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Isabel Arndt: Sabbattagebuch „Unterwegs“

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I
16.01.20

Es gibt solche Tage. Solche, die ins Licht geboren werden. Die beginnen, wenn es Zeit ist.
Die anderen, die aus der Nacht geschnitten werden, Frühchen von Tagen also, die blass und schwach starten, die im Brutkasten des Morgens liegen – die will ich nicht mehr beginnen noch beenden. Jetzt, jetzt, jetzt kriegen die Tage ein Possessivpronomen, sie heißen: meine.

Noch zwei Monate und ich fahre los. 51 Jahre mit dem Leben verhandelt. Auf Knien, im Dreck, im Sturm. Verträge abgeschlossen, kleinste gemeinsame Nenner gefunden. Je mehr Kompromisse, destokleiner die Zahl. Bin Bruch, immer der Bruch eines Ganzen gewesen. Jetzt werde ich Zähler sein. Die Sache ist gekippt. Die Südhalbkugel wird für mich bald oben sein. Das Ende der Welt, el fin del mundo ein Anfang.

Ich möchte ins Fremde tauchen. Ins Dunkel, ins Unbekannte. Es hat Gesichter, Sprachen, Farben, Gerüche. Es hat Gassen und steinige Aufstiege. Es hat womöglich spitze Zähne. Ich kenne es nicht. Es ist wie das Morgen. Ich möchte es begrüßen. Aufrichtig, freundlich, respektvoll. Möchte das Haus erkunden, das unsere Welt ist. Den Mörtel und die Einschusslöcher.

II
10.03.20

Zwei Wochen noch. Die Spielfigur rückt voran. Mein Zeigefinger reist bunten Linien nach. Das Tablet leuchtet. Ich erkläre etwas, was mit mir nichts zu tun hat. Kap Horn, die Magellan-Straße, Torres del Paine im Lieblingsrestaurant. Warmer Kerzenschein und die ganzen Möglichkeiten füllen den Raum.
Wirklich dort sein wird komplett anders sein, heftigster Wind, mit Schnee ist immer zu rechnen und die Einsamkeit und ich – wir werden Freundschaft schließen müssen.

Jedes Abschiedstreffen bringt neue Ratschläge: was ich mitzunehmen, zu bedenken, zu planen, keinesfalls zu verpassen habe. Es ist fast gar nicht mehr meine Reise. Ich weiß, ihr meint es gut; ich mag euch, alle, die ihr euch sorgt. Einiges wird mich beschützen, anderes Ballast sein – wie unterscheiden? Die Ausrüstung unter die volle Gießkanne halten bringt neue Erkenntnisse. Einiges muss neu besorgt werden. Noch ist ein bisschen Zeit. Sicher ist: ich werde nicht auf alles vorbereitet sein. Muss improvisieren. Muss eine Achillessehne mitnehmen, die vor all dem streikt. Toller Zeitpunkt, wirklich. Ich verlasse Menschen, die ich liebe und liebenswerte welche, die ich grade erst traf.

Das Haus hat noch keinen, den es wärmt, wenn ich weg bin; wir suchen noch immer, das zermürbt. Und was wird dieser Virus noch alles anstellen, welche Grenzen versperren sich – am Ende kann ich nirgendwohin. Und womit? Der perfekte neue Rucksack steht vollgepackt im Wohnzimmer neben all den Sachen, die auch noch mit wollen. Die Gedanken rennen in meinem Kopf kreuz und quer. Die Tagesaufgaben auf Arbeit erledigt grade jemand, der aussieht wie ich, aber gar nicht bei der Sache ist. Ach, sag ich. Dabei wollte ich mich doch freuen.

III
16.03.20

Was tun?
Ein winziger Virus namens Corona tanzt auf meinen großen Plänen herum. Immer mehr Leute werden krank, Leute sterben irgendwo und das irgendwo kommt näher. Die anderen hamstern die Märkte leer, es gibt Handlungsanweisungen zur Handdesinfektion, zur Einschränkung sozialer Kontakte. Aber ein Telefon kann einen doch nicht umarmen.

Immer mehr Grenzen gibt es, allerorten wird zugesperrt. Die Angst oder die Vernunft – wer regiert hier? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann doch jetzt nicht mehr an meinen Plänen festhalten – wie verrückt ist das denn? Das Auswärtige Amt sagt „nicht notwendige Reise“. Das Virus könnte auch mich irgendwo befallen und wäre ich dann nicht lieber bei maximaler medizinischer Versorgung hier?

In einer solchen Situation mache ich immer Lose. Das ist natürlich das Unvernünftigste, was man tun kann. Aber ich hab es extra schwer gemacht: von 4 Losen war nur eins dafür, weiterhin und jetzt nach Chile zu wollen. Als ich es zog, wusste ich, dass ich es ziehen wollte.

