Categotry Archives: GeWa – ausgewählte Beiträge

0

Archiv – Beiträge aus unserem Heft Gedankenwasser (GeWa) 115

Vorgewortetes… manchmal hat man Angst in Sprachlosigkeit zu verfallen. Was ist wahr? Wirklichkeiten sind doch nur die kleinen Zimmerchen um das Pulsen unserer Herzen. Wie aber beleuchten wir diese Räume mit den Wänden aus Traum und Wirklichkeit, aus Glauben und Hoffen? Glitzert nicht an manchen Wänden eine Träne des Zweifelns, des Schmerzes oder des Vermissens? Tragen wir denn nicht die aufgereihten Steinzeichen des Titelbildes selbst im Gesicht? Ach wie gut das niemand weiß, dass ich nicht Rumpelstilzchen heiß. Da können Traumsequenzen in die 115 tröpfeln. Surreal collagierte Texte zu Bildern befruchten Bilder zu Texten. Es reihen sich fragwürdig hingeträumte Verse, Haikus und vokalakrobatische Versuche uns oder unser Ich bildhaft zu machen. So entsteht ein neues GEWA, die 115 aus den Ängsten der Sprachlosigkeit und aus dem Fleiß der Autoren, die mit ihrem produktiven Wortspielen Den Ängsten und Zweifeln das Krönchen des Mutes aufsetzen. Die115 ist bunt! ... Gerhard Jaeger Anmerkung der Onlineredaktion: Die Redaktion für das Gedankenwasser 115 lag in den Händen von Andreas Schrock und Gerhard Jaeger. Aus dem GeWa 115 sind im Blog unter anderem folgende Beiträge verfügbar: Orakel der Welt ... Dies ist eine Vorschau. Um diesen Artikel ganz lesen oder den Links zu folgen zu können, bitte in die türkisfarbene Überschrift oder auf das Wort “Weiterlesen” klicken und den Artikel öffnen.

by

Anmerkung der Onlineredaktion:
Die Redaktion für das Gedankenwasser 115 lag in den Händen von Andreas Schrock und Gerhard Jaeger. Aus dem GeWa 115 sind im Blog unter anderem folgende Beiträge verfügbar:

Gerhard Jaeger (Text und Fotos) : Die Stadt summt

Sylvia Woodhouse zur Collage 1 von Helga Gerasch

Sylvia Woodhouse zur Collage 2 von Helga Gerasch

Sylvia Woodhouse zur Collage 3 von Helga Gerasch

Sylvia Woodhouse zur Collage 4 von Helga Gerasch

Andreas Schrock: satt liegt der abend

Sylvia Woodhouse zur “Collage 1″ von Jenny Dlugaiczyk

Sylvia Woodhouse Text zur Collage 2 von Jenny Dlugaiczyk

Sylvia Woodhouse mit einem Text zur “Collage 3″ von Jenny Dlugaiczyk:

Sylvia Woodhouse zur Collage 3 von Peggy Salaw

Desdemona: Unlösbares Rätsel

Desdemonas Zeichnung: “monolit”

