Categotry Archives: Prosa von sibyll maschler

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sibyll maschler: Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten.

Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten. Beteiligte Personen: Frau, Mann und Sohn im Westen, Frau im Osten Orte: Haus, Straße, Garten, Zuhause

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Foto: sibyll maschler


Zerlegung eines VorGanges. In vier Akten.

Beteiligte Personen: Frau, Mann und Sohn im Westen, Frau im Osten

Orte: Haus, Straße, Garten, Zuhause




  1. Akt.

Sie verlässt das Haus. Mit Glas im Gepäck. Und einem Grund. Oder mehreren. Oder grundlos. Wer weiß. Sie geht. Es wird gesagt: Kein leichter Spaziergang. Aus dem Garten. Fort. Längst. Mit dem Vorhaben weit. Für immer. Vielleicht. Sie geht demonstrieren. Gegen ihre Familie. Oder für eine Kleingruppe. Aus Protest. Für eine Auszeit. Sie sieht sich. Im Fensterglas. Denken. Andenken. Nachdenken. Ansehen. Nachsehen. Von Westen nach Osten. Und zurück. Ein Hin und Her. Über Konkurrenz. Nach und Teilen. Sie will. Ihren Körper spüren. Wege ausprobieren. Wälder, Kreuzungen, Ländereien begehen. Bergan, bergab, erlaufen. Ausdauernd. Hauptsache fort. Vor wem? Von Zuhause? Und was es mal war.

Sie geht weit. Unbedarft. Prüft nicht, wie weit sie geht. Was kann sie zumuten? Sich? Anderen? Sie geht weiter. Sie greift ein. Ohne Grübeln. Handelt ohne Vordenken. Sie nimmt ein Glas. Es ist von ihr. Er hat es ins Haus gebracht. Nun hat sie das Glas. Sie wirft Glas. Mit Macht. Und Genugtuung. Fort. Splitter. Auf der anderen Seite. Eine Lache. Die saubere Hand. Nun blutet sie. Sie ist weit gegangen. Das Glas ist nun fort. Sie ist da. Erst jetzt, spät, sehr spät, hält sie inne. Es dunkelt. Ringsum. Furcht. Der Körper trägt nicht mehr. Sie ist allein. Hier und zu Hause auch.

  1. Akt

Sie denkt. Ich brauche Hilfe. Wer gehört zur Familie? Noch. Sie gehört dazu. Nun. Sie ruft. An einen Sohn. Anrufung. Wen ruft sie? Einen Mann. Ist es ihr Mann? Er war es sicher. Gegenwärtig vermutlich. In seinem Zimmer. Telefonate. Seit Monaten. Zu oft. Trotz ihres Verbotes. Ist er unterwegs. Im Netz und werkt. Er ist nicht da. Und dort. Kopfkino. Anklage. Am Telefon. Der Körper ist erschöpft. Er sagt. Ich will Hilfe. Sie auch.

  1. Akt

Sie fragt. Sich. Bleibt er? Aus Verantwortung. Er hat Kraft. Neu. Er ist schmal. Und gräbt im Sand. Im Garten. Ein Loch. Nach Wasser. Es ist tief. Sie lässt ihn. Graben. Im Erdreich. Steckt er fest. Vielleicht.

Sie dort. Im Osten. Darf es nicht wissen. Dass er nach Wasser gräbt. Sie soll ihn nicht sehen. Nicht berühren. Sie darf ihm nicht helfen. Beim Ausgraben. Schöpfen. Baggern. An Ufern.

Nach den Wochenenden. Fragen. Wie viel Liebe hat er? Bei Ihr? Er hat viel. Mit. Gefühl. Mit Leid. Er ist groß. Und hat mehr. Als schöne Augen. Der Blickwinkel ist fraglich. Die Position offen.

  1. Akt

Sie setzt sich. In der Ferne. Auseinander. Und zu ihnen. In den Westen. Diese Familie. Wer ist sie. Diese Frau. Nicht gläsern. Und er? Wen wird er schützen? Grüßen. Was hat das. Mit ihr zu tun. Was wird es machen? Mit ihr? Wenn diese Frau zu weit geht. Was dann?

sibyll maschler

Juni 2020

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sibyll maschler: Einen Steinwurf weit

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Foto von Sibyll Maschler
Foto von sibyll maschler

Es war bewölkt, etwas frisch, im März am Meer. Die See schwappte ruhig ans Ufer. Marias Urlaub ging zu Ende. Nun bildete ein Klassentreffen den Abschluss. Maria hatte noch einmal den Kragen ihres flauschigen Wollmantels hoch geschlagen, die fröstelnden Hände in den Taschen vergraben und ging mit einer etwa zehnköpfige Gruppe am Strand spazieren. Im Wasser waren weder Algen noch Quallen sichtbar, aber am Ufer viele Steine. Man konnte jedoch mühelos darüber hinweg gehen. Keine Klippen, kein aufgetürmtes Gestein, über das man vielleicht hinweg klettern musste, sondern überwiegend schöner Sandstrand. Die größten Steine waren etwa faustgroß. Werner erzählte bereits eine ganze Weile mit seiner Weggefährtin und fragte schließlich etwas lauter in die Runde: „Wisst ihr eigentlich, dass man Hühnergötter nicht verschenken soll?“ Jemand verneinte unmittelbar und schien damit die Antwort für alle gegeben zu haben. Während sich so etwas wie Nachdenklichkeit ausbreitete, verringerte sich die Schrittgeschwindigkeit der Gruppe. Eine Frau fragte: „Warum sollte man die Hühnergötter denn nicht verschenken? Gestern habe ich nämlich so viele gehabt, dass ich unserer Erzieherin zwei Hände voll von meinen abgab, schließlich wusste ich, dass sie welche für ihre Schützlinge suchte.“ „Abgeben ist ja auch gut und richtig.“, erwiderte Werner. „Aber verschenken sollte wir sie nicht. Wer kann sich schon leisten, gefundenes Glück einfach mal so zu verschenken?!“ Da erhoben sich Raunen und Lachen und alle hatten verstanden. Bevor sich wieder Gespräche entwickeln konnten, rief Adam mit fröhlicher Stimme in die Runde: „Lasst uns ein Spiel spielen! Steine werfen. Wir beginnen, indem sich jeder von uns zunächst einen hässlichen und einen hübschen Stein sucht. Los geht’s!“