Ich bin längst nicht mehr hier. Weiß nicht, für wen all diese Mails sind, wovon sie handeln oder was von mir zu erwarten ist. Chilenische Pampa in meinem Kopf, Teppichboden unter den zuckenden Füßen.

IV
17.03.20

Auswärtiges Amt: „Ab Mittwoch, den 18.März 2020 schließt Chile seine Luft-, See- und Landgrenzen für die Einreise von Ausländern.“die zeitfenster sind durchsichtig. auch geschlossen sehe ich noch gelobtes land dahinter. ich habe ein bedrucktes papier namens ticket – ich hätte es nicht opodo, sondern dem schicksal abkaufen sollen.

man kann im eigenen traum ertrinken, mit den armen rudernd als teilte sich dadurch das vierbuchstabige „nein“ in zwei einzelne „ja“, von denen eins reichen würde, hindurchzuschlüpfen. aber das wünschen reicht nicht. und nicht, sich genau zu überlegen, wie alles passen könnte bis alles so schön passt, dass es zu schön ist für die wirklichkeit. träume dürfen das, die können gar nicht schön genug sein. aber wenn die träume mal wirklichkeit sein wollen, wenn die seifenblasen mal nicht blöd bei jedem wind und fremdkontakt platzen wollen, dann … und das heißt dann chance. daraus kann sich ganz was neues entwickeln, ganz was großes und schönes…

Das Personalreferat ist nett. Ich darf mir das nächstes Jahr noch mal wünschen. Das wird toll.

V
29.03.20

Vielleicht hätte der Zug noch funktioniert. Trotz Ausgangssperre. Vielleicht hätte Isabel Arndt am 24.03.20 noch 10:10 Uhr mit diesem Ticket von Dresden nach Frankfurt Flughafen fahren können. Statt dessen läuft sie, laufe ich – woandershin. Laufe – google Maps sagt 14 km – vom kleinen Elbhäuschen den Fluss aufwärts. Schlängle mich mit ihm, bis ich in den Eichhörnchengrund abbiege und dort in der Buschwindröschenstille raste. Die Eichhörnchen sind nicht da, aber ich. Während sich die Gedanken in die Zugpolster gekuschelt haben, die Füße auf den dicken Rucksack gelegt, dösen. Patagonien, endlich, jetzt ist es soweit. Heute Abend der Flug – noch nie so lange geflogen, wie wird das – erst bis Barcelona, dann Santiago de Chile – wie das schon klingt – und nach Punta Arenas der Anschlussflug. Zwei Tage wird das dauern, das wird anstrengend, wir müssen dringend schlafen, sagen die Gedanken, aber können gar nicht vor Aufregung.

Die wieder geöffneten Augen sehen grün. Ein linkselbisches Kerbtal, von Mittagssonne geflutet. Der Rucksack neben mir will weiter, will unbedingt weiter. Ach, der Rucksack ist schwer auf einmal. Die ganze Zeit eigentlich schon, aber jetzt, wo er so erwartungsvoll neben mir steht, so voll mit allem, was man braucht, mehrere Tage in der Steppe zu überleben, jetzt schaffe ich kaum, ihn hochzunehmen. Ich weiß nicht, warum das alles mit mir rumtrage. Ob ich überhaupt hier unterwegs sein sollte. Man soll zu Hause bleiben, Kontakt nur zu einer weiteren Person haben. Kein Flug geht mehr, kein Land hat noch offene Grenzen. Meine Tickets mit zehnstelliger Buchungsnummer bringen mich nirgendwohin. Ich wollte ans Ende der Welt, aber das Ende der Welt ist hierhergekommen. Es braucht nur ein winziges Virus und das Ende alles Vorstellbaren ist gekommen. Ein hübsches Virus übrigens; die Grafiker haben dem gelben Körper rote Krönchen aufgesetzt. Corona also. Es sieht nicht aus, als müsste man davor Angst haben. Ich habe nie wieder Angst haben wollen, ich wollte weit weg ganz allein klarkommen. Und das wäre ich, irgendwie. Aber jetzt soll ich Angst haben, jetzt soll ich vernünftig sein, Kontakte und Reisen vermeiden, wir müssen alle die Amplitude einer Kurve flach halten.Die Infizierten, die Toten sollen beherrschbar bleiben. Was um Himmels Willen ist hier los??

