Categotry Archives: Uncategorized

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Andreas Schrock: Fotos im Blog – Auswahl Mai 2014

Dies ist eine Auswahl aus den bisher hier im Blog veröffentlichten Fotos von Andreas Schrock. Die Miniaturfotos sind eine Art der Vorschau. Beim Klicken in die jeweilige Miniatur sollte sich ein weiteres Fenster öffnen, auf dem das Foto vor einem schwarzen Hintergrund erscheint. Das ist oft für das Betrachten von Fotos ein Vorteil. Das Auge kann sich bei dieser Art der Darstellung erholen. Der Blick wird nicht abgelenkt, sondern kann sich ganz auf das zu Betrachtende fokussieren. Die Wahrnehmung von Kontrasten ist leichter. Viele Farben entfalten oft erst vor einem schwarzen Hintergrund ihre Wirkung und Leuchtkraft vollständig.

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Walpurgisnacht

Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V., ich habe eine Frage an unsere "virtuelle Runde". Wer von Euch kann mir kurzfristig zum Thema: "Walpurgisnacht" noch einen Beitrag für unseren Blog senden? Das kann ein Lied, jede Form von Text, ein Foto oder Bild sein. Es würde mich freuen, wenn Neues entstünde. Liane Fehler Onlineredaktion

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Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V.,

ich habe eine Frage an unsere „virtuelle Runde“. Wer von Euch kann mir kurzfristig zum Thema: „Walpurgisnacht“ noch einen Beitrag für unseren Blog senden? Das kann ein Lied, jede Form von Text, ein Foto oder Bild sein. Es würde mich freuen, wenn Neues entstünde.

Liane Fehler Onlineredaktion

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Wie hat Euch das Frühjahrsseminar gefallen?

Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V., wie hat Euch das Frühjahrsseminar gefallen? Welche Eindrücke sind geblieben? Gibt es neue Ideen oder Wünsche für unsere kommenden Seminare? Ich würde mich über weitere Feedbacks im Blog freuen. Liane Fehler Online-Redaktion

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Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V.,

wie hat Euch das Frühjahrsseminar gefallen? Welche Eindrücke sind geblieben? Gibt es neue Ideen oder Wünsche für unsere kommenden Seminare? Ich würde mich über weitere Feedbacks im Blog freuen.

Liane Fehler Online-Redaktion

200 Jahre fröhlicher Freitod? – Kleiner Vorgriff auf den 200. Todestag Heinrich von Kleist’s im Jahr 2011

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Kleists letzter Brief an seine Schwägerin Marie von Kleist, Stimmings Krug bei Potsdam, 21. November 1811:

 

„Meine liebste Marie, wenn Du wüßtest, wie der Tod und die Liebe sich abwechseln, um diese letzten Augenblick meines Lebens mit Blumen, himmlischen und irdischen, zu bekränzen, gewiß Du würdest mich gern sterben lassen. Ach, ich versichre Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt habe, und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten Tode vergütigt … Ach, ich versichre Dich, ich habe Dich so lieb, Du bist mir so überaus teuer und wert, daß ich kaum sagen kann, ich liebe diese liebe vergötterte Freundin mehr als Dich (Anm.: Henriette Vogel, 31 Jahre alt und unheilbar an Gebärmutterkrebs erkrankt[1]).  Der Entschluß, der in ihrer Seele aufging, mit mir zu sterben, zog mich, ich kann Dir nicht sagen, mit welcher unaussprechlichen und unwiderstehlichen Gewalt, an ihre Brust; erinnerst Du Dich wohl, daß ich Dich mehrmals gefragt habe, ob Du mit mir sterben willst? – Aber Du sagtest immer nein – … Ach, meine teure Freundin, möchte Dich Gott bald abrufen in jene bessere Welt, wo wir uns alle, mit der Liebe der Engel, einander werden ans Herz drücken können. – Adieu“

 Erstmals stoße ich 2007 auf den Namen Heinrich von Kleist (1777-1811). Über eine Buchspende erhalte ich H. von Kleists sämtliche Werke, vierter Band, Stuttgart, ohne Jahr und in Frakturschrift. Ich nehme das Buch in den einige Kilometer entfernten Garten und beginne dort mangels anderer verfügbarer Literatur zu lesen. Die Anektdoten gefallen mir auf Anhieb, weil ich das Gefühl habe, sie zu verstehen. Es klingt vielleicht kindisch, albern, überholt, doch die Werke der Klassiker ringen mir immer noch einen Respekt ab, der zu einer gewissen Distanz führt.  Doch Kleists Anekdoten aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges sind irgendwie anders: kurz und knapp, auf den Punkt gebracht eben, ohne sichtbare Wertung, oder, um es in einem modernen Slogan auszudrücken: sie enthalten Fakten, Fakten, Fakten. Das ist Journalismus in der ursprünglichsten Form. Egon Erwin Kisch hätte es nicht anders gemacht. Das ist mir sympathisch, heute noch, weil ich das Gefühl habe, relativ dicht an den Quellen zu sein. Vor aller literarischen Arbeit steht ja das Beobachten, das Registrieren, die Sensibilität für innere und äußere Ereignisse. Ich weiß noch nichts von Kleistens Freitod, nichts davon, dass er sich in den Mund schoss, ich sehe nur seine Anekdoten aus dem Siebenjährigen Krieg.