Maria ging sogleich in die Hocke und begann sich umzuschauen. Den hässlichen Stein hatte sie schnell gefunden. Sie hob einen auf, der ihrer Meinung nach nichts am Strand zu suchen hatte. Denn er war aus Beton; unförmig abgebrochen, scharfkantig, von grober Körnung und langweilig graubrauner Farbe. Diesen Klotz konnte Maria gerade noch mit einer Hand greifen. Sie nahm ihn in die linke Hand und glitt sogleich mit der rechten über die umliegenden. Es wurde schwieriger. Die Auswahl an hübschen Steinen war sehr groß. Nach welchen Kriterien sollte sie eigentlich suchen? War eine angenehme Form wichtiger als die Farbgebung? Wie sollte sich ein schöner Stein anfühlen, sich in die Hand einschmiegen? Würde sie auf die Schnelle sogar einen Hühnergott finden? Doch diesen Gedanken verwarf sie besser gleich wieder. Ein Loch sollte ihr schöner Stein nun gerade nicht haben. Die Wahl fiel ihr wirklich schwer. Keiner der Gruppe nutzte einen anderen Stein, um damit nach tiefer gelegenen Steinen zu graben, außer Maria. Letztlich entschied sie sich für einen Stein, der angenehm in ihrer Hand lag, weder kreisrund noch ganz flach war, sondern eiförmig und etwa daumendick. Ebenmäßig, ja, er war ebenmäßig. Es schien, als bestünde er ziemlich genau aus einer sandfarbenen und einer rötlichen Hälfte. Marias Stein fühlte sich sowohl schlicht als auch edel an, wie ein wohliger Handschmeichler. Nun, dieser sollte jetzt tatsächlich für diesen Moment der ihre sein. Gerade als Maria ihn aufgenommen hatte, sagte Adam, „Jetzt legt ihr sinnbildlich all das, was ihr loswerden wollt, schon lange abschütteln möchtet, was euch vielleicht verletzt oder wehtut, in den hässlichen Stein hinein und werft ihn so weit wie möglich ins Meer. In den anderen Stein wünscht ihr alles Schöne und Gute.“

Maria fand diese Idee super. Sie stand unmittelbar auf und sprang auf der Stelle, laut juchzend in die Luft. Dieser Glücksseufzer war so übermütig und ansteckend, dass alle lachen mussten.

Maria wusste sofort, was sie in den hässlichen Betonklotz randvoll, ach, übervoll metaphorisch hineindenken und –fühlen wollte. Den Schmerz aus der Kindheit, Scham über die Wahl des Kindesvaters, die Furcht vor der Einsamkeit im Alter, ihr heilloses Streben nach Unabhängigkeit. Ach, da gab es eine Menge an Unrat.

Und etwas Schönes hatte sie ja gerade erlebt. Da gab es in den vergangenen drei Wochen eine neue Bekanntschaft. Deshalb war gerade ein Jubel in Maria, welcher erstaunlich rasch an Bedeutung gewonnen hatte. Sie wollte ihn dennoch dem Meer, im Tausch gegen ihre Lasten, übergeben. Die Freude würde ein würdiges Gegengewicht zu dem Schweren darstellen. Vielleicht war es sogar schon ein lieblicher Tanz, ein beginnendes Fest, zumindest bei ihr. Wahrscheinlich würde die Hergabe mehr einem Opfer gleichen als einer Übergabe an das Meer.

Leider war ihre Bekanntschaft bereits wieder abgereist. Sie hatte ihn gebeten, alles mitzunehmen, was zwischen ihnen begonnen hatte. Dabei versuchte sie sich glauben zu machen, dass es ihr einerlei sei, ob er es hüten würde oder nicht. Hauptsache, er würde es forttragen, mitnehmen, weg von ihr. Doch entweder hatte sie sich nicht klar genug ausgedrückt oder er hatte gemogelt. Denn Marias Zuneigung war seit dem keinesfalls weniger geworden. Vielmehr spürte sie noch deutlich die Schwingungen ihrer Begegnung. Bisher trug sie dies kleine Glück noch bei sich, hatte es ihm wohl auch nicht vollends mitgeben können, weil es schon in ihr leuchtete. Seit Monaten glaubte sie, niemals mehr das Gleichgewicht für einen weiteren Tanz zu finden, den Schwung, die Kraft nach all den Jahren. Doch nun, mit Adams Spiel, brauchte sie nur einmal riesen großen Schwung zu nehmen, um diesen Anfang dem Meer zu übergeben. Glück im Tausch gegen vergangene Schwere. Sie entschied sich tapfer, dass nun der Moment gekommen sei, beides dem Meer zu überantworten.

Aber wahrscheinlich würde das Werfen von Glück und Last genauso unmöglich zu sein, wie das Glück mit jemanden fortzuschicken, es forttragen zu lassen.

Aber zunächst war dieses grobe Etwas von Betonklotz dran. Maria legte erst einmal all ihre Enttäuschung, vergebliches Bitten und Gebet, ihr Entsetzen über unmenschliches Sein tief in diesem ab. Sie formulierte ihre Last nicht präzise aus, eher knetete sie diese kräftig, in scheinbar zu formenden Lehm symbolisch hinein. Sie positionierte den Beton in ihrer Wurfhand. Wie erfrischend der Gedanke war, diesen Stein mit aller Wucht ins Dunkel des Meeres zu werfen. Sie wollte ihn rasch loswerden, mit einem Wurf weit von sich stoßen, richtig kraftvoll schmettern. Es sollte gewaltig werden, donnernd, erschreckend. Sogleich zog sie ihren Mantel aus, um ja gut ausholen zu können. Dann warf sie noch rasch den Schal in den Sand, damit sie auch nicht daran hängen bliebe, lief übertrieben weit landeinwärts, drehte sich um und rannte zur Wasserkante zurück. Währenddessen holte sie rücklings aus und dann aber los. Das war ein Wurf! Der saß. Als der hässliche Stein im Wasser einschlug, war er deutlich hörbar. Ein Erfolg, ein echter Erfolg der Versenkung. Maria stemmte ihre Hände in die Hüfte und war zufrieden.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die anderen aus dem Blick verloren hatte. Sie waren längst zum Aufbruch bereit. Nach einigen tiefen Atemzügen, ging sie zum Mantel zurück. Doch wo war ihr schöner Stein? Er lag weder auf dem Mantel oben auf noch darunter noch befand er sich in den Seitentaschen. Maria machte ihre Hände in die Hosentaschen, doch auch da kein Stein. Erneut tastete sie alle Eingriffe ihrer Kleidung ab. Dann hob sie den Schal auf, doch auch dort war der schöne Stein nicht zu finden. Die Gruppe war bereits voraus gegangen, Maria suchte weiter. Nun hockte sie sich hin, überflog die umliegende Fläche mit flüchtigem Blick. Dann wurde sie allmählich etwas ruhig und schaute nun ganz sorgfältig die sie umgebenden Quadratmeter ab. Der schöne, der sinnliche Stein war weg. Und mit ihm auch, was sie in den letzten Wochen erlebt hatte und bereit gewesen war, dem Meer zu schenken, zu opfern. Sie wollte doch ihre Sehnsucht loswerden, um ruhig zu werden, wie das Meer an windstillen Tagen.

