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Lesen und Schreiben mit neuen Terminen

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Lesen und Schreiben findet nun an wechselnden Orten statt. Nach den ersten Erfahrungen sind die Treffen produktiv und machen allen Teilnehmern viel Freude.

Termine 2022: 

12. Dezember um 17 Uhr in Potsdam
Bei Interesse bitte melden unter Tel. 0331 2434 8293

Termine 2023:

9. Januar

13. Februar

13. März

April fällt aus, wegen der Osterferien und des Ostermontages

8. Mai

12. Juni

10. Juli

14. August mit Fragezeichen, da sich Brandenburg in den Sommerferien befindet

Orte und weitere Ergänzungen folgen.

Anhand des Protokolls zusammengestellt, Andreas Schrock

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Unsere Seminare 2023

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Frühjahrsseminar: 21. bis 23. April 2023, Ort: nach Möglichkeit im Land Brandenburg

Sommerseminar: 25. bis 27. August 2023 (die Maler eventuell schon ab 23.8.). Ort: Jahnishausen. Voraussichtlich mit Lesung.

Ergänzungen folgen.

Viele Grüße, Andreas

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Ein Brief

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Pankow-Heinersdorf, 13. November 2022

Liebe Freunde des Eitel Kunst Vereins,

heute ist die Gewa Nr.150 bei mir eingetroffen. Ja, ich habe mich sehr darüber gefreut. Es ist ein gelungenes Heft entstanden, das anspruchsvoll die Entwicklung unserer Gemeinschaft spiegelt.

Olaf umreisst in seinem Beitrag, wie wir uns über viele Jahre behaupteten. Isabels Heftgestaltung ist anspruchsvoll und ausgewogen. Die Textbeiträge sind abwechslungsreich, unterhaltsam und berührend.

Die Bildautoren haben Geschmack und Bildsprache bewiesen.

Letztlich hat Stephans Endredaktion dafür gesorgt, das das Heft per Post auf den Weg gebracht wurde.

Das alles hat Lebendigkeit und Bestand. Wenn ich mich dazu auf unsere Webseite anmelde, dann meine ich eine künstlerische und literarische Heimat gefunden zu haben.

Vielen Dank an alle Autoren, die bei uns mitwirkten und die weiterhin dabei sind.

Gerhard Jaeger

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Rezension zum Buch „Priapus kommt, Lilith bleibt“ von Markus Jehle und Anne Probst

Dieses Buch beschäftigt sich mit den besonderen Kräften des Mondes.

Welch‘ gelungener Titel! Zugegeben, zum Zeitpunkt der Buchbestellung verstand ich den Titel ausschließlich als Aussage. Doch als ich das Buch dann in den Händen hielt, erkannte ich das liebliche Rufen: Priapus, komm! Lilith, bleib! – durch graphische Hervorhebungen. Eine wirklich schöne Leseeinladung. Die Sprache ist gut verständlich und zeitgemäß, bisweilen auch originell. Also ich wurde zumindest aufmerksam bei einer Empfehlungen, die lautet: „Wir verzichten darauf, uns an unserem Karma-Konto zu verlustieren.“ Besonders interessant liest sich das Kapitel: „Schöpferkraft“. Es beinhaltet Betrachtungen zu Kunst und Kunstschaffenden im Zusammenhang mit den besonderen Kräften des Mondes. Sehr ausführlich fallen die Erklärungen zu den „Planeten in den Aspekten zu Lilith und Priapus“ aus. Ebenso die Kapitel: „Impulse zu den Häusern“. Die Autoren überließen nichts dem Zufall und formulierten jede nur erdenkliche Nuance präzise aus, was zu angenehmer Klarheit führt. Und ja, „Lilith und Priapus führen uns in
Versuchung“. Ich habe mich finden können. Und wiedererkannt. Versuchung, ein Thema, was auch in anderen Bereichen der Gesellschaft diskutiert wird. Wer steht uns in der Versuchung bei? Und welche Kräfte können wir in uns selbst entwickeln? Um mit R.M. Rilke zu fragen: „Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß.“ Meines Erachtens eine zentrale Frage und gleichsam Aussage des Buches. Übrigens wird das Buch am Ende besonders dicht, was mir gut gefällt. Zum Beispiel ein von Jehle und Probst interpretiertes Alphabet: Feinsinnig, lyrisch, überraschend. Es ließ mich mehrfach schmunzeln. Ebenso „No comment“. Aber ich will nichts vorweg nehmen, vielmehr zum Lesen ermutigen.
Ob sich der eigene Erkenntnisgewinn hell auf dunklem Untergrund abzeichnet oder umgekehrt, mag jeder selbst heraus finden. Viel Spaß dabei!
sibyll j. maschler