Christian Rempel: Schneewittchenadaption

Gerhard Jaeger (Text und Foto): Russisch Brot

Gerhard Jaeger: Herausfinden, ob Märchen wohnen im eigenen ICH

Liane Fehler: Das Orakel der Welt

Desdemona: Steine vor Felsen – Text zu einer Collage von Hagen Ludwig

Peggy Salaw: Collage 1 mit einem Text von Sylvia Woodhouse

Peggy Salaw: Collage 5 mit einem Text von Sylvia Woodhouse

0

Andreas Schrock: Vorworte aus dem Gedankenwasser Nr. 118

Vorworte Die Straßenbahn ruckelte gemächlich an Plattenbauten vorbei. Ich stand ganz vorn und schaute der Straßenbahnfahrerin über die Schultern. Sie rauchte. Sie war hübsch. Sie war Mitte 20. Sie hatte ein Foto von Sharon Stone unter die Scheibe geklemmt. Sie hörte Musik. Der Ascher stand rechts von ihr, auf einer Tischdecke mit Folkloremotiven. Ich fuhr mit der hübschen Straßenbahnfahrerin durch Oradea, einer Stadt im Nordwesten Rumäniens, so groß wie Cottbus. An diese skurrile Fahrt musste ich denken, als Tina und ich die Texte sortierten und in eine Reihenfolge zu bringen versuchten. Das Heft steckt wie die Straßenbahn in Oradea voll poetischer Geschichten. Und doch will die Einordnung nicht so recht gelingen. Fast scheint es, als wollten sich Texte (und Bilder), nachdem sie gesprochen haben, dem Zugriff schnell wieder entziehen. Dabei erzählen sie von Zeiten, von Orten, von Verläufen. Sie tun es satt von Leben, manchmal mit Witz, manchmal mit einem Lächeln, selbst wenn sie von Verlusten erzählen. Die „Linie 118“ lädt zu einer poetischen Fahrt durch Menschen und Landschaften ein. Und der Streckenverlauf ist keineswegs so festgelegt, wie es uns die Seitenzahlen weißmachen wollen. Die Straßenbahnfahrt durch Oradea hatte übrigens noch eine zweite Ebene: die Bahn war ja voller Menschen. Aber kein einziger Fahrgast störte sich an der hübschen, rauchenden Straßenbahnfahrerin, die mit ihrer Folkloredecke durch eine Großstadt ruckelte. Warum? Ich glaube, dass sie damit nicht nur ihre Geschichte erzählte, sondern auch die Geschichte der Menschen um sie herum, ihre Sehnsüchte und Sorgen. Und auch daran musste ich denken, als das „Gedankenwasser Nr. 118“ entstand. Was erzählen die Texte mit ihren unterschiedlichen Orten und Zeiten von der einen Zeit, in der wir alle leben? Und dem einen Ort (Land), in dem wir zu Hause sind? Lasst Euch überraschen und mitnehmen auf eine Entdeckungsfahrt! Viel Freude dabei wünscht Andreas Schrock.

by

*

Vorworte

Die Straßenbahn ruckelte gemächlich an Plattenbauten vorbei. Ich stand ganz vorn und schaute der Straßenbahnfahrerin über die Schultern. Sie rauchte. Sie war hübsch. Sie war Mitte 20. Sie hatte ein Foto von Sharon Stone unter die Scheibe geklemmt. Sie hörte Musik. Der Ascher stand rechts von ihr, auf einer Tischdecke mit Folkloremotiven. Ich fuhr mit der hübschen Straßenbahnfahrerin durch Oradea, einer Stadt im Nordwesten Rumäniens, so groß wie Cottbus.

An diese skurrile Fahrt musste ich denken, als Tina und ich die Texte sortierten und in eine Reihenfolge zu bringen versuchten. Das Heft steckt wie die Straßenbahn in Oradea voll poetischer Geschichten. Und doch will die Einordnung nicht so recht gelingen. Fast scheint es, als wollten sich Texte (und Bilder), nachdem sie gesprochen haben, dem Zugriff schnell wieder entziehen. Dabei erzählen sie von Zeiten, von Orten, von Verläufen. Sie tun es satt von Leben, manchmal mit Witz, manchmal mit einem Lächeln, selbst wenn sie von Verlusten erzählen. Die „Linie 118“ lädt zu einer poetischen Fahrt durch Menschen und Landschaften ein. Und der Streckenverlauf ist keineswegs so festgelegt, wie es uns die Seitenzahlen weißmachen wollen.