Stunden später erfuhr sie, dass der schöne Stein gar nicht geworfen, sondern mitgenommen werden sollte. Er durfte bewahrt werden für unbestimmte Zeit.

Maria wusste nun um ihren guten Stein. Sie hatte ihn sorgfältig gesucht, betrachtet und deutlich in ihren Händen gespürt. Offen blieb, ob er später noch gefunden, geworfen oder für immer gehalten wurde oder sich das Meer ihn wieder zurückholte.

Text und Foto von sibyll maschler – März 2019

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sibyl maschler: Blickwinkel

Blickwinkel Es war in einem großen, verwilderten Park mit alten, knorrigen Bäumen. Auf der einen Seite grenzte dieser Park an einen Fluss, auf der anderen Seite stand ein Turm aus Backsteinziegeln auf einer seichten Anhöhe. Ein Mann, mit ...

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sibyl maschler – Foto : Blickwinkel

Blickwinkel

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Es war in einem großen, verwilderten Park mit alten, knorrigen Bäumen. Auf der einen Seite grenzte dieser Park an einen Fluss, auf der anderen Seite stand ein Turm aus Backsteinziegeln auf einer seichten Anhöhe. Ein Mann, mit mehrsilbigem Namen, ging dort häufig spazieren. Im Sommer lief er lange über die kniehohen Wiesen und die unebenen, erdigen Wege, lehnte an den Bäumen, sah in den hohen Himmel oder saß auf einer Bank. Wenn er saß, dann war er ganz rund, das Kinn Richtung Brustbein gebeugt, als wolle er sein Haupt senken zum Herzen hin. Wie zu einer Kugel gerundet, in den Händen ein Buch haltend oder einen Gegenstand, den er zwischen den Fingern bewegte, war sie ihm irgendwann aufgefallen. Sie kam selten in den Park, aber wenn sie kam, war sie fast durchsichtig. Und sie kam so still, dass er, ob der Stille, die vorüberschwebte, den Kopf hob. Meistens war ihr Haar ein wenig zerzaust, umspielte ein schlichtes Kleid ihren Körper bis hin zu den Knien. Ihre flachen Schuhe hinterließen kaum einen Abdruck im Boden. Sie schien so leicht zu sein. Eines Tages nahm er einen alten Bildband mit in den Park. Die Seiten waren schon etwas vergilbt und fühlten sich ein wenig rau an. Auf dem braunen Leineneinband prangten die leicht verschnörkelten Buchstaben  >Schönes Italien<. Als das Buch offen auf seinem Schoß lag und er die Seiten gemächlich umblätterte, sprach er sie, als sie langsam vorüberging, leise an. Er wollte ihr die Bilder aus dem Buch gern zeigen und all die schönen Landschaften mit ihr teilen. So kamen sie über diese An- und Aussichten und gleichsam über die offene, klangvolle italienische Sprache ins Gespräch. Sie erzählte ihm von ihren Reisen nach Rom und Venedig, von den vollen Gassen und Plätzen, weshalb sie die weiten, teilweise noch urbanen Landstriche von Kalabrien und Sizilien noch viel schöner fände. Sie berichtete von der Fülle im Norden und der heilsamen Kargheit des Südens. Ach, und erst diese Oliven- und Zitronenbäume dort, die Schattierungen der Farben und die Gerüche der Früchte! Sie kam ins Schwärmen. Nach etwa einer Stunde brachen sie dann aber auf und verabredeten sich für ein nächstes Mal. Als sie sich schon ein paar Meter voneinander entfernt hatten, rief er ihr nach, dass er frisches, vielleicht noch lauwarmes Baguette mitbringen würde. Und sie entgegnete ihm rasch, dass sie Pesto aus Basilikum und angerösteten Nüssen dazu anrichten wolle. Bei jenem folgenden, kleinen Picknick auf der Bank, sprachen sie über ihre Namen. Den ihren konnte man ab der Hälfte auch rückwärts lesen, ohne eine Klangveränderung zu hören. Ihr Name bestand aus drei Silben und enthielt zwei Konsonantendoppelungen. Annabell. Seit jeher fühlte sie sich wohl, wenn sie so genannt oder gerufen wurde. Annabell war weder zu häufig hörbar noch zu selten, als dass man den Namen bei etwaigen Nennungen wiederholen oder gar buchstabieren musste. Auch sein Name bestand aus drei Silben, aber dafür hatte er selbst gesorgt. Die ursprüngliche Fassung war um eine Silbe länger gewesen, doch diese entsprach ihm nicht, nicht seinem Rhythmus- und Wohlgefühl. Außerdem sprach er mit sehr hohem Tempo, so dass ihn die Länge des Namens hinderte, wenn er angesprochen wurde oder die Buchstabenfolge selbst notierten musste. Auch nach  dem Tag, an welchem sie über ihre Namen gesprochen hatten, verabredeten sie sich für weitere Begegnungen im Park. Die Wiese war zu dieser Zeit saftig und in das Grün hatten sich Löwenzahn, Margeriten und lilafarbenen Winden gemischt. Einmal brachte er einen Bumerang mit und zeigt ihr, wie dieser zu werfen sei. Man musste einen bestimmten Winkel beachten, damit der Bumerang auch wieder zum gewünschten Ort zurückkehrte. Außerdem waren viel Kraft und Schwung von Nöten. Er veränderte immer wieder Blicke und Winkel, bevor er zum Wurf ansetzte. Für sie war es schwierig, den Bumerang entsprechend zu werfen. Es schien ihr, als wolle er ihre Blicke all zu sehr lenken, nicht nur zum Himmel und auf Erden. So kam es, dass  ihr die Würfe in die Ferne gelangen, aber die Rückkehr nur selten. Es folgte die Zeit, als sie sich auch manchmal zur Nacht dort verabredeten. Der Sommer war vergangen und die Blätterfärbung längst vorüber. Viele Bäume waren kahl und die Büsche durchlässig geworden. Sie liebten es, wenn sie durch das hohe Laub schlurften und die braunen Blätter dabei empor stoben. Da brachte er eine Fackel mit, um die Dunkelheit zu befeuern und ihr Antlitz in anderem Schein zu sehen. Sie gingen damit bis zum entlegenen Fluss und dann wieder zurück, entlang der Anhöhe, auf die große Wiese. Nachts nannte er sie Bella oder Anna, je nach Stimmung, die ihm gerade entsprach. Ganz selten, wenn er glaubte, dass sie ihn nicht mehr hören konnte, sprach er die Silben leise vor sich hin: Bella Anna; und erinnerte sich an ihr erstes Gespräch. Als der Mond zur Sichel geformt war, brachte er seinen Bumerang wieder mit. Sie hatten lange nicht damit geworfen. Annabell fehlte noch immer die Übung, wie der Winkel besser gelänge. Sie schaute ihm lieber zu, mochte aus der Distanz von ihm das Werfen lernen. Beide machten sich einen Spaß daraus, nach dem ins Laub gefallenen Bumerang um die Wette zu laufen. Vielleicht waren zwei oder gar drei ausgelassene Stunden vergangen, in denen sie gelaufen, gelacht und getobt hatten. Sie schienen wie Kinder und wollten sich nun wieder verabschieden, um nach Hause zu gehen. Doch er wünschte einen letzten, weiten Wurf. Es sollte, so sagte er, ein großer Wurf werden. Als sie nach dem Bumerang suchten, war Annabell schneller als er. Sie bückte sich, gab ihm rasch ihren letzten Buchstaben vom eigenen Vornamen in die Hand, und er griff, übermütig im Spiel, nach dem vermeintlichen Bumerang, nahm Maß und alle Kraft zusammen und schleuderte ihn hinauf bis zum fernen Mond. Dort verhakte sich der Winkel im Gestein des Planeten und ward nie mehr auf  Erden gesehen.