Zugegeben, Kleist war nicht in diesem Krieg gewesen, ich schaue im Lexikon nach, er ist also 14 Jahre nach Ende des Krieges geboren. Das heißt aber auch, dass Kleistens Elterngeneration in den Krieg involviert war, heißt also, er hat Zeitzeugen getroffen, ihre Erlebnisse notiert und verdichtet. Kleist wollte, so scheint es mir beim Lesen der Anekdoten, wohl selbst so dicht wie möglich an die Ereignisse heran. Alle Wertung, die man bei Zeitzeugen oder ihren Scriptoren zuweilen trifft, die nachträgliche Einordnung des Geschehens in den Rückblick also, finde ich in den Kleist’schen Anekdoten eher selten. Kleist hat extrahiert, er hat sich an die Zeit gehalten und alles Schwankende der Zeugen fortgelassen.

 

Aus den Vernehmungsprotokollen des Hoffiskals Felgentreu, Richter zu Heinersdorf, Stimmings Krug bei Potsdam, 22. November 1811

 

Gastwirt Johann Friedrich Stimming: „Es kamen am Mittwoch, den 20. nachmittags zwischen 2 u. 3 Uhr zwei mir unbekannte Personen, ein Herr und eine Dame, mit einem Lohnkutscher von Berlin gefahren und stiegen in meinem Gasthofe ab. Auf ihr Verlangen mußten ihnen zwei Zimmer im obern Stockwerk des Hauses eingerichtet werden. Sie bestellten Kaffee, erhielten solchen und gingen beide, nachdem sie ihn verzehrt, gemeinschaftlich aus, anscheinend spazieren….(Anm.: weiter mit dem 21. um 3 Uhr nachmittags) Sie gingen hiernächst abermals fort und hinterließen, daß ihnen der Kaffee nachgebracht werden sollte. Meine Ehefrau wunderte sich hierüber, daß die Herrschaften an einem kalten Wintertage den Kaffee im Freien verzehren wollten, wir hatten indes nichts Arges und schickten die Ehefrau des Tageslöhners Riebisch hinter ihnen her, indem wir sie noch vom Hause aus am See sehen konnten, wo beide herumsprangen und Steine in das Wasser warfen.“

 

In der Stadtbibliothek Rheinsberg fällt mir 2008 erneut ein Kleist’sches Buch in die Hände: Heinrich von Kleist – ein Lesebuch für unsere Zeit. Ich glaube, es war aus den 50er Jahren, das Papier fühlte sich so anders an als etwa in Büchern der 80er Jahre. Gleichwohl ist das erwähnte Buch wieder und wieder verlegt worden. Ich finde es heute in der Stadtbibliothek Dresden wieder, in der 10. Auflage von 1986. In Rheinsberg lese ich Michael Kohlhaas (aber das ist eine Geschichte für sich) und ich lese in einem weiteren Büchlein (dessen Titel ich nicht notiert habe) über die Umstände seines Todes am kleinen Wannsee. Hier lese ich auch von der Grabstätte, die man heute noch besuchen kann.  Ich bin erstaunt, wie fröhlich und sorglos man mit 34 Jahren in den Tod gehen kann. Ich verstehe es nicht, wer sitzt vor seinem Tode im Campingstuhl, lässt sich noch ein Tässchen Kaffee kommen, lacht und scherzt, atmet Wind, hört Wellen schlagen, sieht den Kreisen zu, den die ins Wasser geworfenen Steine erzeugen und lässt den Blick in die Weite schweifen? Und haut dann ab aus diesem Leben?! Trotzdem komme ich nicht weg von dieser Geschichte, ich weiß nicht, warum.

 

Tagelöhner Johann Friedrich Riebisch: „So habe ich die beiden Fremden, welche sich am 21. November hier erschossen, gleich nach ihrer Ankunft hierselbst gesehen. Hiernächst habe ich weiter von ihnen nichts gehört, als am 21. November nachmittags in der 4. Stunde, wo sie mir auf der Chaussee begegneten. Ich kam eben mit einer Karre Mist und ruhte mich aus, als der fremde Herr und die Dame mir ebendaselbst entgegenkamen. Der erste forderte mich auf, die Karre aus dem Wege zu ziehen, damit die Dame passieren könnte, und versprach und gab mir dafür 1 Groschen. Ich hatte kaum die Brücke passiert, als meine Ehefrau kam und sagte: „Stelle dir doch die Tollheit vor, die beiden Menschen wollen dort oben Kaffee trinken!“. Sie trug nämlich den Kaffe bei sich. Kurze Zeit darauf rief mich meine Frau und forderte mich auf, ihr Tische und Stühle nach dem See tragen zu helfen, welche die beiden Fremden verlangt hätten. Auf den am Wannsee befindlichen Hügel fanden wir beide Fremde stehend. Sie hatten den Kaffee schon bis auf eine Tasse ausgetrunken, welche die Mannsperson sich soeben in meiner Gegenwart einschenkte und einen in einer Flasche befindlichen Rest Rum hinzugoß… Indem wir uns entfernten und nach Hause gingen, sahen wir beide Fremden Hand in Hand den Berg hinunter nach dem See zu springen, schäkernd und sich jagend, als wenn sie Zeck spielten. Sie nannten sich beständig Kindchen, liebes Kindchen und waren außerordentlich vergnügt.“

 

