann rollt dieses neue Jahr an, zweiundzwanzig,
ich mag kein Jahrhundert mehr davorsetzen, wie
Geröll am Hang, rollt es die Brust herunter,
wie sind die Stones auf ihren Namen gekommen.

Nicht auszuhalten, dieses Rollen,
der Husten will raus und kann nicht,
in der Notaufnahme sind sie so nett,
die Schwester spricht laut unter ihrer Maske,
und artikuliert: Wie ist Ihr Name? Liebevoll,
wie das sagt, mit ihren großen Augen hinter der Brille,
darunter die Maske, ich will deine Lippen sehen, Schwester,
zeig mir nur einen Moment deine Lippen.

Wie die Lippen Wolodymyrs, als er noch keinen Bart trug,
die sind zum Küssen gemacht, so volle Lippen, dachte ich.
Unser Entsetzen ist gewaltig, lese ich
in deinem Brief, dieser Satz
ist der ganze Brief. Kein Wort mehr,
das ist kein Brot zum Essen, weißt du, 
das ist eine hartgewordene Schrippe.

Warum denke ich, mitten im Krieg, an den Frieden?
Was ist denn das für ein Frieden, wenn am Kübel ich
den Kwas ausschenke, in Lwiw oder Odessa oder
einem Moskauer Vorort, wenn die Sonne sich neigt,
müde, so müde, alle trinken und ich bin so durstig.

Warum sagt eigentlich keiner: Entschuldigen Sie bitte, 
es war ein Versehen, es tut mir leid, es tut mir weh.
Stattdessen entscheidet ein Vokal über Leben und Tod,
wenn in der Nacht der Trupp durch die Stadt schleicht.
Kannst ja kein "h" sprechen, fremder Bruder,
die Parole heißt: Luhansk. Los, sag Luhansk. Lugansk.
Luhansk sollst du sagen. Lugansk!

Und da steht der tote Vater auf, draußen, vor der Tür,
er tappt durch die Nacht, unruhig, er kommt und geht,
und das geht ja nun gar nicht, still, still, pschsch…
macht die Schwester, als der Soldat beginnt zu weinen,
nimmt sie ihn in den Arm, sah ich im russischen Fernsehen,
nicht im deutschen.

Das alles geht durch mich durch, wenn ich die Nachrichten spreche,
bei Rotlicht, im Studio. Und der Vater vor der Tür
legt sich wieder hin und stirbt noch einmal.
Und ich weiß nicht, wohin mit ihm.

Andreas Schrock, März/April 2022, letzte Bearbeitung September 2022
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Lesen und Schreiben in Schulzendorf

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Liebe Eitle Künstler und Freunde der UnDichter,

nach dem sehr entspannten Seminar in Jahnishausen mit Musik, Malerei und neuen bzw. lange nicht gehörten Text-Stimmen geht der eitle Alltag weiter: das nächste „Lesen und Schreiben“ steht an.

Hiermit möchte ich Euch dazu auch im Namen der Gastgeberin ganz herzlich für Montag, den 10.Oktober, 17 Uhr nach 15732 Schulzendorf einladen. (Genaueres s. u.). Dort wird uns Anna, die wir in Jahnishausen für einen Tag in sehr anregenden Diskussionen kennenlernen durften, begrüßen. Damit kommen wir auch wieder deutlich näher an unseren Ursprung heran und ich hoffe, dass der Eine oder die Andere aus der Gegend es so leichter hat dazuzustoßen.

Fahrtechnisch gibt es neben den verschiedenen Mitfahrgelegenheiten (die 3 Brandenburger Vorstandsmitglieder haben schon mal zugesagt) ganz in der Nähe die Bushaltestelle „Münchner Straße / Schulzendorf“, so dass man aus KW, Wildau, und vom Bhf. Zeuthen gut rankommt.

Es soll auch wieder einen kleinen Input-Vortrag geben. Anna hat sich für „Goethes ‚Torquato Tasso‘ – der Künstler und die Mächtigen“ entschieden, weil einige von uns im Park Jahnishausen erlebten, wie die Tradition des sächsischen Königtums dort hochgehalten wurde.