Und wenn sie nicht gerade einen Schuldschein einlöste oder eine Urkunde unterschrieb, schätzte sie die verkürzte Schreibweise ihres Namens. Er hatte in ihr etwas angestoßen und abgelöst. Doch es fehlte ihr nichts, vielmehr hatte er sie von Überflüssigem befreit. So erinnerte sie sich seiner immer und immer wieder neu.

Text und Bild von sibyl maschler – 2015

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sibyl maschler (Foto und Text): Auf den Spuren einer poetischen Gebärde

Auf den Spuren einer poetischen Gebärde Nun bin ich wieder hier, in Lüttenort, im charmant nachlässig gehaltenen Garten und in den einstigen Räumen von Otto Niemeyer Holstein. Früher war es eine vertraute Landschaft für mich, wie Heimat, heute drängt sich ein Museumspavillion auf. Obwohl mich der Kassenbereich mit seinen Katalogen, Karten und dem Kitsch schon seit Jahren verstört, habe ich mich noch immer nicht an ihn gewöhnen können. In den 80-er Jahren hatte ich eine langjährige, sehr gute Freundin, deren Mutter Malerin war, eine freischaffende Künstlerin. Sie fuhr manchmal den alten Holstein besuchen und malte dann dort oben auf Usedom. So kam es, dass auch ich mich mit der Malerei zu beschäftigen begann. Schon bald entdeckte ich Bücher der Worpsweder Künstlerkolonie. Zunächst verschlang ich die „Briefe und Aufzeichnungen“ von Paula Modersohn-Becker. Über sie stieß ich auf Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler… und die Bildhauerin Clara Westhoff, die spätere Frau Rilkes. Die Kunst dieser Schaffenden reduzierte sich absolut auf das Wesentliche und ist somit vergleichbar mit Lyrik.

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sibyl maschler – Foto: Moorgras in Worpswede

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Auf den Spuren einer poetischen Gebärde

Nun bin ich wieder hier, in Lüttenort, im charmant nachlässig gehaltenen Garten und in den einstigen Räumen von Otto Niemeyer Holstein. Früher war es eine vertraute Landschaft für mich, wie Heimat, heute drängt sich ein Museumspavillion auf. Obwohl mich der Kassenbereich mit seinen Katalogen, Karten und dem Kitsch schon seit Jahren verstört, habe ich mich noch immer nicht an ihn gewöhnen können. In den 80-er Jahren hatte ich eine langjährige, sehr gute Freundin, deren Mutter Malerin war, eine freischaffende Künstlerin. Sie fuhr manchmal den alten Holstein besuchen und malte dann dort oben auf Usedom. So kam es, dass auch ich mich mit der Malerei zu beschäftigen begann. Schon bald entdeckte ich Bücher der Worpsweder Künstlerkolonie. Zunächst verschlang ich die „Briefe und Aufzeichnungen“ von Paula Modersohn-Becker. Über sie stieß ich auf Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler… und die Bildhauerin Clara Westhoff, die spätere Frau Rilkes. Die Kunst dieser Schaffenden reduzierte sich absolut auf das Wesentliche und ist somit vergleichbar mit Lyrik.

Mein damaliger Freund, aus dem Westteil Berlins, schenkte mir das Buch: „Die ersten Maler von Worpswede“. Ich las und schaute ihre Bilder, weniger mit den Augen als mit dem Herzen. Paula Becker rührte mich so sehr an, dass ich nicht mehr an mich halten konnte. Ich begann mit Lesungen in der Medizinischen Fachschule in Halle, wo ich studierte, las in meinem sogenannten Praktikumsbetrieb, der Poliklinik in Potsdam, aber auch in den Jungen Gemeinden, wo ich zu Hause war. Während ich vorlas und schwärmte, wuchs ich immer mehr in die Worpsweder Landschaft hinein, in das schwarze Moor, die windgebeugten Birkenhaine und all die schlichten, dichten Bilder einer Hochkunst. Gleichzeitig entdeckte ich Rainer Maria Rilke. Er war der erste Biograph der Kolonie. Seine Freundschaft mit H. Vogeler hatte zur Folge, dass eine der poesiefernsten Gegenden Europas von einem Hauch beginnender Weltliteratur gestreift wurde.

In einem Potsdamer Antiquariat, der gegenwärtigen Stiftsbuchhandlung am Bassinplatz, ließ sich ohne Umstände so etwas wie ein Rilke-Abonnement organisieren. Ich musste dort lediglich ein paar frankierte und an mich adressierte Postkarten hinterlegen. Wenn dann im Antiquariat ein Buch meines verehrten Dichters zum Weiterverkauf abgegeben wurde, bekam ich eine meiner Postkarten zurück, fuhr wenig später mit dem Bus Richtung Innenstadt und konnte das Exemplar vorzugsweise kaufen. „Duineser Elegien“ 1948, für 4 Mark. „Gedichte“, mit handschriftlichen Genesungswünschen von Helga, 6 Mark; in drei Bänden für 20 Mark. „Erzählungen und Skizzen“ 1963, 10 Mark, alles aus dem Insel-Verlag. Die Erstausgabe von 1913 „Auguste Rodin“ kostete zwar 35 Mark,  enthält dafür aber die wahrhaft grenzüberschreitende Begegnung gleich zweier Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Interessant sind auch „R.M.R. und das Christentum“ aus dem Heliand-Verlag Lüneburg (1949) oder „Rilke in Frankreich“ vom H. Reichner-Verlag (1944). Jedenfalls verfüge ich über elfenbeinfarbene Schätze, Seite für Seite, manche leicht wie durchscheinendes Pergament, die meisten in braunem Leineneinband, die ich nicht missen möchte.