Ich will nichts von Kleist wissen, aber 2009 taucht der Name wieder auf. Ich lese Texte und Zeichen: Deutsche Literaturgeschichte, erschienen bei Cornelsen in Berlin 1995. Ein Schulbuch für den Deutschunterricht, das mir Lars geliehen hat. Ein tolles Buch, gut verständlich, ein gutes Schulbuch mit Grundlagenwissen eben. Die Chronologie beginnt bei den alten Germanen an und endet 1990, mit dem Ende der DDR-Literatur. Irgendwann, mittendrin sozusagen, nach Schiller und Goethe, kommt das Kapitel: Außenseiter: Jean Paul, Hölderlin, Kleist. Da ist er also wieder und mir fällt ein, dass mir in den Weiten der Bücherregale in meiner Wohnung unlängst ein hierzu passendes Buch von Stefan Zweig in die Hände gefallen ist: Der Kampf mit dem Dämon: Hölderlin, Kleist, Nietzsche, erschienen 1988 bei Kiepenheuer in Leipzig. Ich lese erneut über die Umstände seines Freitodes, diesmal in der Zweig’schen Analyse von 1925  und finde Erklärungen: „…seine Tragik ist nicht, daß er wie die meisten Menschen von dem einen zuviel und von dem andern zuwenig hatte, sondern er hatte von beidem zuviel: zuviel Geist bei zuviel Blut, zuviel Sittlichkeit bei zuviel Leidenschaft, zuviel Zucht bei zuviel Zügellosigkeit.“ Zweig beschreibt diesen Widerspruch an vielen einzelnen Beispielen im Leben Kleists. Er findet immer neue Bilder, um dasselbe Problem zu beschreiben, rund 60 Seiten lang. Zum Schluss schildert er den Freitod Kleistens so fröhlich und ausgelassen, mit so bunten Bildern, dass ich eine Art kontemplative Lust verspüre, dem nachzufolgen.

 Dabei hat sich Stefan Zweig selbst das Leben genommen, 17 Jahre später, 1942, im sicheren Exil, zusammen mit seiner stark depressiven (zweiten) Frau. Zweig, lese ich im Lexikon, nahm Veronal, ein Schlafmittel, dass seit 1903 auf dem Markt war und auch als Suizidmittel galt. Zweigs Selbstmord hatte damals Unverständnis ausgelöst, da es ihm im in seiner Wahlheimat Brasilien an nichts mangelte. Ist er, so frage ich mich, seinem eigenen literarischen Werk erlegen? Aber er hat doch auch mit leiser, feiner  Kritik an Kleistens Freitod nicht gespart! Er ist in die Gründe und Abgründe des Dichters hinabgestiegen, er hat sie durchwandert und ist tatsächlich am anderen Ende wieder aufgetaucht, als gefeierter Schriftsteller! Zweig hat den Freitod Kleistens haarscharf analysiert, er hat alles gewusst. Hat er es, wenn man so will, wider besseren Wissens selbst getan?

  

Ehefrau des Tagelöhners Riebisch: „Ich ging nun zurück (Anm.: nachdem sie wegen eines verlangten Bleistiftes noch einmal bei Heinrich von Kleist und Henriette Vogel gewesen war) und hatte eben wieder die Chaussee betreten, als ich einen Schuß fallen hörte. Ich glaubte, daß die Fremden vielleicht mit einem Schießgewehr, so ich indes vorher gar nicht bemerkt, Scherz treiben, und ging daher, ohne mich umzusehen, meines Weges. Nachdem ich ungefähr 50 Schritt gegangen war, hörte ich einen zweiten Schuß, wobei ich mir jedoch ebensowenig etwas Böses dachte. Als ich die Tasse hier im Gasthofe gereinigt hatte, ging ich zurück und wollte eben den kleinen Hügel hinaufgehen, als ich die Dame auf demselben leichenblaß, auf dem Rücken liegend, erblickte. Auf das heftigste erschreckt, rannte ich sogleich, ohne hinaufzugehen oder weiter hinzublicken, nach meinem Hause, sagte nun, was ich gesehen und erzählte den Vorfall meinem Ehemann.“

  

Stefan Zweig und Heinrich von Kleist stehen mit ihrem Freitod nicht allein. Ich lege eine Liste mit Namen an, einen Notizzettel. In der Kantine des Hauses, in dem ich arbeite, treffe ich einen Kollegen der Kulturredaktion. Der Kollege hilft bereitwillig, mit ernsten, tiefhängenden Augen. Der Notizzettel füllt sich. Wladimir Majakowski (erschoss sich), Kurt Tucholsky (nahm im schwedischen Exil eine Überdosis Schlaftabletten), Jochen Klepper mit Familie (Gas, nicht in Auschwitz, sondern in seiner Wohnung in Berlin), Ernst Toller (nahm in seinem New Yorker Exil den Strick), Klaus Mann (Schlaftabletten), Georg Trakl (Kokain). Im Nachgang erst fällt mir unser Zirkelleiter Heinz Vieweg ein, über den zu reden, eigentlich an der Zeit wäre.

Hermann Hesse, sagt mir der Kollege, sei auch ein Kandidat gewesen. Er habe in seiner Jugend einen Selbstmordversuch unternommen, sei dann aber uralt geworden. Über den Tod von Ingeborg Bachmann sind wir uns nicht einig. Mein Kollege meint, sie sei mit Steinen in der Tasche ins Wasser gegangen. Mir dagegen ist, als sei sie 1974 in ihrem Bett verbrannt. Wir können die Frage in der Kantine nicht klären. Inzwischen wird der Kaffee kalt und schmeckt nicht mehr. Im Hinausgehen wirft mir der Kollege noch einen Namen zu, der mir dann aber entfallen ist. Ja, sagt der Kollege, der Mann habe zwar nur „gesoffen“, aber eigentlich habe er sich „dotgesoffen“. Den solle ich ruhig mit auf die Liste nehmen.

Bin ich unhöflich? Ist die Betrachtung makaber, ungebührlich? Störung der Totenruhe?

Was ist Tragik? Der tragische Konflikt, so jedenfalls mein reaktiviertes Schulwissen,

besteht in einer Entscheidungssituation, die in jedem Falle zu Ungunsten des Helden ausgeht. So bei Wilhelm Tell von Friedrich Schiller: Tell wird vom Landvogt gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen. Tut er es, winkt ihnen beiden die Freiheit. Tut er es nicht, so die Ankündigung, werden beide mit dem Tode bestraft. Also: schießt Tell nicht, stirbt sein Sohn. Schießt er, so stirbt sein möglicherweise Sohn auch. Selbst wenn sein Sohn überlebt, nimmt er dessen Tod billigend in Kauf. Tell tötet innerlich, indem er anlegt. Der Sohn stirbt innerlich in diesem Moment.