Weiter! Ich kann hier nicht bleiben. Nicht, wenn mein Flug in ein paar Stunden geht, nicht, wenn ich alle Schritte der nächsten Tage schon tausendmal gegangen bin. Gehen. Gehen ist Nicht-Bleiben. Das ist das Einzige, was aushaltbar ist jetzt. Es gibt einen Ort, es gibt genau einen Ort, an den ich jetzt möchte. Dort – ja, ich weiß, die Mutter seiner Kinder hat ihm, da Kontakt zu mir – 14 Tage in Quarantäne geschickt und jetzt komm ich, die Quarantäne mit ihm zu teilen, das ist so verboten, wie es schräg ist. Ich darf bleiben, aber auf keinen Fall zu nah. Das ist ok, so wie alles derzeit ok ist, was gar nicht ok ist. Die Nächte sind frostig. Wir haben den Aprikosenbaum in zwei weiße Laken gehüllt; der Scheinwerfer drunter leuchtet nachts Wärme, er leuchtet; eine weiße Fahne, wir haben kapituliert. Die Tage in reinstem Frühlingsblau, ahnungslos. Aus den Lautsprechern die neusten Zahlen, während ich die Katze kraule, während ich Erdbeerpflanzen umsetze. Finde ein Schild mit der Sorte „Korona“. Hämmere, hämmere mit dem alten Klüpfel, mit den alten Beiteln auf wurmstichiges Feuerholz ein, bis es mir sagt, was es eigentlich ist. Ich will dringend wissen, was es eigentlich ist, das alles.

Als er nicht sagte, bleib, ging ich. Ging ich den ganzen Weg zurück, um zu gehen. Unterwegs nach Patagonien. Ein Freund rief an, wir könnten. Könnten biwakieren an einem See, biwakieren ginge immer. Und zwei geht auch. Also ging der Rucksack wieder auf die Reise. Schöne Seen haben sie da in Patagonien. Wie die Kiesgruben bei uns. Sandige Ränder mit Birken. Rohrkolben, denen die Zeit weggeweht ist. Trübes Wasser, kalt. Trockenes Holz mit Birkenrinde und Feuerstahl leuchtet warm in unseren Gesichtern. Erstaunlich windstill in Patagonien.

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Gerhard Jaeger: Donegal

. . . . . . . . . . Donegal Grasschafe das Ich - Land im Regenpelz, Nebel das Land ein Weg, ich zwischen Stein oder Felsen, ich Wasser, fließe mit, Zeit Düfte schäumen im Torfdunkel, ich schwebe am Atlantik, Geliebter, weite dich abends beim schwarzen Bier im Rausch der rothaarigen Nächte, im Fiddeltanz, du und ich ein Trommelwirbel, Silberklang der Hirtenflöte, am morgen wandern wir dem herabfallenden Himmel zu

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Grasschafe
das Ich – Land im Regenpelz, Nebel
das Land ein Weg, ich
zwischen Stein oder Felsen, ich
Wasser, fließe mit, Zeit
Düfte schäumen
im Torfdunkel, ich
schwebe am Atlantik, Geliebter,
weite dich abends
beim schwarzen Bier im Rausch
der rothaarigen Nächte, im
Fiddeltanz, du und ich
ein Trommelwirbel, Silberklang
der Hirtenflöte, am morgen
wandern wir dem
herabfallenden Himmel
zu

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Liane Fehler: Kreislauf – Circulation

Kreislauf Lichtblaue Ewigkeit Felsengräberküste schwarze Vögel kreisen am Himmel Wellen branden an Felsen verschwinden und werden neu geboren Wellen branden an Himmel schwarze Vögel Felsengräberküste Lichtblaue Ewigkeit

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Foto von smt (Layout 2)

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Kreislauf

Lichtblaue Ewigkeit
Felsengräberküste
schwarze Vögel
kreisen
am Himmel
Wellen branden an
Felsen verschwinden
und werden neu geboren
Wellen branden an
Himmel
schwarze Vögel
Felsengräberküste
Lichtblaue Ewigkeit

Sommer 2013

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Gerhard Jaeger (Text und Foto): Anstoß

. . . .. . . . . . . Sich sammeln ein, zwei, drei Monate kein Wort sprachlos keinesfalls aber schweigsam doch nicht ausdruckslos fast wie der Frosch jener plumpe, grünflinke der am Ufer bloß gluckt nicht hüpft, nur so guckt und tonlos redet mit dem Fisch den ich bislang nicht verstand so wie die auf Insekten warten brauche auch ich den Anstoß um zu springen schwimmen in den Redefluss

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Sich sammeln
ein, zwei, drei

Monate
kein Wort

sprachlos keinesfalls
aber schweigsam
doch nicht
ausdruckslos

fast wie der  Frosch
jener plumpe, grünflinke
der am Ufer bloß
gluckt nicht hüpft,
nur so guckt

und tonlos redet
mit dem Fisch
den ich bislang
nicht verstand

so wie die
auf Insekten warten
brauche auch ich
den Anstoß
um zu springen
schwimmen
in den Redefluss

