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Der Bürgermeister

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 „Abreißen,“ sagte Raschke, „alles abreißen.“  Er fuhr sich über seine Tränensäcke und fixierte den jungen Mann am anderen Ende der Tischplatte. „Abreißen, verstehen Sie?“ Der Mann, mit Stift und Notizblock, sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. Raschke seufzte, strich sich das spärliche Haar glatt und schob den Stuhl nach hinten. Diese Redakteure ließen einen nie in Ruhe. Er war der Bürgermeister und er hatte die Garnisonsstadt hier satt.

15.000 Russen. Auf 5.000 Einwohner. Raschke stand auf und sah durch das Fenster auf den Marktplatz hinab. Heute war Markttag, Händler und Senioren im freundlichen Miteinander. Man sah sich wieder. Raschke trat ein wenig zur Seite. Nicht mal eine Gardine zum Verstecken hatte er hier. Alles lag bloß in dieser Stadt. Kasernen, Bunker, Stellungen. Scheiß Raketen. „Wissen Sie,“ sagte er, den Redakteur im Rücken, „Sie können hier alles nur noch abreißen.“ Raschke fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Sie schmeckten taub. Es war spät geworden gestern Abend, sein Schulfreund hatte Wein mitgebracht, sie hatten in der Küche gesessen und geredet, wie früher. Gestern Abend war er kein Macher, kein Entscheider, keiner, der Interessen ausgleichen musste. Kein „Aber Herr Raschke…“. Gestern Abend war er Jürgen, ein Junge, voll von Ideen. Ein Junge, der die Russen mochte, diese kahlgeschorenen Fremden, die ihn auf der Ladefläche des Ural mitnahmen, wenn er, müde von einem Nachmittag auf den Wiesen, heimwärts trottete. Ein Junge, dem die Russen irgendwann eine Mundharmonika schenkten. Auf der er immer noch nicht richtig spielen konnte.

„Wissen Sie…“ sagte er, immer noch am Fenster stehend, den Redakteur im Rücken. „Wissen Sie…“ und brach ab. Was wusste der Redakteur schon. Er könnte sein Junge sein! Mit Mitte 20 in den Kapitalismus geschliddert, genau zur richtigen Zeit. Diese Zeit war ein lebendiges Etwas gewesen: sie warf die Großväter komplett in den Altglascontainer. Dort zerdöbberten sie mit lautem Klirren, ein paar blieben heil. Bei den Vätern differenzierte sie schon: Die einen wickelte sie ab, die anderen wickelte sie auf. Und keiner wusste wirklich, warum er zu welcher Seite gehörte.

Der Bürgermeister fuhr sich über die Tränensäcke, er musste den Blick klarkriegen, bevor er sich umdrehte. Der Redakteur sah bestürzt zu ihm herüber. Jetzt lächelte Raschke. Natürlich, der hing an den Kasernen! An den rostigen Unterständen, durch die das Regenwasser tropfte. Denn bei den Jungen, da war die Zeit nachlässig gewesen. Die wusste, dass die Jungen einfach loslegten. Ein bisschen politische Vorbelastung fiel da nicht ins Gewicht. Nur jetzt, er sah dem Redakteur in die Augen und hatte den Blick endlich klar, jetzt wühlten diese Mittzwanziger von einst im Container nach ihrer Geschichte.

„Abreißen…“ sagte Raschke zum Redakteur, wie er es seinem Sohn sagen würde, wenn etwas nicht mehr ginge. Wer, bitte schön, sollte sich denn für die Geschichte interessieren? Natürlich hing auch sein Herz daran, er hatte geworben, um seine Bürger, um ihre Ideen. Aber es kamen keine Ideen. Dann hatte er um Künstler geworben, aber die Handvoll, die kam, war mit dem maroden Gemäuer hoffnungslos überfordert. Dann hatte er um Investoren geworben, aber da kamen schon die Solarbauer und sagten forsch: Wir wollen nur die Fläche! Zuletzt hatte er um Menschen  geworben: Kommt her, nehmt Euch das Land, baut Euch ein Eigenheim. Viel Wald habt Ihr hier, wisst Ihr eigentlich, wie Kiefern im Sommerwind  rauschen? Im August habt Ihr hier Pilze! Und Blaubeeren ohne Ende! Und um die Altmunition unterm Moos macht Euch nicht zu viel Sorgen. Die Entsorgung kriegen wir mit der Zeit schon hin.