Was auch immer Wilhelm Tell tut, er macht sich schuldig.  Wie auch immer er sich entscheidet, er entscheidet sich falsch. Das Scheitern des Helden ist vorprogrammiert. Er hat keine Freiheit der Entscheidung. Das ist Tragik.

Tragik macht einen Konflikt groß und gewaltig. Im Wind weht dann nicht selten der Mantel der Geschichte. Tragik vermittelt Bedeutung und wer nur beharrlich genug  den Ursachen für das tragische Scheitern eines Helden nachforscht, wird mit einem tiefen, inneren Verständnis für die schwierige, ausweglose Situation belohnt.

Nur unser Held wird damit nicht gerettet.  In der Schule, schon in der 11. oder 12. Klasse gab es in einer Pause eine, aus meiner heutigen Sicht unsinnige Frage: Wenn dein Freund aus dem Fenster in den Tod springen will, lässt du ihm die Freiheit der Entscheidung? Oder hältst du ihn gegen seinen Willen fest?  Natürlich hätte ich festhalten wollen. Aber so einfach war es nicht, da die Frage gleich in einem zweifachen Kontext stand: Zum einen gab es zu der Zeit, Anfang der 80er Jahre, in meinem Freundeskreis eine unterschwellige Diskussion, die ich heute mit „Freiheit im Sozialismus“ umschreiben würde, auch wenn diese Wort selbst nicht auftauchten. Unsere grundsätzliche Haltung hatte zur Folge, dass Toleranz und Freiheit eine große Bedeutung hatten und einen Wert an sich darstellten. Wer den Freund also zurückhalten wollte, verstieß schon mal gegen das Freiheitsgebot. Zum anderen wurde mir die Frage von meiner Liebe gestellt, wenn ich mich recht erinnere. Nicht die Frage also gab den Ausschlag für die rechte Antwort, sondern das Mädchen, das die Frage stellte. Ich mochte diese Augen, ich mochte den Mund, Beziehungsebene ging vor Sachebene.

 

Tagelöhner Riebisch: „Ich kam zuerst auf den Berg und sah die beiden Fremden in der dort befindlichen Grube sitzen, die Dame hintenüber, auf dem Rücken liegen, die Mannsperson aber mit dem Unterkörper etwas eingesunken. Seine Hände lagen auf seinen Knien, und ein kleines Pistol zu seinen Füßen in der Grube. Ein großes Pistol lag auf dem Rand der Grube, zu seiner linken Hand und ein drittes kleines Pistol auf dem Tisch ungefähr

8 Schritt von den Leichnamen…. Ich richtete die Mannsperson auf, damit dieselbe in dieser Stellung nicht steif werden und dadurch die Grablegung erschweren mögte [sic], durchsuchte in Gegenwart der Madame Stimming und auf deren Befehl dessen Taschen und fand nichts als einen Schlüssel und Drücker, welche ich Madame Stimming aushändigte.“

 

Im vergangenen Herbst durfte ich erstmals mithelfen, einen Jugendgottesdienst zu organisieren. Es ging um das Thema „Leben und Tod“, es war kurz vor dem Totensonntag. Am Telefon hatte ich einen Friedhofsleiter gewonnen, der im Gottesdienst aus seinem Alltag berichten sollte. Es war abends, ich stand im Licht einer Straßenlaterne vor unserer Kirche und wartete auf den Mann. Er kam pünktlich fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung. Er hatte kurz vorher noch eine Zigarette geraucht, ich roch es ganz deutlich. Er war müde. Er war halb sechs in der Frühe aufgestanden, weil er zum Blumengroßmarkt musste. Während wir uns begrüßten, zog er verstohlen einen Kaugummi aus der Tasche. Es wollte offensichtlich den kalten Rauch in den Griff bekommen.

Nach dem Gespräch auf der Bühne fiel es mir wie Schuppen von den Augen: für den Friedhofsleiter geht es auf dem Friedhof eigentlich nicht um den Tod, sondern um das Leben! Bäume und Sträucher auf dem Friedhof sind Natur und oft genug Nistplatz für Vögel. Grabsteine sind lebendige Geschichte, der Friedhofsleiter ist Gesprächspartner für Trauernde. Und die schönsten Blumen im Blumengroßmarkt gibt es früh ums sechs. Ohne Blumen geht auf dem Friedhof gar nichts.

Wer tot ist, ist tot. Für die Lebenden dagegen geht es um das Leben, immer. Selbst auf dem Totenbett kann man sein Leben noch bereinigen, wohlgemerkt, das Leben! Man mag das anzweifeln, vielleicht nehme ich den Mund auch zu voll, aber wer wäre autorisierter für diese Feststellung als ein Friedhofsleiter?

Wenn der Friedhofsleiter mit seiner Frau einkaufen geht, gibt es immer wieder Irritationen. Seine Frau fragt ihn, wer all die Menschen sind, die ihn zwischen den Regalen grüßen. Sie kennen ihn vom Friedhof her. So wird der Tod ins Leben gewendet, in der Kaufhalle von nebenan.

