Categotry Archives: Autoren

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Mond

Lars Steger: verhangener mond Liane Fehler: ausatmen Lars Steger: kastaniengrün Liane Fehler: Mein Christian Rempel: Trosttanka sibyll maschler: Kommen und Gehen Lars Steger: In mondheller nacht Gerhard Jaeger: Monochrom halbmond-bewoelkt-k http://quarknet.de/mond-fotos.php

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halbmond-bewoelkt-k http://quarknet.de/mond-fotos.php

Ich habe hier acht Gedichte von Lyrikern und Lyrikerinnen unseres Vereins, in denen der Mond erwähnt wird zusammen in einem Artikel vereint.

Liane Fehler Onlineredaktion

halbmond-bewoelkt-k http://quarknet.de/mond-fotos.php
Foto: halbmond-bewoelkt-k http://quarknet.de/mond-fotos.php

Lars Steger: verhangener mond
Liane Fehler: ausatmen
Lars Steger: kastaniengrün
Liane Fehler: Mein
Christian Rempel: Trosttanka
sibyll maschler: Kommen und Gehen
Lars Steger: In mondheller nacht
Gerhard Jaeger: Monochrom

Lars Steger: verhangener mond…

verhangener mond
am lichtschmutzigen abend
vorweihnachtsgrellbunt

Liane Fehler: ausatmen

will diese Liebe
rausschreien
ausatmen
dass der Wind sie trägt
der sie mir brachte
und der Mond
sein Komplize
scheinheilig
leuchtet er wieder
und lacht

2012

Das Gedicht wurde veröffentlicht in der Jubiläumsanthologie: “unDichterNebel” 2001 – 2015
(ISBN  978-3-941394-40-7 / Osiris Druck Lpz.)

Haiku von Lars Steger: kastaniengrün

kastaniengrün
nur ein moment im vollmond
fledermausflatternd

Liane Fehler: Mein

Mein Mond, mein Tag wird nicht geboren
meine Welt ist ganz anders
nicht ein Tropfen passt mehr hinein
meine Ozeane sind ganz anders

Ich schluchze wie die Nachtigall
an jeder Rose sind Dornen
meine Liebe ist Regen, meine Liebe ist Wind
meine Überreste sind ganz anders

Ich bin Sarica* verkaufe Worte
bin einverstanden vertreibe die Sorgen
die traurige Nachtigall decke ich zu
mein Wehklagen ist ganz anders


Nachdichtung und Übersetzung aus dem Türkischen
* Sarica ist der Vorname der türkischen Autorin

Christian Rempel: Trosttanka

Ist halb nur der Mond,
leuchtet dem deutschen Michel.
So klein war er nie –
der Mond ist gemeint, nicht Sie.
Ist bewohnt seine Sichel?
Bist so blass wie er,
ein Kreuz zu machen ist schwer,
im September schon.
Lass es Dir leicht sein mein Sohn,
bis dahin ist noch ein Mond.

C.R. 22.8.2013

sibyll maschler: Kommen und Gehen

Im Wind
am Ufer
wartet sie
dass die Liebe kommt
mit der Flut
verlässlich
vom Mond geschickt
Wasser, Licht und Stille brechen
Weib und Kind

Sommer 2011

Lars Steger: In mondheller nacht

In mondheller nacht
Überm ausfahrenden schiff
Segelt die Möwe

Gerhard Jaeger: Monochrom

blauer Schnee
blauer Rauch
blaue Mondnacht
blauer Mond lacht
blauer Schneemann auch
blau sein Bauch
blau sein Gesicht
blau der ganze Wicht
aus blauem Schnee

ach kalte Nacht
durch die ich geh’
mit Blaulicht und Schnee

Ich – ein blauer Mann, einer,
der auch frieren kann

Blauer Schnee
Schnee so blau

schau
alles blau

Foto: halbmond-bewoelkt-k http://quarknet.de/mond-fotos.php

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Liane Fehler: Regenluft

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Regenluft strömt kühl
in aufgeheizte Räume
frisch und belebend

der Körper lächelt leise
endlich wieder tief atmen

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Textarbeit Arbeitsgruppe von und für Autoren unseres Vereins