Die Straßenbahnfahrt durch Oradea hatte übrigens noch eine zweite Ebene: die Bahn war ja voller Menschen. Aber kein einziger Fahrgast störte sich an der hübschen, rauchenden Straßenbahnfahrerin, die mit ihrer Folkloredecke durch eine Großstadt ruckelte. Warum? Ich glaube, dass sie damit nicht nur ihre Geschichte erzählte, sondern auch die Geschichte der Menschen um sie herum, ihre Sehnsüchte und Sorgen.

Und auch daran musste ich denken, als das „Gedankenwasser Nr. 118“ entstand. Was erzählen die Texte mit ihren unterschiedlichen Orten und Zeiten von der einen Zeit, in der wir alle leben? Und dem einen Ort (Land), in dem wir zu Hause sind? Lasst Euch überraschen und mitnehmen auf eine Entdeckungsfahrt! Viel Freude dabei wünscht Andreas Schrock.

0

Chronik – Gerhard Jaeger: Vorgewortetes… (aus dem GeWa 115)

Vorgewortetes… manchmal hat man Angst in Sprachlosigkeit zu verfallen. Was ist wahr? Wirklichkeiten sind doch nur die kleinen Zimmerchen um das Pulsen unserer Herzen. Wie aber beleuchten wir diese Räume mit den Wänden aus Traum und Wirklichkeit, aus Glauben und Hoffen? Glitzert nicht an manchen Wänden eine Träne des Zweifelns, des Schmerzes oder des Vermissens? Tragen wir denn nicht die aufgereihten Steinzeichen des Titelbildes selbst im Gesicht? Ach wie gut das niemand weiß, dass ich nicht Rumpelstilzchen heiß. Da können Traumsequenzen in die 115 tröpfeln. Surreal collagierte Texte zu Bildern befruchten Bilder zu Texten. Es reihen sich fragwürdig hingeträumte Verse, Haikus und vokalakrobatische Versuche uns oder unser Ich bildhaft zu machen. So entsteht ein neues GEWA, die 115 aus den Ängsten der Sprachlosigkeit und aus dem Fleiß der Autoren, die mit ihrem produktiven Wortspielen Den Ängsten und Zweifeln das Krönchen des Mutes aufsetzen. Die115 ist bunt! Gerhard Jaeger

by

*
Vorgewortetes…

manchmal hat man Angst in Sprachlosigkeit zu verfallen. Was ist wahr? Wirklichkeiten sind doch nur die kleinen Zimmerchen um das Pulsen unserer Herzen. Wie aber beleuchten wir diese Räume mit den Wänden aus Traum und Wirklichkeit, aus Glauben und Hoffen? Glitzert nicht an manchen Wänden eine Träne des Zweifelns, des Schmerzes oder des Vermissens?

Tragen wir denn nicht die aufgereihten Steinzeichen des Titelbildes selbst im Gesicht?

Ach wie gut das niemand weiß, dass ich nicht Rumpelstilzchen heiß. Da können Traumsequenzen in die 115 tröpfeln. Surreal collagierte Texte zu Bildern befruchten Bilder zu Texten. Es reihen sich fragwürdig hingeträumte Verse, Haikus und vokalakrobatische Versuche uns oder unser Ich bildhaft zu machen. So entsteht ein neues GEWA, die 115 aus den Ängsten der Sprachlosigkeit und aus dem Fleiß der Autoren, die mit ihrem produktiven Wortspielen Den Ängsten und Zweifeln das Krönchen des Mutes aufsetzen. Die 115 ist bunt! …

 

Gerhard Jaeger

0

Lars Steger: wenn die offene

wenn die offene dir zur leeren landschaft wird fehlen die worte (veröffentlicht im GeWa 114)

by

*
*
*
*
wenn die offene*
dir zur leeren landschaft wird*
fehlen die worte

(veröffentlicht im GeWa 114)