 

Gastwirt Stimming: „Weil meine Geschäfte es nicht erlaubten, mich vom Hause zu entfernen, so ging erst meine Ehefrau nebst Dienstmädchen und nach ihrer Zurückkunft ich selbst hinüber… Ich stellte sogleich zwei Wächter dabei, welche Achtung gegeben, daß niemand die Leichen berührt hat und machte eine Anzeige an das Polizei-Directorium in Potsdam… Bei geschehener Nachsuchung auf den Zimmern fand ich nichts, als auf dem Zimmer der Dame ein kleines, hölzernes Kästchen, ungefähr eines Fußes lang und in dem Zimmer des Herrn ein kleines Felleisen, beide versiegelt. Diese Sachen sowie die beiden vorgefundenen Pistolen habe ich den um 7 Uhr abends hier eingetroffenen Herren Rendanten Vogel und Kriegsrat Peuilhen, wovon der erstere sich für den Ehegemahl der entleibten Dame ausgab, aushändigte. Weiter ist mir aus eigener Wissenschaft nichts bekannt.“

 

Natürlich gibt es Depression und Todessehnsucht. Ich habe keine Neigung zur Depression, glaube ich, auch wenn mir die dunklen Seiten des Lebens nicht unbekannt sind. Und die Frage, ob es dann nicht eine Anmaßung ist, sich zum Thema „Leben und Tod“ äußern zu wollen, ist durchaus berechtigt. Nur muss sie erst einmal gestellt werden. Das nämlich wäre der fruchtbare Anfang eines Gesprächs.

Ich sehe Heinrich von Kleist und Henriette Vogel vor mir, wie sie Fange spielend, dem See zurennen. Vielleicht kann man das Bild, die Interpretation Stefan Zweigs bedenkend, auch so deuten: Kleist fühlt sich erlöst von den Widersprüchen, die ihn zerreißen. Erlöst! Verräterische Sprache, welch wunderbare Wege gäbe es, ginge man von diesem Wort aus! Erlöst von was? Erlöst wohin?

Nehmen wir probehalber einmal an, Kleist sei in diesem Augenblick tatsächlich erlöst gewesen von seinen Widersprüchen, vom Dämon im Kopf. Dann müsste man sagen: Kleist hätte leben können, hätte er diesen Augenblick festgehalten. Jeder moderne Psychoterapeuth würde in diese Lücke springen und sagen: Stopp, wir reflektieren die Situation!  Der Augenblick am kleinen Wannsee war Leben, nicht Tod.

 

Ehefrau des Gastwirts Stimming: „Ich habe so wenig als irgendeiner meiner Leute geahndet, daß die beiden Personen einen bösen Vorsatz hätten. Sie schienen mir vielmehr beständig froh und guter Laune und nichts weniger als den Vorsatz zu haben, sich zu töten. An spirituösen Getränken haben beide zwei oder drei Bouteillen Wein, die sie sich mitgebracht, imgleichen ein kleines Fläschchen Rum genossen, überdies aber noch bei uns für 8 Groschen Rum gekauft und genossen.“

 

Mein Vater hat Krebs. Als die Diagnose raus war, Ende 2007, gab er alle Ämter ab und begann,  sein Leben komplett neu zu ordnen. Er arbeitete für die PDS in der Gemeindevertretung und wollte sich künftig der Öffentlichkeitsarbeit der Partei im Heimatort widmen. Und hatte noch einiges mehr vor. Alle Pläne für das Alter – hinfällig. Ein halbes Jahr später traf sich unsere Familie in Weimar, meine Mutter hatte dort nach dem Krieg gelebt. Mein Vater und ich schlendern durch eine belebte Fußgängerzone und ich frage ihn, wie es ihm jetzt gehe. Ja, sagt mein Vater, ihm sei leichter ums Herz. Er fühle sich für vieles nicht mehr verantwortlich, eine Last falle von ihm ab.

Sicherlich ist diese Aussage nur eine Momentaufnahme, Krebs verändert alles. Aber jetzt haben sich meine Eltern eine Sitzgarnitur gekauft, zwei Sessel und ein Sofa. Das alte Sofa, die alten Sessel flogen raus. – So ist das mit der Tragik, der eine erschießt sich, der andere kauft sich ein Sofa.

 Wie geht die Geschichte weiter?

 

Andreas Schrock, 2009

 

Nachbemerkung: Der Brief Kleistens und die Zitate aus den Vernehmungsprokollen stammen aus: Kleist: Ein Lebensbild in Briefen und zeitgenössischen Berichten, vorgestellt von Klaus Günzel, Verlag der Nation, Berlin 1984.



[1] Quelle: Wikipedia

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Rudolf Peter Wachs: Bangster

Die Last des Bankers ist in diesen Tagen so leicht nicht zu ertragen. Zu der Finanzgeschäfte widrigem Verdruss gesellte sich zu allem Überfluss die Häme derer, die da meinten, der Banken Pleite wäre gewesen zu vermeiden.

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Die Last des Bankers ist in diesen Tagen
so leicht nicht zu ertragen.
Zu der Finanzgeschäfte widrigem Verdruss
gesellte sich zu allem Überfluss
die Häme derer, die da meinten,
der Banken Pleite wäre gewesen zu vermeiden.

Gebrochen der Stolz der Finanzoligarchie,
die systemisch heimsuchte unseren Planeten
wie weiland ein Küstenland der Tsunami.
Und die Verängstigten in dieser Welt und die Geprellten
wie am Finanzplatz London City bellten:
„Ihr Banker, ihr seid Gangster! – Bangster! Bangster! Bangster!“

Ich träumte fort ein Gespräch über einen Finanzplatz,
an dem der Meister über Wertpapiere referierte
während des Briefings im Saale vor den Händlern,
und darüber, wie man diese generierte.
Die Händler nannte er Broker, und das Broken
reimte sich in seiner Rede auf Drogen.