Ihr Lieben, die Treffen, wie früher, als wir uns gegenseitig die neuen Texte vorstellen konnten sind für mich schon zur Erinnerung an eine Zeit geworden, die vorüber zu sein scheint. Wer von uns jedoch weiter schreibt, möchte vielleicht auf den bewährten Austausch mit vertrauten Menschen, Dichtern nicht verzichten. Deshalb könnten wir eine Textarbeit Arbeitsgruppe von Autoren unseres Vereins bilden und ...

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Ihr Lieben,
die Treffen, wie früher, als wir uns gegenseitig die neuen Texte vorstellen konnten sind für mich schon zur Erinnerung an eine Zeit geworden, die vorüber zu sein scheint. Wer von uns jedoch weiter schreibt, möchte vielleicht auf den bewährten Austausch mit vertrauten Menschen, Dichtern nicht verzichten. Deshalb könnten wir eine Textarbeit Arbeitsgruppe von Autoren unseres Vereins bilden und in einem geschützten Bereich (Der Zugang würde über ein Passwort erfolgen.) an den Texten arbeiten – feilen. Wer Interesse an der Beteiligung hat, macht sich bitte bemerkbar.

Liane Fehler Onlineredaktion

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oskar löffelschuh: die friedensschuld

die friedensschuld Mit frisch geölter führungskette am denkgeländer eingehakt tun sie alles, immer mehr um köderhappen auf zu schnappen so um den neuen kult geschart trägt jeder teil um teil beim puzzle-irrsinn hin bei zum großen bild so stück für stück ...

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die friedensschuld

Mit frisch geölter führungskette
am denkgeländer eingehakt
tun sie alles, immer mehr
um köderhappen auf zu schnappen

so um den neuen kult geschart
trägt jeder teil um teil
beim puzzle-irrsinn hin bei
zum großen bild so stück für stück
sein recht und gut, den mut zum glück
und ganz gewöhnlich wächst heran
der lang ersehnte leviatan

verkehrte welt verdreht vertauscht
gesprungen sind die spiegel
ist alles in die not gedrungen
einander zu verlieren

und doch wenn alle nur für sich
erwecken einen kleinen frieden
und mit ihm handel treiben
wie mit geld, ihn tauschen
leihen gut verzinst

dann wächst ein wissen
um die kleinen frieden
denn jeder steht gemütlich
bald in eines andern
friedensschuld

   april 2021

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Lars Steger: Haiku – Alter Ego – Zufälle

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Alter Ego – Zufälle

um mitternacht die
nähe des flusses riechen
wie alt muss man sein.

meines großvaters
chrysanthemen – erinnern
glückliche kindheit  

zwischen den fenstern
sucht die fliege den ausweg
ihren tag leben 

schon wieder schimmert
der spielplatz durch die blätter
spätsommerglitzern

                                               Jahnishausen
kinderklettertraum
doppelstämmiger ginko
traumweiter weltblick 



für pete, joan und harry

wie klare wasser
worte sagen und singen
ewig dies strömen


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Malack Silas und Libella Hoge – Yazar – Bild: “Die Schönheit des Herbstes” und das Gedicht „Oktobergolden“ in Deutsch, Englisch und Kisuaheli – Shahiri kwa lugha ya Kiswahili / Poesie in Suaheli

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Silas Malack Beauty of Herbst Oktober
Malack Silas: Bild painting: “Beauty of Herbst”

Oktobergolden
lachen leuchtende Bäume
Herzrotgefunkel

Herzrotgefunkel
leuchten lachende Bäume
Oktobergolden


Octobergolden
glowing red trees laugh
heart red sparkling

Heart red sparkling
laughing trees shine
Oktobergolden

Oktoba ya dhahabu
Miti yang’aa ni furaha
Rangi nyekundu yametameta

Rangi yang’aa na kumeta meta
Kwa furaha, miti yang’aa na kumetameta
Oktoba, mwezi wa dhahabu.