5

Gerhard Jaeger: Versöhnung

Manchmal Matjora Schmecke ich das Blut Die zerbrochene Klinge Ragt aus meinem Auge Blau Du schenkst Wein, rot wie der schmeckt und vom Blut befreit diesen Brotlaib in dem alle Leiber schwanden die zerfielen zu Ackersand Speck teilst du und Freundschaft springt über Als könne uns nun Keine Klinge mehr (veröffentlicht im GeWa 114)

by


Manchmal Matjora
Schmecke ich das Blut
Die zerbrochene Klinge
Ragt aus meinem Auge
Blau

Du schenkst Wein, rot
wie der schmeckt und
vom Blut befreit

diesen Brotlaib
in dem alle Leiber schwanden
die zerfielen
zu Ackersand

Speck teilst du und
Freundschaft springt über
Als könne uns nun
Keine Klinge mehr

(veröffentlicht im GeWa 114)

0

Lars Steger: im haus vor dem deich

im haus vor dem deich wohnst du wissend um die flut die kommt irgendwann (veröffentlicht im GeWa 114)

by


*
*
*
*
im haus vor dem deich
wohnst du wissend um die flut*
die kommt irgendwann

(veröffentlicht im GeWa 114)

1

Lars Steger: am nachtdunklen strand

am nachtdunklen strand ins nächste dorf gehen wo niemand wartet (veröffentlicht im GeWa 114) Text: Lars Steger

by


*

am nachtdunklen strand
ins nächste dorf gehen
wo niemand wartet

(veröffentlicht im GeWa 114)

0

Andrea Meng: Ich Milchgesicht

Ich war noch ein ganz schlimmes Milchgesicht Echt Und Kraft kannte ich damals nur als Sehnsucht danach Ich traf eine alte Frau auf der Straße Sie versprach mir sehr viel davon Dafür müsste ich nur ein paar Menschen essen Aber: Bloß nicht die, die in Bars auf alten Barhockern rumhängen Denn die hätten schon lange keine mehr, sagte sie noch Tatsächlich packte mich jetzt ein riesiger Menschenhunger Den kannte ich bisher nur als Gerücht von Facebook Es gab ihn also wirklich Wer hätte das gedacht Ich zerrte den Erstbesten von der Straße in ein Gebüsch Probierte, kaute, schluckte Es schmeckte wunderbar Das Gerücht hatte nicht gelogen und Kraft flog auf mich zu Für immer und ewig hoffte ich (Ich hatte mich nicht getäuscht

by

*
*
Ich war noch ein ganz schlimmes Milchgesicht

Echt
Und Kraft kannte ich damals nur als Sehnsucht danach

Ich traf eine alte Frau auf der Straße
Sie versprach mir sehr viel davon
Dafür müsste ich nur ein paar Menschen essen
Aber:
Bloß nicht die, die in Bars auf alten Barhockern rumhängen
Denn die hätten schon lange keine mehr, sagte sie noch

Tatsächlich packte mich jetzt ein riesiger Menschenhunger
Den kannte ich bisher nur als Gerücht von Facebook
Es gab ihn also wirklich
Wer hätte das gedacht

Ich zerrte den Erstbesten von der Straße in ein Gebüsch
Probierte, kaute, schluckte
Es schmeckte wunderbar
Das Gerücht hatte nicht gelogen und
Kraft flog auf mich zu
Für immer und ewig hoffte ich

(Ich hatte mich nicht getäuscht
Denn aus mir wurde was ich noch heute bin:
Der stärkste Berliner der Welt)

(veröffentlicht im GeWa 114)

0

Gerhard Jaeger: Abenddennerung

denn es geht weiter denn es wird dunkel denn Abendschläue denn das ist gewiß denn abends auf der Leiter denn auch ein Gefunkel

by

**

denn es geht weiter*
denn es wird dunkel*
denn Abendschläue*
denn das ist gewiß*
denn abends auf der Leiter*
denn auch ein Gefunkel*
denn ich in alter Treue*
denn ein wenig Schiß*
denn der Schlaf*
denn die Ruhe*
denn der Traum*
ist nicht ohne Schaf*
ist nicht ohne*
denn wenn ich penne*
ist es anders als wenn*
Ich renne, denne*
unter der Abenddennerung*
ist ein großes Werden*
hier auf Erden

*

*

Das Gedicht Abenddennerung wurde veröffentlicht im Heft Gedankenwasser (GeWa) 103.