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Plötzlich war alles seitenverkehrt – Ein pädagogisches Experiment 1947

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Ich war frei. Mein Abi hatte ich geschafft, kein Notabitur, ein richtiges, fast ein Friedensabi. Der Schulrat, Schulrat Sturm selber, war in die Blücherschule gekommen, um nachzuschauen, was wir wussten und wohl auch, wes Geistes Kind in uns Kriegs geschüttelten Jungen steckte. Vier freie Sommermonate lagen vor mir, dann würde ich als Neulehrer meine Weisheit austeilen im finstersten, was sag ich, im lebendigsten Stadtbezirk des Molochs Berlin.

In der Greifswalder, Ecke Esmarchstraße, befand sich im ersten Stock ein antifaschistischer Jugendclub. Da hatte ich mich mit Gedichten von Heinrich Heine bekannt gemacht, aber die Matadoren im Nebenzimmer wollten mehr von mir, einen kleinen Vortrag über Aufstand oder Revolution. Ich kam ihnen mit Hauptmanns „Webern“. Natürlich bot ich nicht das ganze Stück, aber ein Stündchen Zeit war schon, derweil es im Nebengelass prutzelte. Ich trieb es bis zum Schluss: „Es muss alles anderscher werden!“ Das war auch meine Devise. Und die Mädchen und Buben harrten aus, unglaublich, wie die Mäuschen, ehe sie sich dem zweiten Punkt des Abends, nun aber mit Leib und Seele, hingaben:
Q u ä k e r s p e i s u n g!
Doch die Kader wollten was anderes von mir. „Du wirst doch Lehrer“, lockten sie. Da könntest du uns mal aushelfen: im Juni. Du gehst mit einem jungen Volk auf die Reise, raus ins Grüne, 14 Tage nur. Fährst mit der Heidekrautbahn, wir organisieren das… Du bist doch bald schon Lehrer. Als Vorübung. Du kannst das.

Da stand ich in schlotternder Kleidung am Bahnsteig der Heidekrautbahn in Wilhelmsruh. Die Mädchen und Jungen mit Rucksäcken, Tornistern oder abgeschabten Köfferchen, ich kannte keins der Kinder, kamen von der S-Bahn herüber zu mir, eine mausgraue Schar. Sie alle hatten Vorstellungen von der Fahrt in die weite Welt, ich konnte mir nichts denken, außer: Wie viele sind es – dreiundvierzig Göhren vom Prenzlauer Berg – und krieg ich sie heil in den herandampfenden Zug.

Es war keine fröhliche Kinderschar, die sich da zusammenschob, in Alltagskleidern, abgemagert – doch erwartungsvoll. Kinder aus den Ruinen, die sich untereinander nicht kannten, welche zehn Jahre alt, welche schon vierzehn. „Halli, hallo. Wir fahren…“ stimmten einige Mädchen an, aber ein gemeinsames Lied hatten sie nicht, und es ging ja nur bis Biesental. Dann schleppte sich die Kolonne durch Heide und Wald. Der Zug, länger werdend. Aber ganz allein waren wir nicht auf unserm Holzweg. Vier fast Erwachsene, auf den ersten Blick schienen es Jungverliebte zu sein, hatten die gleiche Richtung eingeschlagen. Sie waren in eine wilde Debatte verwickelt, ich hörte:
„Hier hat Lukacz doch Recht.“ Studenten? Ich trat näher an sie heran. „Lukacz hat keineswegs Recht.“ (Ich kannte nur: Haut den Lukas!) Ein großer, dunkelblond gelockter Mann fragte nach unserm Ziel. „Nach Ückeritz – ich bin dort Lagerleiter“, sagte ich stolz. Da wurden die Streitenden höflich, und ich lud sie auf der Stelle ein, als unsere Gäste ein paar Ferientage zu verbringen. Sie blieben nur ein, zwei Tage, ehe sie weiterwanderten, aber nicht ohne sich mit einem Konzert von den Kindern zu verabschieden: Mit einem völlig unbekannten Herrn Berthold Brecht fragten sie, wer das „siebentorige Theben“ gebaut hatte, und Hans, der Älteste unter ihnen, sang mit voller schöner Stimme: „O Himmel strahlender Azur“. Selbst die Jüngsten im Raum spürten, dass etwas Außerordentliches geschah. Unverstanden – doch unsere Lagerzeit hatte einen wundersamen Beginn.