Die Texte „Oktobergolden” sind von Libella Hoge -Yazar in Deutsch und Englisch; die Übersetzung und Nachdichtung in die Sprache Kisuaheli  übernahm Malack Silas: „Oktoba ya dhahabu“

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Oskar Löffelschuh: Unterm Kaiserbild

Unterm Kaiserbild da sitzt du nun und nähst aus grobem Zeug den Helden das Gewand den Bruderrock zum letzten Säbeltanz in dem die gleichgemachten sich zuckend winden ...

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Unterm Kaiserbild

da sitzt du nun
und nähst aus grobem Zeug den Helden das Gewand
den Bruderrock zum letzten Säbeltanz in dem die gleichgemachten
sich zuckend winden dann im Takt der Feuergarben und fallen
einzeln doch zuletzt auf kalten Boden

da sitzt du nun
denkst an die uniformen Taschen, an all die Kinderbilder, all die Liebsten
die sie einmal tragen und die so oft in letzten Ruhestätten lichtlos mit vergehen
beschmutzt mit allem was sich denken lässt und dem
was nur die Helden kennen

da sitzt du nun
und hast mit diesem Ehrenzwirn dein Wochensoll erfüllt
wie viele deiner Werke werden später sauber in den Schränken hängen
wenn nachts die Heldenhäupter
Trost in Frauenschößen suchen

da sitzt du nun
ein Maßschneider in seiner Werkstatt dem Kriegsdienst anbefohlen
und dienst doch nur dem Geist der Zeit auf deine Weise
Helden sind das Spielzeug alter Männer
damit Opfer sinnvoll scheinen gibt man ihnen Ehre, Flasche und Gewehr

nein,
du bist kein Held
du bist ein Meister deiner Zunft
und sitzt nun da seit Stunden unbewegt
an diesem Feierabend

Oskar Löffelschuh, März 2021 

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Geburtstagsgruß an Jennifer Müller 26. Juni 2021

Bild von Malack Silas

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Malack Kelvin Olteo Silas: mit einem Bild von Zebras

Heute ist ein perfekter Tag Jennifer Müller einmal mehr Danke zu sagen und die besten Wünsche mit auf den weiteren Lebensweg zu geben.

Heute, am 26. Juni, ist der Slider Jennifer Müller gewidmet – ein kleiner Geburtstagsgruß.


Liebe Jenny,
ich möchte Dir ganz herzlich gratulieren und von Herzen Glück und Lebensfreude wünschen, möge es Dir heute und alle anderen Tage wirklich gut gehen.

Es ist immer wieder schön, Dir zu zuhören und Dich zu erleben.
Du bist engagiert und kreativ, einfach liebenswert. Du bist einfach ein toller Mensch.
Vielen Dank für Dein engagiertes, freundliches und hilfsbereites Wesen. Du bereicherst mit Deiner Anwesenheit jedes unserer Vereinstreffen. Ob mit Deinen Texten oder mit Deiner Musik, es gelingt Dir immer wieder Höhepunkte zu kreieren. Es ist einfach eine Freude, Dich in unserem Kreis zu wissen. Danke, dass es Dich gibt.

Welches Bild könnte zu diesem kleinen Geburtstagsgruß besser passen als das von Malack Silas mit dem bunten Zebra? Das Bild symbolisiert für mich etwas Besonderes. Es bereichert so wie Du unsere Welt. Ich hoffe, das Bild gefällt Dir.

Für die Zukunft wünsche ich Dir alles, alles Gute!