0

Lars Steger: die inselnase

die inselnase hier musst du her nach dem sturm berge muscheln tang (veröffentlicht im GeWa 114)

by


*

die inselnase
hier musst du her nach dem sturm
berge muscheln tang
*

(veröffentlicht im GeWa 114)

1

Desdemona: Versäumt

Still ! - Eurer Klagen kommt zu spät. Seht ! - Das Mögliche ist getan. Jetzt. - Ist nichts mehr zu tun. Schweigt! - Umsonst Euer Geschrei. (veröffentlicht im GeWa 114)

by

*

*

Still !
– Eurer Klagen kommt zu spät.

Seht !
– Das Mögliche ist getan.

Jetzt.
– Ist nichts mehr zu tun.

Schweigt!
– Umsonst Euer Geschrei.

 

(veröffentlicht im GeWa 114)

0

Chronik – Gerhard Jaeger: Collage?

Collage? "...Wenn es der Zunft der bildenden Künste gegeben ist, aus unterschiedlichen Materialien, Papier, Gewebe, Fotos und anderen Fundsachen Bilder zu schaffen, so haben wir Schreibenden die Möglichkeit, unsere Fundstücke, Gedankensplitter und Themengewebe in poetische Sprachbilder zu setzen. Sicher ist das schwer miteinander zu vergleichen, aber mir scheint der kreative Ansatz dazu derselben Familie zu entspringen. “… die Dinge reden hör ich so gern… “ heißt es bei R. M. Rilke. Also folgen wir ihm und geben den Dingen einen Raum im Haus der Sprache bis hin zu dem kühnen Versuch von Christian Rempel naturwissenschaftliche Theorie in Gedichte zu transformieren. Totsicher, ein gewagtes Experiment, bei dem nach gültiger Spielregel wenigstens einer der Kontrahenten beschädigt aus dem Rahmen fallen wird. Dennoch, auch daran wird die Verlockung sichtbar, mit Themenmaterialien zu hantieren ..."

by


aus dem GeWa 114

: aus verschiedenen Materialien (Papierpoetik, Stimmengewebe, Profilfotos u.a.) zusammengesetztes Sprachbild…

„VORWORT“

derartig vorgestimmt, mit einem Schattenwurf auf das bevorstehende Frühjahrsseminar in der Bücherstatt Wünsdorf, entstand die Textsammlung zum GEWA Nr. 114. Im Seminar werden wir uns auch der Thematik “Collage“ zuwenden…