Im DDR-Buchhandel war 1976 im Aufbau-Verlag ein völlig entgegen gesetztes Buch erschienen: „Rilke-Studien; Zu Werk- und Wirkungsgeschichte“. Als Anlass wurden sowohl der 100. Geburtstag als auch der 50. Todestag des Dichters angegeben. Eine sozialistische, würdelose Interpretation, die Analyse entbehrt jeglichen Respekt.

1989 kam die Wende und wenig später die Entscheidung zu einer ersten Reise nach Westdeutschland. Mein Freund und ich einigten sich schnell auf Bremen und Worpswede. Doch es folgten Tage der Ernüchterung. Die touristisch erschlossene Realität deckte sich keinesfalls mit meinen gesammelten Vorstellungen der Vergangenheit. Ich musste feststellen, dass ich mir eine wundersame, lyrische Imagination erschaffen hatte, die kaum einer Wirklichkeit standhalten konnte. Wenig Moor, dafür viel Mais, Kuchenpfade voller Menschen. Dabei hätte ich meine eigenen Bilder so gern unbeschädigt behalten. Um ein kleines Mitbringsel kam ich dennoch nicht umhin. Ich wählte ein Buch über Fritz Mackensen (Worpsweder Verlag 1990; Hamm und Küster). Ein dreiviertel Jahr später planten wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub ins Ausland. Es sollte der Zeitraum Weihnachten 1990 bis Neujahr 1991 sein. Mein Freund bevorzugte in der kalten Jahreszeit den warmen Süden, ich jedoch ein traditionelles Weihnachtsfest mit Christbaum und verschneiten Wäldern. Als ich dann aber mein Vorhaben äußerte, mein Leben lang ab und an mal auf den Spuren Rilkes pilgern zu wollen, kamen wir auf Ägypten. Es wurde ein besonderer Urlaub. An den Stränden und in der Wüste las ich Rilke. Ich erschloss ihn mir in verschiedenen Facetten. Dass er eine Tochter mit Clara Westhoff hatte, war mir bekannt. Übrigens steht das Domizil der beiden nicht mehr als Wallfahrtsort zur Verfügung. Es brannte in den 20-er Jahren symbolträchtig ab. Dass Rilke aber noch ein zweites Kind zeugte, sehr viel später und mit einer guten Freundin, und diese dazu drängte, jenes Kind nicht auszutragen, erfuhr ich erst jetzt.

Gleichsam schälten sich Verse, Briefe, Notizen heraus, die immer und immer wieder nach Wiederholung verlangten. „Die Ansprüche, welche die schwere Arbeit der Liebe an unsere Entwicklung stellt, sind überlebensgroß, und wir sind ihnen, als Anfänger, nicht gewachsen. Wenn wir aber doch aushalten und diese Liebe auf uns nehmen als Last und Lehrzeit…, – so wird ein kleiner Fortschritt und eine Erleichterung denen, die nach uns kommen, vielleicht fühlbar sein; das wäre viel. 1904“  oder „… die gute Ehe ist, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt. 1901“

Andererseits kauften wir zum Beispiel Kekse in Ägypten, die nicht nur pappig, sondern auch von Wurmspuren durchsetzt waren. Als wir sie einer Eselin füttern wollten, waren wir plötzlich von Kindern umringt und hatten keine Chance mehr, sie dem Tier hinzustreuen.

In Deutschland spürte ich nach und nach Rilke-Abende auf, Kulturveranstaltungen. Im Jahr 2000 lasen z.B. Ulrike Grote und Matthias Fuchs Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Rilke und Claire Goll. Doppel-CD: „Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen“. Und wahrlich, die Stimmen klingen voll Sehnsucht. Es wird in einem feinen Ton der Weihe dialogisch gelesen, zauberhaft, finde ich. Rilke nannte Claire „Liliane“.

Da ich bald auf die evangelische Zeitschrift „Chrismon“ aufmerksam wurde, fand ich 2005 im Kreuz-plus Musik-Verlag die „Geschichten vom lieben Gott“. Man hört darauf die Stimme einer noch jungen Martina Gedeck. Ich mag diese Schauspielerin, nicht zuletzt durch ihre Rollen in „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Die Auslöschung“ mit Klaus Maria Brandauer. Martina Gedeck liest Rilkes Geschichten sehr wohl temperiert, einladend, fast gütig. Ebenfalls 2005 erschienen im Audiobuch-Verlag vier Liebesgeschichten, gelesen von Wolf Frass, die jedoch nicht ganz so brillieren. Wirklich gelungene Hervorbringungen sind auch die vier Rilke-Projekt-CDs der Komponisten Schönherz und Fleer. Einigen Interpreten vermögen einen spinn´netzfeinen Traum zu weben. Die anschließende Vermarktung, beispielsweise im Berliner Temporom, erlebte ich jedoch künstlich überladen, fast süßlich und vernebelt. Naja, ich möchte meine Sammlung keinesfalls vollends aufzählen. Wer sich übrigens Hörbücher ausleihen möchte, kann sich gern bei mir melden. Ich würde sie dann zum nächsten Seminar mitbringen. Und falls jemand den Schauspieler Oskar Werner mag, so möchte ich die von ihm eingespielte Doppel-CD auch gern verschenken. Obwohl in sympathisch-österreichischer Mundart gelesen, entspricht die laute, kraftvolle Darbietung von „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ leider gar nicht meinem Geschmack.

Zwischenzeitlich rundete ich mein Wissen durch Reisen nach Paris, München, Spanien und nach Schweden, einem Land von fast schmerzlich grün-blauer Klarheit. Orte, die Rilke aufsuchte und mit seinem Atem durchdrang.