Die Produkte seien neu strukturiert,
auf ihre Art mathematisch modelliert
und für Anleger, die dumm und von besondrer Gier.
Zu verkaufen sei, so der Befehl, mit allen Tricks,
auch wenn da meint der eine oder andere Obelix:
„Die spinnen, die Banker!“

Der Meister lobte unter den Händlern
Phil Bronson, für den es kein Lob war,
Russen Wodka anzudrehn,
sondern der mit neuer Rhetorik verstand,
den Eskimos kältewüstes Eis zu verkaufen
und den Arabern wüstenheißen Sand.

Man müsse für den Kunden vernünftig klingen,
selbst müsse man es nicht sein,
denn glaubhafter als die Realität
sei im Leben der wahre Schein,
und in den Markt, das Chaos,
bringe man nur verbal Vernunft hinein.

Gesetzt bliebe für jeden Banker die Devise:
Orientiere dich am Markt,
der nach all´ den neuen Produkten fragt.
Und wenn sich bilden würde eine Blase,
mit der Angst müsse leben ein jeder,
dann blickte man zurück auf eine ehemalige Oase.

Fragte doch einer: „Wo bleibt da die Moral?“
„Wenn wir´s nicht tun“, so der Meister, „tun´s andre,
der Markt funktioniert nun mal global.“
Zudem der Kanzler, der Brioni liebte, erlaubte per Gesetz
Derivate und Gesellschaften für den verbrieften Zweck,
das nur ausgereizt würde nach Bankers Art jetzt.

Die Chemie der Börse sei mithin innovativ
mit neuen Finanzprodukten, die derivativ,
wie Optionen für bestimmte Termine und Futures
für fixe, Bonds zur Ausnutzung des Zinseffekts
und als Ausgleich für die Seele nach den Swaps
empfahl er den Händlern, sich zu kaufen einen Mops.

„O, Meister, wie klug das klingt“,
hörte ich mich sagen, „ich bin der Neue,
am Ende der Kopf mir noch zerspringt.
Ich bitte Sie, nicht alles auf einen Ritt,
erklären sie es uns doch,
bitte, Schritt für Schritt.“

„Die Produkte müsst ihr nicht verstehen,
ihr müsst an sie glauben. Damit seid ihr in guter Gesellschaft
mit Vorständen und von Ministern Präsidenten,
die von der viel beschworenen Ahnung haben kein blasse,
die nur mit regierendem Stolz
sind beglückt über ihre quick sprudelnde Kasse.“

Nachdem der Meister beendet hatte das Briefing,
kam er auf mich zu und sprach:
„Es traute sich bisher keiner, mir zu widersprechen,
und schon gar nicht ein Neuer.
Doch wie dein Interesse an der Sache verrät,
bist du mir lieb und teuer.“

Er lud mich ein in sein Büro,
in dem ich mich fühlte wie ein Goldfisch
im Raumschiff am Himmel irgendwo.
Wie ein Sieger über das urbane Rund
ließ er majestätisch gleiten seinen Blick
und gab seine Interpretation der Lage kund:

„Der Gegner im Kalten Krieg hatte nicht gepennt,
er war uns nur abhanden gekommen,
weil er für einen Banker war monetär impotent.
Nach Laune des Siegers musste ein neuer Erzfeind her,
und der wie verloren verbliebenen Supermacht
fiel das mit einem neuen heißen Krieg nicht schwer.

Der ist effizienter fürs Geschäft,
weil Geld kommt spielend in Bewegung
mit einem Binnenmarkt, der boomt
mit der Manie, sorglos zu leben auf Kredit,
der verlockenden Sitte: Jedem Ami seine Hütte
und so manch anderer Siegermentalität.“

Diese verwunschene Konstellation,
das beschwor der Meister über Bausch und Bogen,
beschere neue Möglichkeiten der Manipulation
mit neuen Produkten wie den Derivaten,
und zelebrierte am Beispiel der Option,
was der Kasus Nexus sei an diesen Aggregaten.

„Mit der Option kannst du dich für Tendenzen
auf Kurse entscheiden, die sich ändern in Frequenzen.
Mit Call spekulierst du, wenn sie in einem Zeitraum steigen,
und mit Put, wenn sie in einem sinken.
Geld kannst du mit beiden viel verdienen,
weil die Einsätze sind wie unter ferner liefen.

Doch immer musst du sein auf der Hut,
denn wenn der Schwellenwert auch nur wird tangiert,
der Kunde wohl oder übel Totalverlust notiert.
Und wenn im Portfolio ist so´n Muckie – nimm´s nicht krumm.
Das Geld ist ja nicht weg,
es schlägt sich nur eben ein andrer damit rum.

Und für die Kunden vom Stamme der Nimm gibt’s
den besondren Schein: den Endlos-Turbo.
Auf Index oder Kurs nach oben setzt du mit den Bulls,
oder du spielst verkehrte Welt mit den Bears.
Garantiert ist das Risiko, das masochistisch knebelt,
der winkende Gewinn hingegen orgiastisch hebelt.

Und wenn du mal verlierst, mit den Swaps
setzt du entschlossen gegen dich und hoffst,
dass der Gott der Börse lenkt den Gewinn,
der dann rettet dich – oder auch nicht.
Das Geschäft, das wir unseren Kunden bieten feil,
ist – du wirst es erfahren – superaffentittengeil.“

Natürlich sei zu wahren die aristokratische Würde,
an der man die Banker in jeder City erkennt.
Denn im Unterschied zu ihrem Geschäft
sind der Welt neuen Barone
ohne erkennbaren Makel
vom Scheitel bis zur Sohle.

Uniform in Marken wie Hugo Boss gewandet,
gestylt von Werkers Hand, ledern beschuht,
individuell von A(rmani) bis Z(egna) parfümiert,
professionell mit Cream, Gel, Powder maskiert,
karätig für ihn von Saint Maurice der …,
brillant für sie von Gucci die … gepierct.