Selten im Lesekreis zu findende Autoren, wie von Andrea Meng, Maria Goldberg und Michaela Cessari, erheben ihre Stimmen im Gewebe der Poetik und profilieren sich im Heft Seite an Seite mit den langjährigen Mitstreitern. So entstand einmal mehr eine Collage aus Texten. Diese Entdeckung hat uns beim Zusammenstellen überrascht und Freude bereitet. Immer geht es uns darum, Neueres aufzuspüren, andere Handschriften kennen zu lernen, in Stimmungen und Sichtwelten der Autoren zu reisen. Wenn es der Zunft der bildenden Künste gegeben ist, aus unterschiedlichen Materialien, Papier, Gewebe, Fotos und anderen Fundsachen Bilder zu schaffen, so haben wir Schreibenden die Möglichkeit, unsere Fundstücke, Gedankensplitter und Themengewebe in poetische Sprachbilder zu setzen. Sicher ist das schwer miteinander zu vergleichen, aber mir scheint der kreative Ansatz dazu derselben Familie zu entspringen. “… die Dinge reden hör ich so gern… “ heißt es bei R. M. Rilke. Also folgen wir ihm und geben den Dingen einen Raum im Haus der Sprache bis hin zu dem kühnen Versuch von Christian Rempel naturwissenschaftliche Theorie in Gedichte zu transformieren. Totsicher, ein gewagtes Experiment, bei dem nach gültiger Spielregel wenigstens einer der Kontrahenten beschädigt aus dem Rahmen fallen wird. Dennoch, auch daran wird die Verlockung sichtbar, mit Themenmaterialien zu hantieren und sie tragfähig in Schrift zu stellen. Nachdenklicher das Resümee der “Mitvierzigjährigen“ von Annett Goldberg, ihr Material ist das gelebte Leben, die durchlebte Erfahrung. So hat es Franz Fühmann ausgedrückt: “Dichtung ist durchlebte Erfahrung.“ Für uns, auf der Suche nach dem Collagenhaften in der Poetik wird deutlich, wie weit unser Rahmen sich öffnet. Auch die kleinen Formen, Haiku von Marie Goldberg und Lars Steger lassen erkennen, wie sich die Suche und das Sammeln vollziehen. Ist nicht jeder von uns schon mit gesenktem Blick an Ufern und Stränden entlanggelaufen, darauf hoffend, den lang ersehnten Schatz, die Flaschenpost mit der geheimen Botschaft oder die Werkzeugkiste eines Schiffbrüchigen zu finden? Heimgekehrt sind wir mit einem geschliffenen Steinchen, aber eben mit einem, der nun ins Mosaik unseres Lebens gehört. Wohl auch ein Teil gelebter Collage …

Vielen Dank an die Autoren für die Beiträge und viel Spaß beim Erkunden der Texte.

1

Jennifer Müller: Der Kaktus im Blumenbeet

Er starrt. Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn, doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann

by

*

*
Er starrt.

Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken  Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn,

doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann nicht so zart und schön sein wie die Blumen. Wie sähe das denn auch aus, ein blumgewordener Kaktus. Nein, er starrt den Boden an. Den braunen, langweiligen Boden, der allerlei Krimskrams beherbergt. Er hätte ja auch eine Ameise sein können. Dann hätte er wenigstens die Möglichkeit davon zu laufen, andere Kakteen zu suchen, die genauso stachelig sind wie er selbst, die genauso starren, um die Abneigung und zugleich makellose Schönheit der Blumen nicht sehen zu müssen. Genau genommen hätte er sich mit einem zweiten Kaktus doch sehr viel wohler gefühlt. Dann hätte es ihm egal sein können wenn die Bienen kommen, wie sie es immer tun, wenn er starrt. Dann kommen die Bienen und halten ihm das vor Augen, was ihn so stört. Die fliegen von Blume zu Blume und daran scheint auch gar nichts falsch zu sein. Bienen und Blumen sind ja glücklich. Da hat keiner Stacheln und da starrt auch niemand. Nein, der Kaktus fühlt sich deplatziert. Wenn es einen Gott gäbe, so sagt er sich, hätte ihn dieser doch nie inmitten eines Blumenbeets gepflanzt. Zumindest hätte Gott ihn ja dann zu einer Blume machen können.

Er starrt.

Er starrt den Himmel an, weil es ihn beschäftigt, ob da oben jemand sitzt und sich denkt: „Das hast du gut gemacht, ist ein schönes Bild. Ein Kaktus inmitten eines Blumenbeets.“

Tief in seinem Innern spürt der Kaktus ein Herz schlagen.

Ein kleines Herz, das schwer und müde ist vom ständigen Versuchen, groß und stark zu sein um eines Tages die ganze Welt umarmen zu können.