Zu den Hör-CDs seien abschließend lediglich die fast 500 Minuten und somit sechs CDs erwähnt, die benötigt werden, um die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu lesen. Zur Erläuterung des Inhalts möchte ich ein kurzes Zitat des Hörmedia-Verlages einstreuen: „Die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch offenbaren die Seele eines zerrütteten jungen Mannes, der im Schreiben Zuflucht vor der Wirklichkeit sucht. In seinem einzigen Roman verarbeitet Rilke fulminant die Begegnung mit der Moderne und wendet sich radikal und auf sprachlich eindrucksvolle Weise der Welt menschlicher Erfahrung zu.“  Der Sprecher, Patrick Imhof, liest mit angenehmem Gleichmaß, mit stimmlich ausgewogenen Höhen und Tiefen, so dass der Phantasie der Zuhörenden noch genügend Freiraum für Eigenes bleibt. Er liest mit angepasst wechselndem Tempo. Ich werde nicht müde, die CDs immer mal wieder zu hören, lese aber ebenso gern in meinem guten, alten Buch aus dem Jahre 1958.

Man kann Rilke aber auch auf verschiedenen Kirchentagen begegnen. So hörten wir erst vor einigen Wochen eine Auswahl aus dem „Stunden-Buch“ auf dem Stuttgarter Kirchentag. Der Professor, Theologe und Schriftsteller M. S. Burrows inszenierte poetisch-musikalisch ganz hervorragend mit Prof. Dr. G. Fermor. Mein eigenes Stunden-Buch ist übrigens ein wundervoller Druck in altdeutscher Schrift (1927). Ich stöbere nun mit einem neuen Hintergrund darin.

Während des Bremer Kirchentages 2009 fuhr ich ein weiteres Mal Richtung Worpswede hinaus. Eine ortsansässige Bekannte führte mich, entlang der vielarmigen Wumme, nach Fischerhude, einem Landstrich, welcher der komplette Gegenentwurf des heutigen Worpswedes ist. So wurde ich wieder versöhnt mit dem geliebten, kargen, nördlichen Landstrich, fand Ursprünglichkeit, bemoosten Strohdächer und grasende Tiere.

Langfristig hoffe ich auf politisch befriedete Zeiten in Russland, insbesondere für die Menschen, die dort leben. Denn dann werde ich noch auf der Wolga reisen und das Land ringsum schauen. Und natürlich dürfen die letzten Lebensstationen Rilkes nicht fehlen: Duino bei Triest und der Schweizer Kanton Wallis.

Und was schrieb Rilke eigentlich zur Kunst? „Kunst ist das Mittel Einzelner, Einsamer, sich selbst zu erfüllen. … Wisset denn, daß der Künstler für sich schafft – einzig für sich… Er hat im Innern nicht Raum für seine Vergangenheit, darum gibt er ihr in Werken ein losgelöstes, eigenmächtiges Dasein. Aber nur weil er keine andere Materie weiß als die eurer Welt, stellt er sie in eure Tage. Sie sind nicht für euch. Rühret nicht daran, und habet Ehrfurcht vor ihnen. Tb, S. 35, Mai 1898“

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sibyll maschler: Die Frau und der Hemul

Die Frau und der Hemul Diese Geschichte beginnt an einem schmalen Landstrich, der zwischen den flach ansteigenden Hügeln, Bergen und Tälern im Osten und den weiten Ebenen des Westens lag. Dieses Land bildete eine Schnittstelle, eine Grenzregion. Die sich westlich erstreckenden Ländereien ...

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Die Frau und der Hemul

Diese Geschichte beginnt an einem schmalen Landstrich, der zwischen den flach ansteigenden Hügeln, Bergen und Tälern im Osten und den weiten Ebenen des Westens lag. Dieses Land bildete eine Schnittstelle, eine Grenzregion. Die sich westlich erstreckenden Ländereien waren flaches, regloses Brachland, aber die sich östlich ausdehnende Landschaft bewegte sich sanft. Sie atmete in stetem Gleichmaß. Zwar blieben die Hügel, Wiesen und Wälder an ihren Orten, doch hoben und senkten sie sich in gleichmäßigem Rhythmus um etwa einen Fuß. So konnten deren Bewohner ohne Straucheln durch die Landschaft streifen. Jeder Schritt war achtsam. Das Quellwasser schien zu raunen: ´Komm, erfrische dich, trink´. Der Fluss lud zum Baden ein, zum Eintauchen und Fließen an neue Ufer. Vögel erfüllten Bäume und Himmel mit ihrem Gezwitscher und Gesang. Rotkehlchen und Amseln flogen von Grün zu Grün, Lerchen den Wolkenbildern entgegen. Pfauenaugen und Zitronenfalter verbreiteten ringsum Farben und Leichtigkeit. Alles fühlte sich lebendig an, floss warm und weich und stupste vorsichtig das Nächste an. Die Bewohner des Ostens waren wach und sich selber gewahr.

Im Westen dagegen herrschte der Hemul über das Land. Er war unförmig, groß und ausgebeult, gleich riesigen Kartoffelsäcken, die als Masse waberten. Der Hemul war so gewaltig angeschwollen und ausgewuchert, dass das Land unter ihm zu atmen aufgegeben hatte. Es gab zwar hier und da bizarre Gebilde, aber der Hemul hatte sie alle einzeln konserviert. Wundersame Parkanlagen waren mit Klarlack überzogen, kleine Schlösser mit flüssigem Harz. Skulpturen hatte der Hemul mit schweren Holzplatten eingehaust, Papyrusrollen mit Asche beschmiert und Gespräche in Gläser eingeweckt. Der Hemul goss große, schleimgefüllte Eimer über die Ebenen, so dass alle Vorzeit erstarrte. Es war seine Aufgabe, die vergangene Zeit stillzulegen. So gewann er an Macht und vor allem an Gewicht.

Allein das schmale Stück Land und seine unschätzbare Bewohnerin verhinderten, dass der Hemul auf die atmende Seite übergreifen konnte. Denn eine Frau bewohnte diese Knautschzone, diesen Puffer zwischen der Vergangenheit und dem, was ist. Ihr Haar war schulterlang und meist ein wenig zerzaust. Sie trug lange Kleider aus Leinen, blau, beige, weinrot, fast immer einfarbig. Flache, leichte Schuhe ermöglichten ihr einen guten Kontakt mit dem Boden. Es wurde gesagt, die Frau beherberge in ihrer Hütte etwas Blinkendes, Tanzendes, aber keiner wusste, was es wirklich war. Und geflüstert wurde, dass die Frau insgeheim immer wieder einmal versuchen würde, dem Hemul etwas Land abzutrotzen. Dieses Getuschel war dem Hemul nicht verborgen geblieben. Seither war er bemüht, seiner anhaltenden Müdigkeit mit längerem Herumwälzen etwas entgegen zu wirken.