Das Kinderlager

Die Herbergseltern, alte, gutwillige Leute, froh, wieder Gäste im Haus zu haben, hatten frisches Stroh zwischen den Balken im langgezogenen Dachgeschoss aufgeschüttet. Die Kinder, quiekend vor Freude, suchten sich ihren Schlafplatz. Was wie Routine aussah war alles neu, für jeden von uns. Hielten parterre an zusammengezogenen Tischen gemeinsame Tafel, nahmen uns Zeit für die Künste. Lieder, schnell gelernt, klangen auf, natürlich antifaschistische – hatte ich andere parat? – eine Putz-und Flickstunde fand statt und – heftige Debattierrunden. Wir übten Demokratie. Auch eine Zauselstunde gab es (viel später einmal Kritik und Selbstkritik genannt). Und nirgends eine Uniform! – eben unser KINDERLAND. Wir grüßten, wohl den „Falken“ abgeguckt, mit „Freundschaft“.

Viel Zeit, die schönste, hing von der Sonnenbahn ab. Wir lebten im Freien, vor uns zu Füßen, lockte ein stiller märkischer See: Keiner konnte schwimmen, der Lagerleiter kaum, auch nicht die zwei größeren Mädchen, Rita und Undine, die zur Leitung gehörten. Es ging, was märkische Seen auszeichnet, sachte zur Tiefe. Gemeinsam rein, gemeinsam raus. Wir hatten einfach Glück. Das war ein Jodeln und Jauchzen, und wäre da nicht der Donnerstag gewesen, an dem Nicki, der englische Nicki, mit einem klapprigen Auto vom Jugendamt vorbei gekommen wäre und, wie versprochen, einen neuen russischen Kinderfilm mitgebracht hätte, wüssten wir nichts von „Baba Jaga“, nichts von der „Schneekönigin“. Auch ein später Abend hat sich fest eingeprägt – in den Büschen das nie geschaute Leuchten der Glühwürmchen. Da fahren sie übermorgen wieder fort, die jungen Abenteurer, kehren heim zu den elenden Wohnquartieren, in die Stadt, wo Ost und West unversöhnlich miteinander streiten, wo die rote Fahne vom Brandenburger Tor gerissen wird und am Boden ebenso junge Burschen sich um die Fetzen balgen. – Wo mögen wohl die stehen, die heute KINDERLAND, ein freies Stück Heimat, erleben, wenn mal ein scharfer Wind weht, ein Sturm vielleicht, denke ich noch. – In diesem Augenblick war die wahnwitzige Idee geboren, mit einem Aufstand die Standhaftigkeit der Kinder zu erproben. In solchen Zeiten des Umbruchs, glaubte ich, müsse man auf vieles gefasst sein. Ich war von der Richtigkeit meines Vorgehens überzeugt. Und ganz am Ende, das hatte ich im Hinterkopf, ist der Sieg der Demokratie gewiss. Ging an die Tischecke, wo drei größere kräftige Burschen bei einander hockten, Kerle, pfiffig saßen sie da.

Punkt sechs Uhr ist Diktatur

„Jungs, ihr scheint die Richtigen zu sein: Morgen, sechs Uhr, solltet Ihr über das ganze Lager eine Diktatur verhängen,  mit allem drum und dran.“ – „Machen wir!“ – „Ist geheim“, flüstere ich. „Bleibt unter uns. Nur ein Spiel, Ihr versteht, und keiner wird hinterher bestraft“, versicherte ich, Feuer und Flamme. „Bereitet alles vor. Jetzt ist es Abend, fünf vor sieben. Also bis Morgen, sechs Uhr.“ Ich legte mich, in dem Bewusstsein, gute Arbeit getan zu haben, auf mein Stroh. Noch halb im Schlafe seh‘ ich die Rebellen die Köpfe zusammenstecken.

Mit Krach und Gepolter beginnt der Junitag. Die Aufständischen rennen durch den Schlafsaal, erschrecken die schlaftrunkenen Kinder. Nehmen mich unsanft in Haft, fast gleichzeitig Undine und Rita, die Lagerleitung. Einige Kinder wimmern, einige, scheint’s, recken sich auf. Dachte ich an eine neue Diktatur oder eher an die Rückkehr einer alten? Ich dachte nicht an die Rückkehr zur alten. Ich dachte an eine übersichtliche Diktatur: Wo befohlen wird und gemacht wird, wie befohlen. – Ich werde, mit Geschrei, an den Rand des Strohlagers geführt und mit Schnur fest an einen Balken gebunden. Alles lief gut. Die Diktatoren gingen die Schlafboxen entlang, ihre groben Befehle gab es schon schriftlich. Auf Packpapier, mit roter und grüner Ölkreide geschrieben, war zu lesen: „Es muss jeder im Schlafraum bleiben, außer den Mitgliedern der Führerstandarte, FS.“ – Um Gottes Willen!

Wo kam das her? In unser KINDERLAND!

„Jede Demokratie ist verboten. Lagerleiter, Helfer und Demokraten werden von der FS verhaftet. Gezeichnet: Der Führer der Revolution, und ab sofort Lagerkommandant, Gerd Kannengießer, Bürgermeister.“ – Unglaublich! Und will auch noch Bürgermeister sein! – Befehl Nr. 2 des FS – „Wer unseren Befehlen nicht Folge leistet, der wird unter Wasser und Brot gesetzt, wie die ehemaligen Leiter und Helfer des Lagers.“ – Wir waren weg vom Fenster, ehemalig – – –

Auch das noch

Ich hatte, unglücklicherweise, den beiden Helfern nichts vom Putsch verraten. Nun hockten sie, gleichfalls gefesselt, und spürten schmerzhaft: Alles war seitenverkehrt. Statt fröhlicher Kinder – sich wild und aufdringlich gebende Lümmel. Statt Lieder und Gesang – Rumgeschubse und Gebrüll. Dass es Widerstand gab, sahen wir nicht, nicht zu diesem Zeitpunkt. Später war klar: Zettelchen gingen von Hand zu Hand: „Wehrt Euch gegen diese Lagerdiktatur.“ – „Freies Ützdorf wird es wieder sein!“ – „Was bedeutet FS wirklich? Faschisten-Seuche“. –

Doch das Schlimmere kam noch: Die Aufständischen nutzen die Auseinandersetzungen von Berlin, UGO-Streik, S-Bahn-Züge in Brand gesteckt, Tumulte an der Sektorengrenze. Da ist was los, ahnen die Kinder. Da ist was im Busch. Was wird da mit der Mutter? Antifaschisten verhaftet. Ja, etliche aus dem Lager waren drauf und dran aufzubrechen, schnell zurück durch die Heide, um nachzuschauen. Da merkte ich: Jetzt läuft mein Experiment aus dem Ruder, endgültig. Da kriegte ich es mit der Angst zu tun.

Zu meiner Bewachung war ein Junge eingeteilt. Helfried – von dem war ich überzeugt, dass er vom KINDERLAND angesteckt war. Bedrückt stand er auf seinem Wachposten. Ich sagte: „Helfried, mein Guter – ich bin enttäuscht. Du dabei, mit denen.“ – Eigentlich wollte Helfried gar keine Lagerleiter bewachen. Er war auf Befehl da. Der Junge schämte sich. Er verschwand kurz und kam mit einem Messer zurück. Mit dem Messer schnitt er mich frei. Ein Überraschungsmoment. Die Aufständischen bestürzt. Kurzes Handgemenge. Die Meuterer ziehen sich grollend zurück. Die Gequälten stürzen hinterdrein, rachedurstig.

Demokratie verlangt Toleranz

„Halt! Halt!“, schreie ich. „Zur Demokratie gehört Sanftmut. Zur Demokratie gehört Freundlichkeit. Man muss auch verzeihen können“, schreie ich (fast gegen meine Überzeugung). – Die FS-Leute verharren abseits. Beschämt und entmachtet. Nicht bestraft. „Freunde, machen wir ein Friedensfest“, schlage ich vor, „eine Versöhnungsfeier“. Das fand Anklang. Dennoch: Die Kinder glaubten mir nicht, dass sie sich in einem Spiel bewegten, sie glaubten es einfach nicht. Auch die Aufrührer hatten den Ansatz längst vergessen. Sie w a r e n die Diktatoren!

So erlebten wir in Ückeritz den letzten Abend. Die schändlichen Befehle waren schnell von der Wand gerissen. (Zwei Befehle und ein paar Schnipsel habe ich in eine Mappe gerettet.) Nun braucht es ein Lied, denke ich, einen Text und eine Melodie. Noch glaubte ich, der Mensch könne alles, ein jeder, wenn er nur Muße fände und den Willen aufbrächte. Und zimmerte eine Strophe:

Nun singen wir das neue Lied,
hell über Not und Leid.
Das mit uns in den Morgen zieht,
in eine bessere Zeit.

Es wurde ein ziemlich sentimentaler Abend. Die Herbergseltern, froh, dass wieder Ruhe und Ordnung im Haus eingekehrt war, boten zu speisen an, was noch zu haben war. Das Feuer flackerte. Wir dachten über das Erlebte nach.
Unsere Putschisten blieben still am Rande. Trotz Versöhnung – niemand hatte Lust mit ihnen zu reden. – Dabei war ich es doch, der sie verführt hatte, i c h.

Die Rückkehr nach Haus – da warteten die Mütter. Meine Mutter war arbeiten, im Lichtenberger Rüstungsbetrieb Maschinen für den Abtransport verladen. Keine Freundin wartete auf mich. Ich hatte noch keine.

Musste ich mich stellen? Erklären, wie es zu dem Debakel kommen konnte? – Das wurde die letzte Überraschung: Niemand fragte nach dem Vorkommnis. Niemand. Es gab keinerlei Beschwerde — die Kinder waren ja heil und gesund heimgekehrt. – War wirklich niemand verletzt worden?

Nachrede, ohne Schmu

Natürlich war mir die Geschichte immer gewärtig. Immer wieder war sie vergessen, oft lange Zeit, aber nie ganz. Der Junge mit dem Messer hieß gewiss nicht Helfried. Aber ich weiß, ein schmales Bürschlein war es, das bei keiner „Führerstandarte“ Wachdienst leisten wollte. Auch meine Helferinnen, Rita und Undine, hießen bestimmt anders. Die Zeit schien still zu stehen. Ich trug ganz allein die Verantwortung – es war so in diesen Tagen. –

Das ist nun dreiundsiebzig Jahre her, und manche Details sind weggeschliffen. Aber Glühwürmchen und Zauselstunde blieben mir.

Verrat – ich habe vielerlei Verrat erlebt. Dass ich bei denen saß, welche Tod und Hinterhalt noch nebeneinander wussten, hat mich geprägt. Selbst in China, im marxistischen Sonntagsseminar von Israel Epstein, war es für meinen Bruder, den Mann aus Nepal, höchst gefährlich, sein Gesicht zu zeigen. Big Brother hatte schon die Hände ausgestreckt. Und die Sudermans aus Indonesien – ja, hießen nicht alle Suderman? … Fünfzigtausend Kommunisten in einem Rausch, mit Weib und Kind, abgeschlachtet, Insel für Insel. Wo war da der Aufschrei der Welt?

Ich hatte sehr viel Glück. Meine Arbeit machte ich still, manchmal verzweifelt. Wo ich Anerkennung verdiente, kriegte ich Prügel, so schien es mir. Zwanzig Jahre und mehr habe ich jungen Poeten aufgeholfen, ehe ich mich besann und ernsthaft als Schriftsteller arbeitete.

Heute sehe ich mit Abstand, ja mit Schrecken auf die zwei gilbenden Blätter. Diese „Befehle“ aus einer Juni-Nacht – Nazi-Befehle ohne Grund.

Doch liegt ein Zauber lauf diesem Beginn, dem ich mich nicht entziehe. Ein Achtzehnjähriger guten Willens, vor eine schwierige Aufgabe gestellt, süchtig nach Demokratie, Pazifist zudem, regiert in eine Kinderwelt, die es so nie mehr geben wird. Ohne Soldaten. Wie viel Verheißung.

Erhard Scherner

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saudade

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freundeskreis ums feuer
näher dran als früher
zusammengerückt
um lücken zu schließen

schwülste von schweißnähten fühlbar dort
wo alte freunde fehlen
unbestimmter schmerz
so nah' am feuer

rückkehr
hoffnung
auf ein auseinanderrücken
um wieder enger beisammen zu sein

in alter
in neuer
in großer runde
dort, wo abseits der hitze wärme verbindet

Stephan Tittel

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