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Desdemona: Heb ihn auf

. . . . . . . . . . "Heb ihn auf" für Marietta Er ist tiefschwarz, rund und griffig, er- ein Stein aus fernen Zeiten. Kommt aus tiefen, tiefsten Tiefen, als ein Zeuge wüster Schöpfung. Er erinnert an die Lava, die den Erdball überrollte. War geheiligt einst als Kultstein, als ein Kleinod unsrer Ahnen, Verbirgt Herkunft und Geschichte, wie ein Buch mit tausend Siegeln. Liegt am Rande deiner Wege: "Stein der Weisen" beim Berühren. (Lavabasalt als Urgestein findet man weltweit)

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Heb ihn auf

       für Marietta

Er ist tiefschwarz, rund und griffig,
er- ein Stein aus fernen Zeiten.
Kommt aus  tiefen, tiefsten Tiefen,
als  ein  Zeuge wüster  Schöpfung.

Er erinnert an die Lava,
die den Erdball überrollte.
War geheiligt einst als  Kultstein,
als ein Kleinod unsrer Ahnen,

Verbirgt Herkunft und  Geschichte,
wie ein Buch mit tausend Siegeln.
Liegt am Rande deiner Wege:
„Stein der Weisen“ beim Berühren.
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(Lavabasalt als Urgestein findet man weltweit)

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Gerhard Jaeger (Text und Foto): Ukrainische Holzkirche

. . . . . . . . . Ukrainische Holzkirche Wolowetz September 1983 Zwischen den Hütten verfault das Schiff In grünen Pfützen Gänsefüße schmatzen im Lehm in Ave – Maria wird geschnattert über die abgegraste Kirchenwiese wenn die Schar den Flechtzaun durchschreitet ist sie näher bei Gott Die Pforte der Arche – Noah steht offen hereinspaziert Weihnachten geht es ab in den Himmel

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Ukrainische Holzkirche

Wolowetz September 1983

Zwischen den Hütten
verfault das Schiff

In grünen Pfützen Gänsefüße
schmatzen im Lehm
ein Ave – Maria wird geschnattert
über die abgegraste Kirchenwiese

wenn die Schar den Flechtzaun
durchschreitet
ist sie näher bei Gott

Die Pforte
der Arche – Noah steht offen

hereinspaziert
Weihnachten geht es
ab in den Himmel

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Liane Fehler: Auferstehung klemmt

Ich bin Phönix und lieg in der Asche und soll so verbrannt wie ich bin auferstehen Ja, bei Phönix , bei mir da war man sich sicher Phönix steigt wieder und wieder strahlend empor Ich hab meinen Goliath doch zu Fall gebracht meiner Meduse das Haupt abgeschlagen nun sollte ich feiern und fliegen und bin doch vergangen 28.04.2010

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Ich bin Phönix und lieg
in der Asche
und soll
so verbrannt
wie ich bin
auferstehen

Ja, bei Phönix , bei mir
da war man sich sicher
Phönix steigt
wieder und wieder
strahlend empor

Ich hab meinen Goliath
doch zu Fall gebracht
meiner Meduse
das Haupt abgeschlagen
nun sollte ich feiern und fliegen
und bin doch vergangen

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28.04.2010

Das Gedicht wurde veröffentlicht in der Jubiläumsanthologie: “unDichterNebel” 2001 – 2015
(ISBN  978-3-941394-40-7 / Osiris Druck Lpz.)

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Frank Siegert: Genuss

Genuss Einfach so da sitzn Die Zeit laufen lassen Ein gestern und morgen Beiseite schieben Die Gedanken die kommen Ins nirgendwo absetzen Ein Stück Schokolade In die Hand nehmen Das sündhafte Bedenken Fallen lassen An den Lippen Die Vorfreude aufnehmen Im Mund spüren Wie das Geschenk zerfließt Und endlich wissen Was heute wichtig ist

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Einfach so da sitzn
Die Zeit laufen lassen
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Ein gestern und morgen
Beiseite schieben
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Die Gedanken die kommen
Ins nirgendwo absetzen
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Ein Stück Schokolade
In die Hand nehmen
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Das sündhafte Bedenken
Fallen lassen

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An den Lippen
Die Vorfreude aufnehmen

Im Mund spüren
Wie das Geschenk zerfließt

Und endlich wissen
Was heute wichtig ist

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Gerhard Jaeger: Wenn die Igel sich anschicken – Aus der Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015

Wenn die Igel sich anschicken das Laub zu häufen vor dem Schnee kommen kühl aus dem September Abende fremd und doch vertraut an meine Stirn und fragen: Sag wohin nun wollen wir mit unserem Traum Der Abendtau sinkt lautlos unter meine Hand am kalten Tisch ein schwarzer Samt umhüllt die Schulter. Der Lärm das laute Nein der Sommerstimme ist mit diesen Vögeln auf der Flucht vor mir

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Wenn die Igel sich anschicken

das Laub zu häufen
vor dem Schnee

kommen
kühl aus dem September

Abende
fremd und doch vertraut
an meine Stirn
und fragen: Sag wohin nun
wollen wir
mit unserem Traum

Der Abendtau sinkt lautlos
unter meine Hand
am kalten Tisch
ein schwarzer Samt umhüllt
die Schulter. Der Lärm
das laute Nein
der Sommerstimme ist
mit diesen Vögeln
auf der Flucht*

vor mir

Das Gedicht wurde veröffentlicht in der Jubiläumsanthologie: “unDichterNebel” 2001 – 2015
(ISBN  978-3-941394-40-7 / Osiris Druck Lpz.)
                               