Aber die Menschen kamen nicht. Übrig blieben 5.000 Einwohner, ohne ihre Russen. Die sie eh nie gemocht hatten. Dazu drei verdienstvolle Heimatforscher. Und ab und zu Gruppen von Spinnern, die im Robur über den Truppenübungsplatz rauschten. Aber die ließen auch kein Geld in der Stadt. Die brachten geschmierte Stullen mit. Und heißen Tee, in Thermoskannen.

„Sie können hier nur noch alles abreißen, verstehen Sie?“ Raschke strich sein Haar glatt und entspannte sich langsam. Er schlenderte zum Tisch zurück, setzte sich, jetzt war er wieder der Bürgermeister, der Macher. Der Entscheider. Dieser Redakteur erwartete eine Antwort auf die Frage, was mit der Geschichte geschehen sollte. Aber diese Geschichte wollte niemand. Sie war ein Kinofilm in Breitwandformat. Ein Film, der einem aus der Seele sprach. Ein Film, in dem man lachte und weinte, in dem man starb und trotzdem weiterlebte. Aber wenn man das Kino verließ, stand man im grellen Sonnenlicht, ohne einen einzigen Ort zu haben. Diese Geschichte lebte nicht. Sie lebte für 90 Minuten oder, wenn es hochkam, für 120. Aber doch nicht für ein ganzes Leben!

„Abreißen…“ sagte Raschke leichthin. Der Blick verschwamm wieder, aber es tat gut. „Abreißen…?“ fragte der Redakteur langsam verstehend zurück. „Mmm… ich würde sagen: abreißen“ sagte Raschke. Jetzt kam der Junge wieder durch. Jetzt war er Jürgen. Jürgen Raschke. Bürgermeister und Junge in einem. Die Mundharmonika hatte ausgedient.

Raschke sammelte sich. „Wir reißen ab…“ sagte er bestimmt. „Und danach…“ sagte er und fixierte den Redakteur, „danach sehen wir weiter. Schreiben Sie das.“

Eichwalde Nov. 2009, Senftenberg Mai 2013. Letzte Bearbeitung Senftenberg Jan. 2014. Danke für Textkritik und Hinweise beim Sommerseminar 2013 in Bad Sonnenland.

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Diese Welt

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Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche.
Ich hab geweint, zu selten,
und gelacht, zu laut,
und gesoffen hab ich auch.

Und dann bricht die Welt da rein, und ja,
es interessiert mich, wenn in China
ein Sack Reis umkippt, ein Fischhändler
aus Wuhan hat mein Leben verändert,
oder war es der Laborant, ich nehme
den Händler, den Reisschnaps in der Tasche,
das Land vibriert, spürst du´s nicht?

Die Kokosnüsse im Laden sind niedliche Dinger,
ich kann sie schütteln und hör' drin was glucksen,
fallen von Palmen, manchmal im falschen Moment,
erzählt mir eine Kolumbianerin, und dann
ist der Erntehelfer tot. Passiert halt,
Berufsrisiko, sagst du, und ich stelle mir
einen Zapfensammler vor im deutschen Wald,
der den Zapfen der Fichte fühlt.

Das Jahr geht durch mich durch, wenn ich
im Studio die Nachrichten spreche, das ist
was anderes, als die Echokammer des Herzens,
das ist der Echoraum der Welt.

Nur der tote Vater liegt vor der Tür, ich weiß nicht,
wohin mit ihm, schrieb ich im letzten Jahr.

Und dann rollt dieses neue Jahr an, zweiundzwanzig,
ich mag kein Jahrhundert mehr davorsetzen, wie
Geröll am Hang, rollt es die Brust herunter,
wie sind die Stones auf ihren Namen gekommen.