Liane Fehler Onlineredaktion

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Lars Steger: schon wieder schimmert

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schon wieder schimmert
der spielplatz durch die blätter
spätsommerglitzern

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oskar löffelschuh: Machs gut

Machs gut Ich stell mir vor, du hättest noch Machs Gut gesagt so blieb zurück als Trost im Grab von dir die leere Hülle ein Ort so laut und vorwurfsvoll in seinem großen Schweigen ein Abschied ohne Gruß worauf sich mein Erinnern baut tastend läuft mein Blick umher die Leere zu begreifen ich spür‘, als wäre unsichtbar alles irgendwie mit dir lackiert so ohne dich ist alles nur noch meins - vielleicht wenn ich dein Fehlen mir vergebe, ein Wort wie GUT sich in die Töne gießt und ich dann endlich widerspreche: du bist nicht fort - nur unsichtbar - dann kann ich mich in deinem Glänzen wie in tausend Spiegeln sehn april 2021

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Machs gut

Ich stell mir vor, du hättest noch
Machs Gut gesagt
so blieb zurück als Trost im Grab
von dir die leere Hülle
ein Ort so laut und vorwurfsvoll
in seinem großen Schweigen
ein Abschied ohne Gruß
worauf sich mein Erinnern baut
tastend läuft mein Blick umher
die Leere zu begreifen
ich spür‘, als wäre unsichtbar
alles irgendwie mit dir lackiert
so ohne dich ist alles
nur noch meins – vielleicht
wenn ich dein Fehlen mir vergebe,
ein Wort wie GUT sich in die Töne gießt
und ich dann endlich widerspreche:
du bist nicht fort – nur unsichtbar –
dann kann ich mich in deinem Glänzen
wie in tausend Spiegeln sehn

april 2021

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Liane Fehler: ZEICHEN – Alpha und Omega – Liedtext

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ZEICHEN

Alpha und Omega

Ich lebe im Alpha und Omega
bin auch dazwischen
Ich werde zum Spiegel
und zum Spiegelbild

Refrain:
Mein Herz lacht und
meine Füße tanzen
mal bin ich der Schatten
mal bin ich das Licht

Mal gehör ich dem Licht
dann auch dem Schatten
Ich liebe und fürchte und
fürchte´ mich auch nicht

Refrain:
Mein Herz lacht und
meine Füße tanzen
mal bin ich der Schatten
mal bin ich das Licht

Ich lebe und werde
ich sterbe, vergehe
schmelze in der Sonne
wie Schnee
komme dann vom Himmel nieder
als Schneeflocke wieder

Refrain:
Mein Herz lacht und
meine Füße tanzen
mal bin ich der Schatten
mal bin ich das Licht

Liane Fehler     (9. Oktober 2013) erster Entwurf
Musikbeispiel für den Rhythmus
Schiller – Don’t Go (Stygma Remix)

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Lars Steger: farbige stümpfe

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farbige stümpfe
damit niemand dort stolpert
gefälltes leben


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Isabel Arndt: Sabbattagebuch „Unterwegs“

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Isabel Arndt

I
16.01.20

Es gibt solche Tage. Solche, die ins Licht geboren werden. Die beginnen, wenn es Zeit ist.
Die anderen, die aus der Nacht geschnitten werden, Frühchen von Tagen also, die blass und schwach starten, die im Brutkasten des Morgens liegen – die will ich nicht mehr beginnen noch beenden. Jetzt, jetzt, jetzt kriegen die Tage ein Possessivpronomen, sie heißen: meine.

Noch zwei Monate und ich fahre los. 51 Jahre mit dem Leben verhandelt. Auf Knien, im Dreck, im Sturm. Verträge abgeschlossen, kleinste gemeinsame Nenner gefunden. Je mehr Kompromisse, destokleiner die Zahl. Bin Bruch, immer der Bruch eines Ganzen gewesen. Jetzt werde ich Zähler sein. Die Sache ist gekippt. Die Südhalbkugel wird für mich bald oben sein. Das Ende der Welt, el fin del mundo ein Anfang.

Ich möchte ins Fremde tauchen. Ins Dunkel, ins Unbekannte. Es hat Gesichter, Sprachen, Farben, Gerüche. Es hat Gassen und steinige Aufstiege. Es hat womöglich spitze Zähne. Ich kenne es nicht. Es ist wie das Morgen. Ich möchte es begrüßen. Aufrichtig, freundlich, respektvoll. Möchte das Haus erkunden, das unsere Welt ist. Den Mörtel und die Einschusslöcher.