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Frank Siegert: Betrachtungen an der Straßenampel

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, könnte ich vor Ungeduld explodieren. Wann leuchtet endlich dieses blöde grüne Licht auf. Böse Dämonen haben sich gegen mich verschworen. Sie wollen mich nicht fahren lassen. Ans andere Ufer. Die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Fühle mich wie ein Dampfkessel ohne Sicherheitsventil. Dann endlich, Grün leuchtet auf, Glücksgefühle flammen in mir auf. Ich trete in die Pedale und bin drüben.

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Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, könnte ich vor Ungeduld explodieren. Wann leuchtet endlich dieses blöde grüne Licht auf. Böse Dämonen haben sich gegen mich verschworen. Sie wollen mich nicht fahren lassen. Ans andere Ufer. Die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Fühle mich wie ein Dampfkessel ohne Sicherheitsventil. Dann endlich, Grün leuchtet auf, Glücksgefühle flammen in mir auf. Ich trete in die Pedale und bin drüben.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, muss ich stehenbleiben. Stopp. Um mich herum rauscht der Verkehr. Die Autos schießen schnell an mir vorüber. Wohin fahren die Menschen alle. In den Urlaub? . Zum Finanzamt? Zur Geliebten? Eine unsichtbare Macht zwingt mich zum Anhalten. Jetzt bin ich hier. Muss in meinen Tagesablauf innehalten. Schaue an der Häuserwand hoch. Lasse meine Blicke umherschweifen. Dort an der Wand ein offenes Fenster, mit wehenden Gardinen, die nach draußen hängen. Ich will aber weiter. Weiter, schneller, schneller. Endlich das grüne Licht. Die Erlösung von meinen Leiden. Ich kann weiter.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, sehe ich die Leute neben mir. Wie sie in die Umgebung blicken. Manche mit Gesichtern, die das Leben gezeichnet hat. Tief gefangen in ihrem eigenen Dasein. Kein Lächeln, das den Tag erhellt und Mut macht. Befinden sie sich in einem Gefängnis. Kann das Aufleuchten von Grün das Gehen in die Freiheit für sie bedeuten. Nein, es ist nur eine normale Straßenüberquerung

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, hoffe ich ungeduldig auf das Erscheinen des grünen Lichtes. Warum will ich, dass es aufleuchtet. Erwarte ich einen Lottogewinn? Eine Superbraut? Oder willst du einfach dein kleines beschauliches Leben weiter leben und auf die andere Straßenseite fahren.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte,  Die Autos rauschen mit ihren stur nach vorne blickenden Insassen an mir vorbei. Der Verkehr dröhnt in meinen Ohren. Bereitet mir Schmerzen. Ich will doch nur weiter. Der Regen durchnässt mich. Mich friert. Jetzt mit einem Bacardi Rum in der Hand, auf einem Stuhl sitzen. Samba Musik im Ohr. Die rötliche Sonne im Untergehen genießen. Den lauwarmen Abendwind sanft um die Beine wehen lassen. Und von einer fremden Hand am Unterarm berührt werden.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte. Wie als Kind das Hoffen auf Weihnachten. Aus Langeweile betrachte ich die Menschen auf der anderen Straßenseite. Bemerke, sie sind da, wo du hinwillst. Das ist nur ein Zwischenstopp. Eine kurze Episode an diesem Tag. So oft schon erlebt. Bald vergessen. Gelöscht. Doch dort im Rinnstein ein Fünfzig-Cent-Stück. Und schon ein Geschenk des Tages entdeckt.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, sitze ich fest wie auf einem Wartestuhl beim Arzt. Wann werde ich endlich aufgerufen? Ich warte. Langsam steigt mir der Kaffee von vorgestern in die Kehle. Mein Arzt sagt, ich soll mich nicht aufregen, das sei nicht gut für mein Herz. Es kann sein, dass ich bald für immer zwischen den Brettern liege. So bezähme ich den Tiger in mir. Stehe wie ein braver Bürger auf dem Fußweg und schaue gelangweilt in die städtische Steppe.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte, will ich schnell weiter fahren. Die Freundin im Café schaut ungeduldig auf die Uhr. Eine unsichtbare Macht zieht mich zu ihr, die nur ein paar Straßen weiter am Tisch sitzt. Aber in mir tickt die Sehnsucht wie eine Bombe, kurz vor der Explosion. Die Zündschnur glimmt bereits.