Nicht auszuhalten, dieses Rollen,
der Husten will raus und kann nicht,
in der Notaufnahme sind sie so nett,
die Schwester spricht laut unter ihrer Maske,
und artikuliert: Wie ist Ihr Name? Liebevoll,
wie das sagt, mit ihren großen Augen hinter der Brille,
darunter die Maske, ich will deine Lippen sehen, Schwester,
zeig mir nur einen Moment deine Lippen.

Wie die Lippen Wolodymyrs, als er noch keinen Bart trug,
die sind zum Küssen gemacht, so volle Lippen, dachte ich.
Unser Entsetzen ist gewaltig, lese ich
in deinem Brief, dieser Satz
ist der ganze Brief. Kein Wort mehr,
das ist kein Brot zum Essen, weißt du, 
das ist eine hartgewordene Schrippe.

Warum denke ich, mitten im Krieg, an den Frieden?
Was ist denn das für ein Frieden, wenn am Kübel ich
den Kwas ausschenke, in Lwiw oder Odessa oder
einem Moskauer Vorort, wenn die Sonne sich neigt,
müde, so müde, alle trinken und ich bin so durstig.

Warum sagt eigentlich keiner: Entschuldigen Sie bitte, 
es war ein Versehen, es tut mir leid, es tut mir weh.
Stattdessen entscheidet ein Vokal über Leben und Tod,
wenn in der Nacht der Trupp durch die Stadt schleicht.
Kannst ja kein "h" sprechen, fremder Bruder,
die Parole heißt: Luhansk. Los, sag Luhansk. Lugansk.
Luhansk sollst du sagen. Lugansk!

Und da steht der tote Vater auf, draußen, vor der Tür,
er tappt durch die Nacht, unruhig, er kommt und geht,
und das geht ja nun gar nicht, still, still, pschsch…
macht die Schwester, als der Soldat beginnt zu weinen,
nimmt sie ihn in den Arm, sah ich im russischen Fernsehen,
nicht im deutschen.

Das alles geht durch mich durch, wenn ich die Nachrichten spreche,
bei Rotlicht, im Studio. Und der Vater vor der Tür
legt sich wieder hin und stirbt noch einmal.
Und ich weiß nicht, wohin mit ihm.

Andreas Schrock, März/April 2022, letzte Bearbeitung September 2022
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Anteil aus Bogorodschany

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Bogorodschany Sept. 1983                                                                   Texte zur Ukraine

Wenig heller als schales Bier
der Morgen
Sonnenlicht fließt ins Labyrinth
der Baracken
Der Sommer stürzt hinter Lastautos
in Staub
lustige Fahnen, Knoblauch und Schnaps
Bauleute
spielen auf, es platzt
die Erde
ein guter Ton
das Gasrohr
geduzt wird es von jedem
verheilt die Grasnarbe
unter der Haut

mehr wird bleiben
als Flüche und Geld

Gerhard Jaeger, Berlin-Heinersdorf

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Offenes Land

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Wie ein Greifvogel fällt die Dämmerung                                                Texte zur Ukraine
in die awtostanzija, über Menschen mit
leeren Kartoffelsäcken, über Mädchen mit
Handtaschen, über Männer, über Kinder.

Dahinein fällt die Dämmerung, fällt das Licht
der Linienbusse, spärlich, ins Donezkbecken
fahren sie, gut tausend Kilometer, budjet.

Auf den letzten Plätzen sitzen wir,
dein Gesicht, deine großen Augen
gegen den dunklen Himmel. Nach
Jalta oder weiter nach Donezk
fliegen unsere Gedanken dem
Busfahrer voraus. Die deschurnaja
ist ein Mädchen, eine djewotschka,
die durchzählt mit klarem Blick.

Voraus fliegen unsere Wünsche, ein Bus
voll Erwartungen, schweigend, schaukelt
die Küstenstraße, Kurve um Kurve
am Mittelstreifen entlang.

Der Mond hängt als halbierte Melone,
unwirklich, ungelenk, nichts
voreilig festlegend,
purzeln die Worte,

geht die Fahrt ins offene
Land.

Andreas Schrock, Krim, Juli 2005

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