Das Wasser bahnt sich weiterhin den Weg durch seine Wurzeln, und Tag für Tag tankt er sich voll mit Sonne. Und ab und zu, wenn er sich einen Augenblick Zeit nimmt, versucht er in den Wolken Bilder zu sehen und gibt sich seinen Träumen hin, in denen Blumen und Kakteen in einer wundervollen Symbiose in einem Blumenbeet stehen, frei von Stachelangst und Befangenheit, einer Welt, in der es einen Gott gibt, der einem kleinen Herz die Chance gibt mit Glück erfüllt zu sein.

7

Andrea Meng: Es regnet seit Jahren

Er steht am Fluss In der Hand einen Bolzenschneider Es regnet seit Jahren Aus den Feuchtwiesen sind Sumpfwiesen geworden Ach was, ganz üble Moore sind es Und das Land, in dem er lebt Schimmelt Der große, schnelle Fluss treibt die Enten fort Voll Speed Sie wissen überhaupt nicht wie ihnen geschieht Da, eine Barrikade aus unterspülten, entwurzelten, mitgerissenen Bäumen Mitten im Fluss Die Enten knallen voll dagegen Prallen wieder ab Sind total zerzaust, ramponiert Einige sind tot Aber er hat ja noch seinen Bolzenschneider Er wird sie jetzt retten mit seiner Tat Die Zukunft der Enten retten Nicht mehr dieser Aber auf jeden Fall die der nächsten Er schneidet den ganzen verdammten Bäumefilz auseinander Er schneidet, er schuftet, er schwitzt Tausenden Enten wird es das Leben retten Denkt er, hofft er Er halluziniert jetzt Denn dafür Für diese Rettung Seine Tat Sozusagen als kleines Dankeschön Möchte er daß ihm ein Wunsch erfüllt wird Sein einziger und wenn es denn ginge Daß Enten Wünsche erfüllen - Er wünscht sich also Daß endlich dieser eine Traum aufhört Den er jede Nacht hat Daß er im Regen zelten muß Nachts Ohne Zelt

by

*

Er steht am Fluss
In der Hand einen Bolzenschneider
Es regnet seit Jahren
Aus den Feuchtwiesen sind Sumpfwiesen geworden
Ach was, ganz üble Moore sind es
Und das Land, in dem er lebt
Schimmelt

Der große, schnelle Fluss treibt die Enten fort
Voll Speed
Sie wissen überhaupt nicht wie ihnen geschieht
Da, eine Barrikade aus unterspülten, entwurzelten, mitgerissenen Bäumen
Mitten im Fluss
Die Enten knallen voll dagegen
Prallen wieder ab
Sind total zerzaust, ramponiert
Einige sind tot

Aber er hat ja noch seinen Bolzenschneider
Er wird sie jetzt retten mit seiner Tat
Die Zukunft der Enten retten
Nicht mehr dieser
Aber auf jeden Fall die der nächsten
Er schneidet den ganzen verdammten Bäumefilz auseinander
Er schneidet, er schuftet, er schwitzt
Tausenden Enten wird es das Leben retten
Denkt er, hofft er

Er halluziniert jetzt
Denn dafür
Für diese Rettung
Seine Tat
Sozusagen als kleines Dankeschön
Möchte er daß ihm ein Wunsch erfüllt wird

Sein einziger und wenn es denn ginge
Daß Enten Wünsche erfüllen –

Er wünscht sich also
Daß endlich dieser eine Traum aufhört
Den er jede Nacht hat

Daß er im Regen zelten muß
Nachts
Ohne Zelt

23

Maria Goldberg: grau starrt der Himmel

grau starrt der Himmel eine einsame Krähe wiegt sich im nackten Geäst

by

*

Foto: Susann Schulz

*
*
grau starrt der Himmel
eine einsame Krähe wiegt sich
im nackten Geäst
*
*

2

Christian Rempel: Fauna superioris

Der Spinnenfaden ist recht fest, nimm die geringe Dichte noch hinzu, wenn Du ihn an sich selber hängen lässt, kann länger werden er als Stahl und Eisen.