II
10.03.20

Zwei Wochen noch. Die Spielfigur rückt voran. Mein Zeigefinger reist bunten Linien nach. Das Tablet leuchtet. Ich erkläre etwas, was mit mir nichts zu tun hat. Kap Horn, die Magellan-Straße, Torres del Paine im Lieblingsrestaurant. Warmer Kerzenschein und die ganzen Möglichkeiten füllen den Raum.
Wirklich dort sein wird komplett anders sein, heftigster Wind, mit Schnee ist immer zu rechnen und die Einsamkeit und ich – wir werden Freundschaft schließen müssen.

Jedes Abschiedstreffen bringt neue Ratschläge: was ich mitzunehmen, zu bedenken, zu planen, keinesfalls zu verpassen habe. Es ist fast gar nicht mehr meine Reise. Ich weiß, ihr meint es gut; ich mag euch, alle, die ihr euch sorgt. Einiges wird mich beschützen, anderes Ballast sein – wie unterscheiden? Die Ausrüstung unter die volle Gießkanne halten bringt neue Erkenntnisse. Einiges muss neu besorgt werden. Noch ist ein bisschen Zeit. Sicher ist: ich werde nicht auf alles vorbereitet sein. Muss improvisieren. Muss eine Achillessehne mitnehmen, die vor all dem streikt. Toller Zeitpunkt, wirklich. Ich verlasse Menschen, die ich liebe und liebenswerte welche, die ich grade erst traf.

Das Haus hat noch keinen, den es wärmt, wenn ich weg bin; wir suchen noch immer, das zermürbt. Und was wird dieser Virus noch alles anstellen, welche Grenzen versperren sich – am Ende kann ich nirgendwohin. Und womit? Der perfekte neue Rucksack steht vollgepackt im Wohnzimmer neben all den Sachen, die auch noch mit wollen. Die Gedanken rennen in meinem Kopf kreuz und quer. Die Tagesaufgaben auf Arbeit erledigt grade jemand, der aussieht wie ich, aber gar nicht bei der Sache ist. Ach, sag ich. Dabei wollte ich mich doch freuen.

III
16.03.20

Was tun?
Ein winziger Virus namens Corona tanzt auf meinen großen Plänen herum. Immer mehr Leute werden krank, Leute sterben irgendwo und das irgendwo kommt näher. Die anderen hamstern die Märkte leer, es gibt Handlungsanweisungen zur Handdesinfektion, zur Einschränkung sozialer Kontakte. Aber ein Telefon kann einen doch nicht umarmen.

Immer mehr Grenzen gibt es, allerorten wird zugesperrt. Die Angst oder die Vernunft – wer regiert hier? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann doch jetzt nicht mehr an meinen Plänen festhalten – wie verrückt ist das denn? Das Auswärtige Amt sagt „nicht notwendige Reise“. Das Virus könnte auch mich irgendwo befallen und wäre ich dann nicht lieber bei maximaler medizinischer Versorgung hier?

In einer solchen Situation mache ich immer Lose. Das ist natürlich das Unvernünftigste, was man tun kann. Aber ich hab es extra schwer gemacht: von 4 Losen war nur eins dafür, weiterhin und jetzt nach Chile zu wollen. Als ich es zog, wusste ich, dass ich es ziehen wollte.

Ich bin längst nicht mehr hier. Weiß nicht, für wen all diese Mails sind, wovon sie handeln oder was von mir zu erwarten ist. Chilenische Pampa in meinem Kopf, Teppichboden unter den zuckenden Füßen.