Wenn ich mit dem Fahrrad an der Straßenampel warte – und einfach eine Grünphase auslasse. Stehenbleibe am Straßenrand. Das macht doch kein Mensch, höre ich meinen Verstand sagen. Jeder erkennt in mir den Sonderling. Die Leute liefen an mir vorüber und würden mich verwundert ansehen. Ist der noch normal, denken sie. Der gehört in eine Anstalt. Mich dem Fluss des Lebens entgegenstemmen. Den allgemeinen Trott hinterfragen. Ich lasse mich jedoch vom Strom mitziehen und fahre über die Straße wie alle anderen.

Wenn ich mit dem Fahrrad an die Straßenampel komme – und einfach sie ignoriere. Ich fahre hinüber. Bei Rot. Hinter mir die bösen Blicke der Wartenden kann ich nicht sehen. Auch einige Rentner sind dabei. Ich kann ihre Gedanken über mich nicht erahnen. Ignorieren sie mich, oder beneiden sie meinen Mut. Oder denken sie, der gehört eingesperrt. Ich lasse sie in ihrem Frieden stehen, dort am Straßenrand.

Wenn ich mit dem Fahrrad an die Straßenampel komme – und einfach sie ignoriere. Ich will genau so stolz Rad fahren, wie die Autofahrer in ihren  chromblitzenden Kisten und ihre Oberkörper im Rhythmus der Stones bewegen. Und denken, sie wären die Könige der Straße. Deshalb nutze ich die Lücke zwischen ihnen, zeige ihnen in Gedanken den Stinkefinger und radle auf die andere Seite.   

Wenn ich mit dem Fahrrad an die Straßenampel komme – und einfach sie ignoriere.  Ich fühle mich wie ein Dissident. Etwas Unerlaubtes tun. Was der brave Bürger nicht tut. Selbst wenn die Straße weit und breit leer ist. Es ist das Aufbegehren gegen die Normen des Alltags. Gegen das zähe Fließen des Unsinns an mir vorbei. In Dunkelheit sein, mitten am Tag. Tief im Herzen lege ich das Gewehr an. Ziele in die Mitte der Normalität. Und fahre frisch und frei in die Sonne. Komme auf der anderen Straßenseite an mit dem Stolz, jetzt doch etwas anders zu sein.

Frank Siegert

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Gerhard Jaeger: Im Kokon

des Abends, die 12 auf der Zielscheibe dieser Treffer bedeutet: Traum bedeutet halb versunken bedeutet Bilder in Schwebe bedeutet sich einzuweben in den Kokon um aufzuschweben

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des Abends, die 12
auf der Zielscheibe
dieser Treffer
bedeutet: Traum
bedeutet halb versunken
bedeutet Bilder in Schwebe
bedeutet sich einzuweben
in den Kokon
um aufzuschweben
mit dem Eigenen, dem ICH
das man suchte
oder verfluchte
und das man kaum erkennt
wenn man pennt

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Gerhard Jaeger: Versöhnung

Manchmal Matjora Schmecke ich das Blut Die zerbrochene Klinge Ragt aus meinem Auge Blau Du schenkst Wein, rot wie der schmeckt und vom Blut befreit diesen Brotlaib in dem alle Leiber schwanden die zerfielen zu Ackersand Speck teilst du und Freundschaft springt über Als könne uns nun Keine Klinge mehr (veröffentlicht im GeWa 114)

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Manchmal Matjora
Schmecke ich das Blut
Die zerbrochene Klinge
Ragt aus meinem Auge
Blau

Du schenkst Wein, rot
wie der schmeckt und
vom Blut befreit

diesen Brotlaib
in dem alle Leiber schwanden
die zerfielen
zu Ackersand

Speck teilst du und
Freundschaft springt über
Als könne uns nun
Keine Klinge mehr

(veröffentlicht im GeWa 114)

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Lars Steger: im haus vor dem deich

im haus vor dem deich wohnst du wissend um die flut die kommt irgendwann (veröffentlicht im GeWa 114)

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im haus vor dem deich
wohnst du wissend um die flut*
die kommt irgendwann

(veröffentlicht im GeWa 114)

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Lars Steger: am nachtdunklen strand

am nachtdunklen strand ins nächste dorf gehen wo niemand wartet (veröffentlicht im GeWa 114) Text: Lars Steger

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am nachtdunklen strand
ins nächste dorf gehen
wo niemand wartet

(veröffentlicht im GeWa 114)

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Lars Steger: der regen knistert

der regen knistert in der stille der bäume pappelpollenschwer Text: Lars Steger

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der regen knistert
in der stille der bäume
pappelpollenschwer

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Senta Annemarie Krumnauer-Lieb: Roter Mohn

Wie lange musste ich warten, auf Dich, du roter Mohn. Nun blühst du in meinem Garten, ein paar Tage schon. Ein zauberhaftes Leuchten umhüllt dein Blüten Kleid,

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Foto: sibyll maschler

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Wie lange musste ich warten,
auf Dich, du roter Mohn.
Nun blühst du in meinem Garten,
ein paar Tage schon.