Eines Tages, als sich der Hemul wieder einmal scheinbar satt und träge auf der Ebene ausgebreitet hatte, legte die Frau ihren Pflug an und versuchte in des Hemuls Reich vorsichtig einzudringen. Doch darauf hatte der Hemul nur gewartet. Es kam zu einem heftigen Durcheinander und lautstarkem Streit. Plötzlich ergriff der Hemul einen kleinen, aber sehr kantigen Stein und schleuderte ihn der Frau mitten ins Gesicht. In diesem Moment wurde es dunkel um sie. Die Frau erblindete. Und es breitete sich ein großer Schmerz aus. Unsicheren Schrittes, fast tastend, ging sie in ihre Hütte zurück. Doch nach kurzem Verweilen nahm sie mit festem Griff ihr Zauberschwert, ließ sich von diesem nach draußen führen und erstach den Hemul mit einem Hieb. Gelber Schlamm, mächtige Steine, graugrüner Morast und vieles mehr erbrachen sich über dem Land. Ätzender Gestank breitete sich aus. Es roch nach Schweiß, Blut und Metall, es gluckste und gurgelte und waberte zähflüssig.

Aber irgendwann war die ganze Masse des Hemuls im Boden versickert, der Geruch verzogen und seine nachhallenden Schreie verstummt. Der Nebel verzog sich. Am Himmel konnte es licht werden.

Offen blieb, ob die Frau einen Weg ebnete zwischen dem flachen Land des Westens und den Hügeln, Quellen und Bergen des Ostens. Würde das Dunkle, das Vergangene sich abermals sammeln und zusammenrotten können? Oder wären gar die bunten Wiesen und bewegten Wälder in der Lage den Westen zu befruchten?

Foto und Text von sibyll maschler – Januar 2015

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sibyll maschler: Was übrig bleibt

Die Werkstatt war vom Licht durchflutet und voller Gegenstände. Früher, als die Wände noch mit Kalk geweißt wurden, reflektierten sie die Helligkeit der Sonne. Inzwischen hatte die Zeit aber ihre Spuren hinterlassen. Die vergilbten Wände hatten Risse, ...

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Die Werkstatt war vom Licht durchflutet und voller Gegenstände. Früher, als die Wände noch mit Kalk geweißt wurden, reflektierten sie die Helligkeit der Sonne. Inzwischen hatte die Zeit aber ihre Spuren hinterlassen. Die vergilbten Wände hatten Risse, Löcher und Einschlüsse aus Stein, Glas und Metall. Oberflächlich lagerten Gips, Ton- und Wachsspuren. Außerdem gab es viele Gerüche hier. In einer Ecke roch es nach frischem Holz und Bienenwachs, in der anderen nach Farben und Lacken, hinter einer hölzernen Absperrung hatte man das Gefühl, als läge metallischer Geschmack auf der Zunge.

Die Frau, von der hier erzählt wird, war in diesem großen, teils verwinkelten Raum fast groß geworden. In ihrer Kindheit hatte sie spielerisch von ihm Besitz ergriffen, ihn nach und nach umgestalten dürfen. So veränderte sich mit den Jahren, besonders während der Ausbildung zur Bildhauerin, der alte Lagerraum in ein Atelier. Das Fachwerk blieb immer sichtbar, denn es gab ihr Struktur.

Als sie noch eine junge Frau war, bevorzugte sie die Arbeit mit hartem Material. Sie liebte Gestein, die Kühle und den Glanz, besonders aber den Widerstand, den es bot. Es machte ihr Freude, mit Kraft zu behauen. Jeder Schlag tönte weit ins angrenzende Feld hinein. Es war, als könnte sie all ihre Energie in Stein meißeln. Das machte sie nicht nur glücklich, sondern die Werke auch stolz und schön. Außerdem hatte sie die Gabe, rasch zu erkennen, welche Figur sich in welchem Gesteinsblock verbarg. So brauchte sie das Innere nur noch freizulegen, ohne es dabei zu beschädigen oder gar zu zerstören. Doch mit den Jahren verlor sich die Begeisterung für das gewaltige Handwerk. Sie wurde allmählich ruhiger. Auch ließen die Kräfte nach. Die Fahrten zum Steinbruch nahmen ab. Schließlich griff sie zu weichen Materialien. Zunächst war es ungewohnt, nach Treibholz zu suchen oder Baumstämme zu organisieren. Aber bald darauf entdeckte sie die Wärme und Struktur des Holzes für sich. Sie liebte die Düfte der verschiedenen Holzarten. Einige Skulpturen beließ sie deshalb sogar im Raum, sie mochte ihre Gesellschaft.

Und dann, wieder viele Jahre später, sollten die Werke von klein an wachsen, zum Beispiel aus Ton und Lehm. Sie gab nun lieber etwas dazu, vermehrte die Masse, damit eine Figur entstand. Keine Abspaltung mehr, sondern Ergänzung.

Eines Tages, als sie den Lehm gebrannt hatte, fiel ihr auf, wie unfertig ihr Gebilde eigentlich noch war. Sie spürte einen Fehler, eine deutliche Lücke und erschrak über den Mangel. So kam ihr der Gedanke, eine Mischform zu kreieren. Sie ergänzte die Keramik mit Wachs. Später, während sie die Farbe darüber pinselte, war sie recht zufrieden mit dieser Kombination.

Die Arbeit mit Wachs ging wunderbar leicht von der Hand. Sie benötigte nur Zeit und Geduld. Die Skulpturen fühlten sich geschmeidig und fließend an. Zwar war diese Technik für eine Bildhauerin eher ungewöhnlich, aber das machte ihr nichts aus. Es wurde auch unwesentlich, wie lange eine Skulptur überdauern würde. Vieles war nun vergänglicher als früher. Bis zu einem gewissen Maße wurde es auch unwichtig, welchen Gewinn die Bildhauerin aus ihren Arbeiten erzielte. Mit zunehmendem Alter verschenkte sie sogar ihre Lieblingsstücke, manchmal ihre kostbarsten. Jedenfalls entstanden nun auch verschiedene Figuren aus Wachs, anfangs kleine, dann größere, die zu stattlicher Pracht heranwuchsen. Da sie dadurch aber immer mehr Wachs benötigte, entschloss sie sich, das Grundgerüst aus Lehm zu formen. Dann begann sie den ersten Menschen mit dieser Schichtung. Er schien sehr kraftvoll und gleichsam lebendig zu sein, so dass sie ihn immer und immer wieder verändern und ergänzen musste. Die Tage reichten nicht aus, um ihm gerecht zu werden. Deshalb begann sie auch nachts zu arbeiten. Da waren die Konturen scharf und die dahinter liegende Dunkelheit tief. Sie formte und formte, voll Leidenschaft, fast besessen. Und sie nahm immer mehr Wachs. Dann blieb es an ihren Händen kleben, am Haar, rann an den Armen herab, an der ganzen Kleidung glitt es bis zu den Füßen herunter. Die Schichten wurden dicker, so dass sich die unteren verfestigten und die Bewegungen erschwerten. Aber sie ließ nicht nach, denn diese Figur schien unersättlich und wuchs und wuchs über sich hinaus. Sie verlangte nach mehr, nach kräftigen Händen und einem starken Rumpf. In der Wärme des Feuers löste sich das Gesicht leicht und verlor an Kontrolle. Die Wangen drohten zu entgleiten, die Mundwinkel zu erschlaffen. Die Lider wurden schwer. Aber sie mühte sich um Halt, denn sie wollte sie vollenden. So ging sie immer wieder zu dem Topf über dem lodernden Feuer, um das Wachs zu schmelzen. Bis das Feuer übergriff. Sie spürte die Verschmelzung von Kleidung, Haut und Haar, von Wachs und Lehm. Die Wärme durchdrang ihren Körper, aber sie spürte es kaum, denn das Wachs floss nun geschmeidig auf die neue Skulptur. Ringsum fingen die Balken Feuer, so dass die Hitze unerträglich und ihre Schreie unhörbar wurden. Das Wachs zerrann und ergoss sich am Boden. Der Lehm, die Urgestalt, wurde gebrannt und erstarkte in der ersten Form.