IV
17.03.20

Auswärtiges Amt: „Ab Mittwoch, den 18.März 2020 schließt Chile seine Luft-, See- und Landgrenzen für die Einreise von Ausländern.“die zeitfenster sind durchsichtig. auch geschlossen sehe ich noch gelobtes land dahinter. ich habe ein bedrucktes papier namens ticket – ich hätte es nicht opodo, sondern dem schicksal abkaufen sollen.

man kann im eigenen traum ertrinken, mit den armen rudernd als teilte sich dadurch das vierbuchstabige „nein“ in zwei einzelne „ja“, von denen eins reichen würde, hindurchzuschlüpfen. aber das wünschen reicht nicht. und nicht, sich genau zu überlegen, wie alles passen könnte bis alles so schön passt, dass es zu schön ist für die wirklichkeit. träume dürfen das, die können gar nicht schön genug sein. aber wenn die träume mal wirklichkeit sein wollen, wenn die seifenblasen mal nicht blöd bei jedem wind und fremdkontakt platzen wollen, dann … und das heißt dann chance. daraus kann sich ganz was neues entwickeln, ganz was großes und schönes…

Das Personalreferat ist nett. Ich darf mir das nächstes Jahr noch mal wünschen. Das wird toll.

V
29.03.20

Vielleicht hätte der Zug noch funktioniert. Trotz Ausgangssperre. Vielleicht hätte Isabel Arndt am 24.03.20 noch 10:10 Uhr mit diesem Ticket von Dresden nach Frankfurt Flughafen fahren können. Statt dessen läuft sie, laufe ich – woandershin. Laufe – google Maps sagt 14 km – vom kleinen Elbhäuschen den Fluss aufwärts. Schlängle mich mit ihm, bis ich in den Eichhörnchengrund abbiege und dort in der Buschwindröschenstille raste. Die Eichhörnchen sind nicht da, aber ich. Während sich die Gedanken in die Zugpolster gekuschelt haben, die Füße auf den dicken Rucksack gelegt, dösen. Patagonien, endlich, jetzt ist es soweit. Heute Abend der Flug – noch nie so lange geflogen, wie wird das – erst bis Barcelona, dann Santiago de Chile – wie das schon klingt – und nach Punta Arenas der Anschlussflug. Zwei Tage wird das dauern, das wird anstrengend, wir müssen dringend schlafen, sagen die Gedanken, aber können gar nicht vor Aufregung.

Die wieder geöffneten Augen sehen grün. Ein linkselbisches Kerbtal, von Mittagssonne geflutet. Der Rucksack neben mir will weiter, will unbedingt weiter. Ach, der Rucksack ist schwer auf einmal. Die ganze Zeit eigentlich schon, aber jetzt, wo er so erwartungsvoll neben mir steht, so voll mit allem, was man braucht, mehrere Tage in der Steppe zu überleben, jetzt schaffe ich kaum, ihn hochzunehmen. Ich weiß nicht, warum das alles mit mir rumtrage. Ob ich überhaupt hier unterwegs sein sollte. Man soll zu Hause bleiben, Kontakt nur zu einer weiteren Person haben. Kein Flug geht mehr, kein Land hat noch offene Grenzen. Meine Tickets mit zehnstelliger Buchungsnummer bringen mich nirgendwohin. Ich wollte ans Ende der Welt, aber das Ende der Welt ist hierhergekommen. Es braucht nur ein winziges Virus und das Ende alles Vorstellbaren ist gekommen. Ein hübsches Virus übrigens; die Grafiker haben dem gelben Körper rote Krönchen aufgesetzt. Corona also. Es sieht nicht aus, als müsste man davor Angst haben. Ich habe nie wieder Angst haben wollen, ich wollte weit weg ganz allein klarkommen. Und das wäre ich, irgendwie. Aber jetzt soll ich Angst haben, jetzt soll ich vernünftig sein, Kontakte und Reisen vermeiden, wir müssen alle die Amplitude einer Kurve flach halten.Die Infizierten, die Toten sollen beherrschbar bleiben. Was um Himmels Willen ist hier los??