Ein zauberhaftes Leuchten
umhüllt dein Blüten Kleid,
so kannst du Herzen erreichen,
die noch zum Träumen bereit.


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Lars Steger: das sonnenblümchen

das sonnenblümchen es hascht nach wärme und licht ich pflanzte zu spät Autor: Lars

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das sonnenblümchen
es hascht nach wärme und licht
ich pflanzte zu spät

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Sylvia Woodhouse mit einem Text zur Collage 3 von Jenny Dlugaiczyk

Einmal Nach Dalis Maßstab Frau werden.

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Einmal

Nach Dalis Maßstab

Frau werden.

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Sylvia Woodhouse Text zur Collage 2 von Jenny Dlugaiczyk

Durch das Loch in meiner Hirnrinde sehe ich. Wolken. Ziehen auf. Text: Sylvia Woodhouse,

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Durch das Loch
in meiner Hirnrinde
sehe ich.
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Wolken.
Ziehen auf.

 

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Sylvia Woodhouse zur Collage 1 von Helga Gerasch

Der Wurzelvorhang öffnet sich Auf tritt die Pilzspore Sie trägt die Schlingen schon Um den Hals… Text: Sylvia Woodhouse

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Der Wurzelvorhang öffnet sich

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Auf tritt die Pilzspore

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Sie trägt die Schlingen schon

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Um den Hals…


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Lars Steger: die inselnase

die inselnase hier musst du her nach dem sturm berge muscheln tang (veröffentlicht im GeWa 114)

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die inselnase
hier musst du her nach dem sturm
berge muscheln tang
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(veröffentlicht im GeWa 114)

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Gerhard Jaeger: Collage

es schlug mein Herz geschwind zu Pferde als ein Trabbi rumpelt durch die Nacht

by

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es schlug mein Herz
geschwind zu Pferde
als ein Trabbi rumpelt
durch die Nacht

Ganz ehrlich, sofort
hab ich gedacht:
Das ist eine Collage!

Knete aus dem Westen
und aus dem Osten das
was dort so war am besten

Wunderland, Wunderland
die Ideale, die sind weggerannt
ene ,mene Du:
Nu‘ sieh‘ zu

Schluss mit der Collage
manches, was sich wendet
als Blamage endet.

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Desdemona: Versäumt

Still ! - Eurer Klagen kommt zu spät. Seht ! - Das Mögliche ist getan. Jetzt. - Ist nichts mehr zu tun. Schweigt! - Umsonst Euer Geschrei. (veröffentlicht im GeWa 114)

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Still !
– Eurer Klagen kommt zu spät.

Seht !
– Das Mögliche ist getan.

Jetzt.
– Ist nichts mehr zu tun.

Schweigt!
– Umsonst Euer Geschrei.

 

(veröffentlicht im GeWa 114)

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Lars Steger: von der sauna aus

von der sauna aus ins blau des himmels blicken an dich nichts denken Text: Lars Steger

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von der sauna aus
ins blau des himmels blicken
an dich nichts denken

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Jennifer Müller: Der Kaktus im Blumenbeet

Er starrt. Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn, doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann

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Er starrt.

Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken  Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn,

doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann nicht so zart und schön sein wie die Blumen. Wie sähe das denn auch aus, ein blumgewordener Kaktus. Nein, er starrt den Boden an. Den braunen, langweiligen Boden, der allerlei Krimskrams beherbergt. Er hätte ja auch eine Ameise sein können. Dann hätte er wenigstens die Möglichkeit davon zu laufen, andere Kakteen zu suchen, die genauso stachelig sind wie er selbst, die genauso starren, um die Abneigung und zugleich makellose Schönheit der Blumen nicht sehen zu müssen. Genau genommen hätte er sich mit einem zweiten Kaktus doch sehr viel wohler gefühlt. Dann hätte es ihm egal sein können wenn die Bienen kommen, wie sie es immer tun, wenn er starrt. Dann kommen die Bienen und halten ihm das vor Augen, was ihn so stört. Die fliegen von Blume zu Blume und daran scheint auch gar nichts falsch zu sein. Bienen und Blumen sind ja glücklich. Da hat keiner Stacheln und da starrt auch niemand. Nein, der Kaktus fühlt sich deplatziert. Wenn es einen Gott gäbe, so sagt er sich, hätte ihn dieser doch nie inmitten eines Blumenbeets gepflanzt. Zumindest hätte Gott ihn ja dann zu einer Blume machen können.