Von ihnen unterschieden sich nicht in der Mode
die Bastarde der besonderen Art,
die den Namen, den Väter ihnen gaben, negierten,
um der Erfolgsquote willen im Geschäft.
Ein solcher Geist steht selten auf ordentlichen Füßen,
wie in der Literatur schon wurde beschrieben.

„Wo ist ,“ fragte ich, „Meister, des Ganzen höhere Idee,
die Theorie im Sinne des Geschäftes Philosophie?“
„Wir abstrahieren von des Lebens Realität,
die uns überdrüssig ist wirklich, und die höhere Generation,
die ableitend-abgeleitete davon, erscheint
dem gemeinen Menschen als Spekulation mit der Spekulation.“

Gehandelt würde rund um die Uhr. Overnight-Trading,
Eröffnungsnotierungen, Gewinnmargen, diverse Börsendaten
und was sonst in der Welt passiert, sind der Wahnsinn,
der Banker vergessen macht des Lebens wahren Sinn.
Nie dürfe er sich ausstöpseln aus der Leitung, weil auf die Tomis
folgen die Amis, denen die Japis und nun noch die neuen Promis.

Es sei das gut gehütete Geheimnis des Händlers,
die Menge der Informationen zu verarbeiten in der Zeit,
die Leistung, die seinen Wert bestimmt,
bei einer kürzer und kürzer werdenden Verfallszeit
der Information, ohne Inventur und dem Diktat,
habe die richtige Information zur rechte Zeit.

„Wir sind der Konkurrenz immer voraus“ –
diese Strophen des Meisters kann ich singen –
„auch beim Mailen, Simsen, Googeln, Chatten,
beim Adden, Bloggen, Blippen und beim Twittern.
Ungestraft darfst du aber dieser
beim Wetten überlassen das Zittern.“

Der Händler hätte allzeit zu dienen der Firma,
das sei die moderne Maloche.
Für den gibt es keinen AchtStundenTag
und das Woche für Woche.
Dafür winken reichlich Gratifikationen,
wie die Neid heischenden Bonifikationen.

„Wir ackern man identifiziert übers Limit
im FünfundzwanzigProzentProfitSpirit.
Und die, die da meinen, es sei nur die Gier,
es ist die Angst, die uns treibt, das sag ich dir:
zu verzagen, zu versagen, zu verarmen.
Es geht wie in jedem Krieg, nur um den Sieg.

Doch nun zu dir. Du bist, wie ich hörte,
einer, der bisher den Bleistift führte.
Vergiss alles Bisherige, vor allem deinen Brecht,
der irgendwo schrieb: ´Was ist der Einbruch
in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.´
Glaub´ mir: Der Mann, der war doch krank.“

Plötzlich schien mir, als würde verlieren
der Meister über sich die Kontrolle,
als er in Brechtschem Bilde begann zu insistieren:
„Was ist das Chaos in der Banken Kasse
gegen das Chaos in den Atommüll-Lagern
wie im niedersächsischen Salzstock Asse.“

Danach tat der Meister, als wäre ich Luft,
griff nach dem Hörer und bestellte aus dem Tempel Gourmet
eine Flasche für Euro sechstausend aus der Champagne
und für die Aufladung des gestressten Gehirns Wagyu,
drapiert mit Blättern vom Laurus nobilis,
ein Steak vom edel schmeckenden japanischen Vieh.

Im Kopfe zitierte ich nun wohl laut, ich Dussel:
„Noch immer schmückt man den Schweinen
bei uns mit Lorbeerblättern den Rüssel.“
Ich hatte mir, wenn auch mit geliehenen Worten,
den Mund wieder einmal verbrannt,
weil es der Meister als Beleidigung empfand.

Im verlängerten Rücken spürte ich einen Tritt,
worauf ich aus dem Raumschiff glitt
und im freien Fall Zarathustra rief an:
„Der Iwan beschimpft mich als Trus.
Doch nicht ich, die andern sind´s gewesen.
Du bestrafst den Falschen mit dem Orkus.“

Wenn der Geist aber erst mal aus der Flasche ist,
kein Mensch mag das selbst im Traum bestreiten,
kriegst du den dahin nicht mehr zurück.
Ich erwachte schweißnass und dachte ich sei gerettet,
als über den Sender die Nachricht kam,
die Sachsen LB sei auf schrottigen US-Papieren gebettet.

Der Pleite Geier zog aus der Provinz zurück über den großen Teich
seinen Kreis und klopfte nach einem Jahr an die Big Nine,
von der Bank of Amerika über Goldman Sachs bis Maryll Lynch,
auf die Bushs Junior wurde präsidial versessen.
Und weil Arroganz die Rache des Teufels ist,
hatte er Lehman Brothers einfach vergessen.

Am fünfzehnte Neunte des Jahres acht
gingen diese Brüder in die Geschichte ein,
als es an der Börse hatte big bang gemacht.
Die noch Macht reklamierenden Staaten versuchten zu kitten
den real aus den Fugen geratenen verbrieften Schein
und drohten, Märkte künftig strenger zu sitten.

„Ha, ha!“, tönte der Meister noch einmal, „die Schwarzen Husaren
sind immer noch wir in des Ministers Kabinett.
Wir führen ihm beim Formulieren die Feder,
denn nur so hat unser tun den höchsten Effekt.
Der Staat hat sich zu kümmern um alles andre im Land.
Das Geld, das sag ich dir, bleibt in Bankers Hand.

Es war einmal, beginnt das Märchen,
das früher erklärte Millionäre zu Reichen.
Das Tausendfache ist heute das Wahre – die Milliarde.
Die Schuld des Staates bemisst sich nach der Billion,
es ist  also noch Spiel bis zur Billiarde,
der Ticker erträgts in der Berliner Französischen Straße.