Weiter! Ich kann hier nicht bleiben. Nicht, wenn mein Flug in ein paar Stunden geht, nicht, wenn ich alle Schritte der nächsten Tage schon tausendmal gegangen bin. Gehen. Gehen ist Nicht-Bleiben. Das ist das Einzige, was aushaltbar ist jetzt. Es gibt einen Ort, es gibt genau einen Ort, an den ich jetzt möchte. Dort – ja, ich weiß, die Mutter seiner Kinder hat ihm, da Kontakt zu mir – 14 Tage in Quarantäne geschickt und jetzt komm ich, die Quarantäne mit ihm zu teilen, das ist so verboten, wie es schräg ist. Ich darf bleiben, aber auf keinen Fall zu nah. Das ist ok, so wie alles derzeit ok ist, was gar nicht ok ist. Die Nächte sind frostig. Wir haben den Aprikosenbaum in zwei weiße Laken gehüllt; der Scheinwerfer drunter leuchtet nachts Wärme, er leuchtet; eine weiße Fahne, wir haben kapituliert. Die Tage in reinstem Frühlingsblau, ahnungslos. Aus den Lautsprechern die neusten Zahlen, während ich die Katze kraule, während ich Erdbeerpflanzen umsetze. Finde ein Schild mit der Sorte „Korona“. Hämmere, hämmere mit dem alten Klüpfel, mit den alten Beiteln auf wurmstichiges Feuerholz ein, bis es mir sagt, was es eigentlich ist. Ich will dringend wissen, was es eigentlich ist, das alles.

Als er nicht sagte, bleib, ging ich. Ging ich den ganzen Weg zurück, um zu gehen. Unterwegs nach Patagonien. Ein Freund rief an, wir könnten. Könnten biwakieren an einem See, biwakieren ginge immer. Und zwei geht auch. Also ging der Rucksack wieder auf die Reise. Schöne Seen haben sie da in Patagonien. Wie die Kiesgruben bei uns. Sandige Ränder mit Birken. Rohrkolben, denen die Zeit weggeweht ist. Trübes Wasser, kalt. Trockenes Holz mit Birkenrinde und Feuerstahl leuchtet warm in unseren Gesichtern. Erstaunlich windstill in Patagonien.

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fp: der feuerdrache

der feuerdrache ein alter drache holte luft wollt mal wieder feurig fauchen hat sich verschluckt am eignen duft konnte so nur lauwarm hauchen er brach ab nach drei versuchen und kroch tief in seine grotten konnte keinen sieg verbuchen ...

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der feuerdrache

ein alter drache holte luft
wollt mal wieder feurig fauchen
hat sich verschluckt am eignen duft
konnte so nur lauwarm hauchen

er brach ab nach drei versuchen
und kroch tief in seine grotten
konnte keinen sieg verbuchen
pflegt nun folgende marotten

sieht jetzt überall gespenster
bleckt teufelswild den letzten zahn
und haucht eisblumen an fenster
glaubt wirklich, er beherrscht den wahn –

von zeit zu zeit, wie wunderbar
haucht er in die kerzenflamme
erinnert sich, dass da was war
und er von großen drachen stamme

die luft ist dick, die lider zucken
die ruhe hält er nicht gut aus
tagein tagaus – die schuppen jucken
ihm fehlt wahrscheinlich der applaus

fp

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Annett: Angekommen

sprachlos gesichtslos profillos jobmaske durchgewurzelt ins löchrige hirn aggressiver werdende worthülsen täglich wieder verinnerlichte wortlosigkeit die jugendrevolte (die harmlose!) war nur ein pup auch ich hab mich zu billig verkauft - den revolterest nennen sie image Autorin: Annett Goldberg (aus: "Zwischen den Zeiten 1990-2000" (Anth.); hrsg. von Eitel Kunst e.V., Peter-Segler-Verlag, 2003, 2. Aufl., ISBN 978-3-931445-07-2)

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sprachlos gesichtslos profillos
jobmaske durchgewurzelt
ins löchrige hirn
aggressiver werdende worthülsen
täglich wieder
verinnerlichte wortlosigkeit

die jugendrevolte (die harmlose!)
war nur ein pup

auch ich hab mich zu billig verkauft –
den revolterest nennen sie
image

Autorin: Annett Goldberg

(aus: „Zwischen den Zeiten 1990-2000“ (Anth.); hrsg. von Eitel Kunst e.V., Peter-Segler-Verlag, 2003, 2. Aufl., ISBN 978-3-931445-07-2)