Aber vergesst darüber die eigenen Texte nicht!

Wie immer zum Abschluss:  Bitte meldet euch vorher an, damit Anna weiß, mit wie vielen zu rechnen ist. (Am besten bis Samstag, den 8. Oktober!)

In der Hoffnung, möglichst viele von Euch wiederzusehen –

Euer Lars Steger
buecherasyl-lars@gmx.de
Tel.: 0331 24348293

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Bildbetrachtung

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Manchmal suche ich nach Worten, um etwas Unaussprechliches auszusprechen. Manchmal sind es Bilder, die den Anstoß geben. Vielleicht kennst du das. Diese Liste soll eine Hilfe sein. Ein Arbeitsblatt, von Laien für Laien. Sie kann verändert und ergänzt werden.

Linien
Blickrichtungen - Blickschwünge
Perspektiven
Linien
Schwerpunkte - Schwebepunkte
Ränder

Flächen
Farben: warm - kalt, farbig - matt, hell - dunkel
transparent - deckend
Licht - Schatten
Hell - Dunkel
Lichtkanten

Teilungen
Vordergrund - Hintergrund
Perspektiven
Emotionen (Gefühle)
Körperhaltungen (Figuren)
Stimmungen 

Stoffliches
Technik: Öl, Acryl, Aquarell, Kreide, Tusche,...
Malgrund
flächig - räumlich

Kontext (Gedanken)
Künstler
Rezeption (Museen, Länder,...)
Stilrichtung

Andreas Schrock (Anregungen willkommen)


    	
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Gute neue Zeiten

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Die Gedanken an Monarchen
Sollten wir sie nicht beschnarchen?
Waren doch bei einem zu Gast
Von dem Du schon gehöret hast

Er hieß Johann, war recht weise
Man denkt an ihn und das recht leise
Bald 15 Dezennien ist er tot
Nun bringt man seine Sach ins Lot

Das dann mal lustig durchzuspielen
Zählt zu den schöngedachten Zielen
Die mir so kamen in den Sinn

Seid dem ein bisschen zugeneigt
Dass unser Stern am Himmel steigt
So sehr ich auch Effendi bin

Christian Rempel 5.9.2022


Effendi - ein geheimnisvoller Name, der nach Anna in Tausend und einer Nacht einem Großwesir gleichgestellt, also mit Privilegien versehen, aber seinem Herrn aufs Wort verpflichtet ist. Bei Karl May Beinamen von Kara Ben Nemsi Effendi, im Sinne von Deutschem Fremdling, und in einem anderen Buch ein Schmuggler Abdahn Effendi. Heute im Muslimischen als einfacher Vorname geläufig. 

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… in Vorbereitung des Seminars

Foto: sibyll j. maschler

„Alles, was man nicht kaufen kann“

Liebe Poeten

bringt Einfälle und Ideen zu diesem Motto mit in die Runde. Poetische Entdeckungsreisen führen oft in nichtkäufliche Regionen. Da könnten sich zum Beispiel zwei nicht käufliche Wesen treffen: „die Sehnsucht begegnet der Einsamkeit“.

Auch Glück und Pech kann man niemals vollständig mit Euros, Rubel oder Dollarscheinen einlösen. So gesehen sind die, welche weniger besitzen, mit denen, die glauben, alles zu haben, auf Augenhöhe.

Konfliktstoffe und poetische Ideen könnten im „Nichtkäuflichen“ schlummern.

Also laßt uns Nichtkäufliches sammeln und zusammentragen, was unserer Meinung nach dazu gehören kann.

Jeder ist aufgefordert, dazu im Seminar einen Vorschlag zu machen. Unkäufliches aus eigener Sicht…toll auch, wenn dazu Gedichte kämen. Es könnte der eigenen Feder entspringen, es könnte aber auch von Goethe oder M. Kaleko stammen. Hintergrund der Idee ist, Schreibfreude anzuregen und Stimmungen einzufangen. Laßt uns auf die Suche nach dem Unbezahlbaren gehen….

Gerhard Jaeger

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