Die Krisen kommen und gehen,
gegen Krisen kann keiner was.
Mit dem Geld des Staates werden wir immer bestehen.
Und wenn die Krise kommt, dann sind größer,
weil konzentrierter aufgestellt, – die „Bangster“,
und nehmen den Staat in Haft – wie einen Gangster.“

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Rudolf Peter Wachs: Poto – Poto

Das Recht, zu wählen des Volkes Vertreter, ist gegeben in einem Lande mit repräsentativer Demokratie. Doch wen sollte ich dieses Mal wählen, war ich doch unschlüssig wie bisher noch nie.

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Das Recht, zu wählen des Volkes Vertreter, ist gegeben
in einem Lande mit repräsentativer Demokratie.
Doch wen sollte ich dieses Mal wählen,
war ich doch unschlüssig wie bisher noch nie.

Denn: Investigative Journalisten, was sie recherchierten,
ausspielten wie eine Karte als Trumpf,
ließ Sachsens Bürger ungläubig repetieren,
ihre politische Landschaft sei ein Sumpf.

Zwielichtige Allegorie, wohl entlehnt der Sachsen Hauptstadt,
die vor grauer Vorzeit an sumpfigem Auwald entstand,
und von sorbischen Siedlern Drezdzane,
Leute vom Sumpfland, genannt.

In einem Sumpf – einem Biotop der besonderen Art –
oben, wie auf Wasser, schwimmt eine Schicht,
die für die darunter befindliche Vielfalt der Arten
Sauerstoff beförderndes Licht bricht.

Des Lichtes bewirkende Reaktion unterdrückend,
Leben aerob vegetiert,
und Rückstände wie Kadaver absterbend,
gehorsam sich zu Gefäde flicht.

Melancholie das Gemüt befällt:
Sumpf, wie eklig das klingt.
Wählten sie doch einen anderen Namen,
der ein erträglicheres Bild spinnt.

Besser vielleicht wäre die englische Entsprechung,
so wie es heute  allenthalben Brauch.
Der Tommy sagt zu Sumpf „Swamp“,
das ist jedoch keine Lösung auch.

Der Norweger spricht fast wie der Deutsche: „Sump“,
und der Franzose nasal: „La marais“.
Der Japaner erinnert mich mit „Numa“ an „Puma“;
das ist doch alles die gleiche Malaise.

Da geb´ ich vielleicht dem Russen das Wort,
bei dem heißt dieser Feucht-Raum „Boloto“,
oder besser noch dem Elfenbeinküstler,
in dessen Sprache es verlockend klingt: „Poto-Poto“.

Geduld ist die Tugend des Suchenden,
und so brauchte ich mich nicht länger zu quälen.
Meinem demokratischen Recht als Pflicht gehorchend,
entschied ich mich, Poto-Poto zu wählen.

Nicht nur ich hatte mit meiner Stimme,
sondern das Wahlvolk mehrheitlich gebilligt,
dass der Kandidat eine Akte,
die in Rede gewesen, hatte getillicht.

Als Opfer seiner Neuronenfalle
hat er als einer der ehemaligen Nomenklatura
nur in strengem Glauben gehandelt
per se – pristinus – per procura.

Mein Über-Ich kam über mich und warnte,
dass wenn des Volkes Vertreter wie auf Geheiß
sie Belastendes vernichten, sie auch in Zukunft
potent sind für Missetaten um jeden Preis.

Und wenn diese Macht wieder übermächtig wird,
weil noch fruchtbar ist dieser Schoß,
dann solle ich nicht kommen und sagen,
ich hätte von all´ dem nichts gewusst.

Und so wollen diese Verse enden
weder mit einem Mythos noch einer Legende,
sondern mit einer Weisheit der Alten Helenen:
Was immer du tust, bedenke das Ende!

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Ein kurzes Porträt: Rudolf Peter Wachs

Vita Rudolf Peter Wachs, geboren 1939 in Dresden, erlangte nach seiner Maurerlehre an den Arbeiter- und Bauernfakultäten Weimar und Halle die Hochschulreife, studierte Bauingenieurwesen in Moskau/UdSSR und promovierte zu nationalökonomischen Fragen der Energie- und Rohstoffversorgung der Mitgliedländer des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW/engl. COMECON). 2008 erschien vom Autor der auf eigenem Erleben beruhende, in Versen gefasste Bericht „Es gibt Tage im Leben. Ein deutsches Wendemärchen“ (edition fischer, Frankfurt/M.), im gleichen Verlag veröffentlichte er Texte in „Erlebt, erzählt und aufgeschrieben“ 2008 und 2009, mit zeitkritischen Gedichten beteiligte er sich am Sammelband „Die großen Themen unserer Zeit. Autoren im Dialog 2010“ (Frieling-Verlag Berlin).

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Rudolf Peter Wachs, geboren 1939 in Dresden, erlangte nach seiner Maurerlehre an den Arbeiter- und Bauernfakultäten Weimar und Halle die Hochschulreife, studierte Bauingenieurwesen in Moskau/UdSSR und promovierte zu nationalökonomischen Fragen der Energie- und Rohstoffversorgung der Mitgliedländer des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW/engl. COMECON).  2008 erschien vom Autor der auf eigenem Erleben beruhende, in Versen gefasste Bericht „Es gibt Tage im Leben. Ein deutsches Wendemärchen“ (edition fischer, Frankfurt/M.), im gleichen Verlag veröffentlichte er Texte in „Erlebt, erzählt und aufgeschrieben“ 2008 und 2009, mit zeitkritischen Gedichten beteiligte er sich am Sammelband „Die großen Themen unserer Zeit. Autoren im Dialog 2010“ (Frieling-Verlag Berlin).

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