by


*

Der Spinnenfaden ist recht fest,
nimm die geringe Dichte noch hinzu,
wenn Du ihn an sich selber hängen lässt,
kann länger werden er als Stahl und Eisen.
Kannst Du’s beweisen?
Beider Zugfestigkeit: 1 GPa,
Dichteverhältnis die Hexenzahl 7.
Wisst ihr es nun ihr Lieben?
Und denket ihr nun kurz und knapp,
das hängt vielleicht vom Querschnitt ab,
habt einen Holzweg ihr beschritten.
Und denken wir uns Stalaktiten
von langen langem Holze (28 km),
dann rissen sie noch später ab,
als wenn aus Stahl,
natürlich erste Wahl,
sie wären.
*
Die Flora sich so findig zeigt
und nur die Fauna übersteigt
an Festigkeit noch das Gebilde,
das hab ich raus, nun lächelt milde.

*
21.2.2013

 

0

Maria Goldberg: Waldeinsamkeit

klare Luft atmen – leises Knacken im Geäst - Stille gebrochen Text: Maria Goldberg Ausschnitt aus dem Bild "Kanal-mit-Zirkus" von Gerhard Jaeger

by

3

Andrea Meng: Du Felsgesicht

Sie hatte ihn so satt Ihn und sein Felsgesicht Und seine drei Hunde Deren Namen mit Kampf anfingen Und den Klingelton seines Handys Das er auch zur Nachtzeit nie ausschaltete Richtig übel aber war Der Fehlerbericht Den er über sie führte Als kleine Liste in seiner Hosentasche

by

*


Sie hatte ihn so satt
Ihn und sein Felsgesicht
Und seine drei Hunde
Deren Namen mit Kampf anfingen
Und den Klingelton seines Handys
Das er auch zur Nachtzeit nie ausschaltete

Richtig übel aber war
Der Fehlerbericht
Den er über sie führte
Als kleine Liste in seiner Hosentasche
Vorangestellt die Überschrift:
Richte Nicht!

Der Trottel
Sie vergiftete ihn mit einem Fischgericht
Aus Versehen
Aber sie mussten alle dran glauben
Er, sein Felsgesicht, die Hunde, das Handy und die blöde Liste
Tja

Was dann geschah?
Sie verliebte sich neu
Was denn sonst?


0

Aus der Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015 – Liane Fehler: Arabeske

Arabeske heißt mein wildes Pferd es trug mich im Teufelsritt durch den Frühling in den Sommer bis zu dieser Nacht gelange durch die Gärten „de Aranjuez“* auf die Mondsichel weiches Licht fließt auch auf die allein Träumenden über die traurigen, großen Kinder die erwachsen tun

by

*


Arabeske

heißt mein wildes Pferd
es trug mich im Teufelsritt
durch den Frühling
in den Sommer
bis zu dieser Nacht
gelange durch die Gärten
„de Aranjuez“*
auf die Mondsichel
weiches Licht fließt
auch auf die
allein Träumenden
über die traurigen, großen Kinder
die erwachsen tun

Mein Blick findet
in der Ferne – Dich
Kommst Du?
Wartest Du?

Meinem Rappen
flüstere ich Deinen Namen ins Ohr
Fasse in seine Mähne
reite über die schwarzen Himmel
die Blauen – die Weißen

Sommer 2012*

*
*Arabeske: orientalische Musikrichtung arabischen Ursprungs, die Texte handeln oft von unerfüllter Liebe und dem Leiden an der Welt.
* Concerto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo zählt zu den populärsten Musikstücken des 20. Jahrhunderts.
 
Das Gedicht wurde veröffentlicht in der Jubiläumsanthologie: “unDichterNebel” 2001 – 2015
(ISBN  978-3-941394-40-7 / Osiris Druck Lpz.)
*
1 2
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: