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Unser Seminar begann wie immer mit etwas Verspätung. Am Freitag traf als letztes der Hauptakteur Christian Hohberg ein, mit einem ganzen Satz von Instrumenten und mehreren Büchern, in denen er seine Texte aufgezeichnet hat. Fast für jedes Lied greift er zu einer anderen, dafür passenden Gitarre und hat wie ein richtiger Spielmann dann auch noch Flöte und Munti dabei. Nebenher sagt er, dass er schon richtiger Rentner ist, sieht auch nicht jünger aus mit weißem Wallehaar und einer gewissen Zerstreutheit. Wenn das entsprechende Lied und das passende Instrument dann aber erst mal gefunden ist, bringt er es wirklich professionell rüber. Er hat sich schon durch das halbe Land gesungen und alles an ihm ist nah und heimelig. Man kann sich vorstellen, wie er einen Kneipenbesuch kulturell anreichern kann, denn die Bierflasche fehlt auch nicht bei seinem Auftritt. In manchen Liedern lässt er symbolisch den Hut herumgehen, aber das überwiegend aus UnDichtern bestehende Publikum bleibt eisern und übersieht den Wink mit dem Zaunpfahl.
Ein neues Gedankenwasser macht auch wieder die Runde. Andreas und Bettina Schrock, wenn auch kein Paar mehr, zeichnen dafür verantwortlich. Manche Texte daraus sind eher zum Hören und so wird fast der ganze Inhalt im Laufe des Seminars noch einmal zu Gehör gebracht. Da steht es freilich schon auf dem Papier und die Passion, alles noch mal zu zerpflücken und Verbesserungsvorschläge zu machen, muss daher ins Leere gehen. Manchmal geht die Interpretation auch weit über das Gedruckte hinaus, wie bei meinem Gedicht »Frühlings Erwachen«, das auf Sächsisch einfach der Brüller ist.
Mein Vortrag unter Mitwirkung von Liane über das »Wohl und Wehe von ebooks« rief weniger Kontroversen hervor als erwartet. Ich war zwar selbst ein bisschen verunsichert, als ich am Tag vor dem Vortrag bemerkt hatte, dass wohl alle Informationen über den Lesefortschritt und was man so hervorhebt, irgendwie gespeichert sind, aber der allgemein im Verein ausgeprägte Verfolgungswahn brach sich nicht Bahn, weil wohl schlicht kaum ein ebook Leser unter den UnDichtern ist.
Apropos Wahn und Bahn. Die Reimerei ist ja immer unterschwelliges Thema bei der Dichterei, aber momentan hat man es mehr mit der Alliteration. So »waberte« es nur so von »wallenden, wüsten Wolken«. Frank, der in Nachtarbeit noch ein überreichliches Mahl für die Teilnehmer bereitet hatte, versuchte dabei alle Rekorde zu schlagen.
Aber auch die logischen Kniffe haben es der heimeligen Gesellschaft angetan und es entbrannte die sog. »Löffeldiskussion«, ob es nämlich, wenn man gerade unter anderem »jeden Löffel Suppe« bedichtet hat und anschließend feststellt, dass sie sämtlich schon dem Gestern angehören, morgen noch einen Löffel Suppe geben könnte oder es sich um ein Endzeitgedicht handeln müsste. Von der Autorin selbst wurde die so erdiskutierte philosophische Dimension nur mit schweigendem Staunen bedacht.
Man fühlte sich zu Hause im MGH in KW, bis in die Nächte hinein, von denen ich allerdings nichts sagen kann, denn ich gehe wie die meisten Fastrentner mit den Hühnern ins Bett.
Christian Rempel im Waltersdorfe
31.3.2014
Ist die postalische Sendung denn inzwischen angekommen?
Schön, dass Ihr das aktuelle Gedankenwasser im Seminar schon gelesen und zum Klingen gebracht habt. Das Vorwort zur Nummer 118 ist ja auch schon an dieser Stelle zu lesen. Nun bleibt noch die Frage, ob die Postsendung auch bald auf den Weg geschickt wird?
Na ja, vielleicht rief der Vortrag über eBooks auch deshalb weniger Kontroversen hervor, weil er einfach gut war? Diese vergleichsweise einfache Lösung sollten wir nicht übersehen. Ich fand die Vorbereitung von Christian und Liane eigentlich sehr überzeugend. Zumal ja auch eine Printvariante relativ problemlos möglich ist, wenn ich es richtig verstanden habe. Die BOD-Stände hatten bei der Leipziger Buchmesse ja nicht umsonst so wenige Interessenten, wie von bibliothekarischer Seite aus vermerkt wurde. Ansonsten fand ich es sehr angenehm, wie wir alle mit dem Thema „Sprache und Sprechen“ gearbeitet haben. Deutet sich da ein neuer Umgang mit Texten an? Etwas leichter vielleicht, etwas flockiger, luftiger, beweglicher? Vielleicht ist es sogar schon länger so, und es fällt mir erst jetzt so richtig auf. Auf jeden Fall eine Dankeschön an alle Organisatoren, einschließlich dem Koch, der in nächtlicher Heimarbeit wahrle Nudelberge versetzte…
Vielleicht können ja auch noch andere ein weniger kontroverses Resümee ziehen. Ich bin kein Freund von strukturlosen Begeisterungsäußerungen und sehe diesen Blog vor allem als Insiderverständigungsmittel. Will man es schöner haben, so schreibe man es schöner. Das soll durchaus als Einladung verstanden sein. Nur bitte, sollte es eines Inhalts nicht entbehren.
Ich fürchte ja, dass mindestens jeder zweite Satz für jemanden, der nicht dabei war, missverständlich ist. Aber vielleicht ist das ja dem Wunsch geschuldet, unbedingt doch noch Kontroverse zu erzeugen? Wiedermal am falschen Platz?