Und am Morgen, als sich die Asche über dem Ort gelegt hatte, stiegen noch immer kleine Rauchschwaden zum Himmel hinauf.

 Juli 2012

Der Text wurde veröffentlicht in der Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015.

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sibyll maschler: Über die Gezeiten hinaus

Krebs und Muschel begegneten sich das erste Mal in einem flachen Priel, nachdem sie das ablandige Wasser dort zurückgelassen hatte. Sie teilten die Zeitspanne einer Ebbe miteinander, genauer gesagt ...

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Krebs und Muschel begegneten sich das erste Mal in einem flachen Priel, nachdem sie das ablandige Wasser dort zurückgelassen hatte. Sie teilten die Zeitspanne einer Ebbe miteinander, genauer gesagt 12 Stunden und 24 Minuten. Beide waren noch jung. Die Muschel blieb überwiegend geschlossen und sorgte sich wegen des niedrigen Wasserstandes in der Senke. Außerdem konnte sie sich nicht ausreichend in den Sand eindrücken, weil unter ihr ein flacher Stein lag. Um sich abzulenken, lauschte sie den Grabungen der Wattwürmer und hörte die fernen Wellen des Meeres ebenso wie die Gedanken des Krebses. Dieser verharrte ziemlich dicht neben ihr. Er glaubte schon einiges über Muscheln zu wissen und war angetan von der Schönheit seiner Nachbarin. Die Form war von seltener Schlichtheit. Im warmen Sonnenlicht schimmerte das Perlmutt auf ganz wunderbare Weise. Je länger der Krebs das Farbenspiel beobachtete, desto mehr wünschte er auch einen Blick in das Innere der Muschel zu bekommen. Und wie würden die Schalenhälften wohl von der unteren Seite aussehen? Aber die Muschel öffnete sich nur selten kurzzeitig für wenige Millimeter. Sie schien abgelenkt und drehte sich kaum in seine Richtung. Je geringer der Muschelspalt, umso mehr verlangte der Krebs die Geschmeidigkeit der Muschel und die Anmut ihrer Bewegungen zu sehen. Leider trug der Wind ihre Stimme auch noch in eine andere Richtung, so dass er diese nur ahnen konnte. Er wollte sie so gern hören. Der Krebs vergaß darüber das Kreischen der Möwen und die sonst üblichen Schätzungen, ob die Wassermenge des Priels noch genügend Schutz bis zur nächsten Flut gewähren würde. Aber er hatte auch gar nicht vor, seine Position zu ändern. Er vernahm nicht einmal, dass das Wasser in der Ferne bereits wieder anstieg. Stattdessen suchte er nach Gemeinsamkeiten. Sie hatten beide eine harte Schale, sie konnten nicht wirklich schwimmen, sie trugen ihre Hoffnungen verborgen. Und sicher würde sich die Muschel, genauso wie er, an den Lichtbrechungen im Wasser freuen, bei Sturm mit dem Seetang spielen und in der Tiefe nach unvergleichlichen Mustern am Grunde suchen. Lediglich eine Reise am Rumpf eines Schiffes würde dem Krebs verwehrt bleiben. Da war auch schon die nächste Flut heran. Krebs und Muschel gerieten in unterschiedliche Strömungen. Lange wechselten Ebbe und Flut in gewohntem Gleichmaß immer und immer wieder. Der Krebs wuchs und überstand alle schutzlosen Zeiten, in denen der vorher abgestreifte Panzer stets viel zu langsam nachhärtete. Die Nachkommen befanden sich schon auf eigenem Terrain. Die Muschel musste derweil einige Blessuren auf ihrer Oberseite erdulden. Sie hatte in einer kleinen Kolonnie gelebt und Schutz in einer sanft umspülten Felsspalte gefunden. Aber auch dort gab es Unwetter und Angriffe scharfkantiger Vogelschnäbel, die dazu führten, dass sich die Muschel wieder öfter lange verschlossen hielt, so wie sie es häufig in ihrer Jugend getan hatte. Es nahte die Zeit, in der es nicht mehr genug Platz für alle am Felsen gab. Hätte jemand gefragt, ob die Muschel fortgespült worden sei oder sich selbst gelöst hatte, so wäre die Antwort nicht eindeutig ausgefallen.

In einer klaren Neumondnacht trafen sich Krebs und Muschel am Meeresgrund wieder. Erschrocken versuchte sich die Muschel in den Sand zu graben. Der Krebs lief versehentlich ein bisschen schräger als sonst. Aber er blieb. Beide erinnerten sich, dass sie einst gemeinsam in einem flachen Priel die nächste Hochtide erwartet hatten und der Krebs beharrlich an der Seite der Muschel geblieben war. Nun, dort in der Tiefe, war das Wasser klar und gleichmäßig ruhig. Tage und Nächte vergingen, der Mond nahm allmählich zu, als sie feststellten, dass ihre Stimmen einander glichen. Sie hörten sich über die Entfernung eines ganzen Korallenriffs, aber auch dann, wenn ihre Stimmen in verschiedene Richtungen strömten. Krebs und Muschel glitten auf den Obertönen der Wale. Mit ihnen begann die Zeit, die niemals festgeschrieben wurde und nicht messbar ist an den Gezeiten der hohen See.

sibyll maschler (Text und Foto) – Juni 2008