Er starrt.

Er starrt den Himmel an, weil es ihn beschäftigt, ob da oben jemand sitzt und sich denkt: „Das hast du gut gemacht, ist ein schönes Bild. Ein Kaktus inmitten eines Blumenbeets.“

Tief in seinem Innern spürt der Kaktus ein Herz schlagen.

Ein kleines Herz, das schwer und müde ist vom ständigen Versuchen, groß und stark zu sein um eines Tages die ganze Welt umarmen zu können.

Das Wasser bahnt sich weiterhin den Weg durch seine Wurzeln, und Tag für Tag tankt er sich voll mit Sonne. Und ab und zu, wenn er sich einen Augenblick Zeit nimmt, versucht er in den Wolken Bilder zu sehen und gibt sich seinen Träumen hin, in denen Blumen und Kakteen in einer wundervollen Symbiose in einem Blumenbeet stehen, frei von Stachelangst und Befangenheit, einer Welt, in der es einen Gott gibt, der einem kleinen Herz die Chance gibt mit Glück erfüllt zu sein.

1

Gerhard Jäger: Kurland ein Schiff

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das ist schwer
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so ein Kahn mit schwarzem Rumpf
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aufgetakelt mit eckigen Segeln
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und windbeblasen
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hoch beladen mit Vergessen
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überfrachtet mit Erwartung auch
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getrimmt mit Abschied
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klangschwer das Rauschen
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Welle und Bug

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im klaren Hafflicht
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erscheinen ihre Schatten
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manchmal
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zu spät


 

1

Desdemona: Steine vor Felsen – Collage von Hagen Ludwig

Schillernde Felsen trotzen den Winden seit ewiger Zeit. Zerfurchte Steine öffnen die Schichtung Tiefe enthüllend.

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Schillernde Felsen
trotzen den Winden
seit ewiger Zeit.
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Zerfurchte Steine
öffnen die Schichtung
Tiefe enthüllend.
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Aufgeregte Rede –
kaum wahrgenommen –
verrinnt mit dem Klang.

3

Christian Rempel: Utopia

... Utopia – zweiter Tag Die Einfahrt verrifft, die Jugend, wie schade: versoffen, bekifft, und die Alten malade.

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Utopia – erster Tag

Schiff zum Weltenrand,
Seeschlange bade!
Utopia noch unerkannt.
Wo sind nur Deine Gestade?

Das GPS spinnt!
Das ist der Rand der Welt.
Novalis hier beginnt,
allein auf sich gestellt.

Du bist – ich glaub es – Utopia

Utopia – zweiter Tag

Die Einfahrt verrifft,
die Jugend, wie schade:
versoffen, bekifft,
und die Alten malade.

Werbebanner für alles,
Dudelradio und TV.
Bild eines Augiasstalles,
Geilheit auf alles was frau.

Ist nicht – nun glaub mir –

Utopia

Utopia – dritter Tag

Die Jugend wehrhaft,
die Kassen gefüllt,
alle in traute Stille gehüllt.
technisch in Meisterschaft.

Ein jeder in Arbeit,
so er nicht befreit.
Für alles ist Zeit,
bis zur Unendlichkeit.

Du bist – ich glaub es –

Utopia

Utopia – vierter Tag

Hoffart als wahre Natur,
Bitten zu Tode geschwiegen.
Freiheit ist`s pur,
wenn bei Huren sie liegen.

Wahl gibt es alle paar Jahr,
dass nichts anbrennt:
„Wählt, was ihr nie erkennt!“
Mitgefühl nur gegen bar.

Ist nicht – glaub ja nicht –

Utopia

Utopia – heute

Des weisen Hauptes Krone,
Zierrat wem Zierrat gebührt,
die Königin nicht ohne,
das Schloss gut aufgeführt.

Und wie ich mich verneige,
kehr ich vor’m eignen Haus,
das GPS ist aus,
in Sphären schon eine
Geige!

Das ist – so glaub nur – Utopia

Aus der Literaturbox 2012 von Christian Rempel

2

Christian Rempel: Fauna superioris

Der Spinnenfaden ist recht fest, nimm die geringe Dichte noch hinzu, wenn Du ihn an sich selber hängen lässt, kann länger werden er als Stahl und Eisen.

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Der Spinnenfaden ist recht fest,
nimm die geringe Dichte noch hinzu,
wenn Du ihn an sich selber hängen lässt,
kann länger werden er als Stahl und Eisen.
Kannst Du’s beweisen?
Beider Zugfestigkeit: 1 GPa,
Dichteverhältnis die Hexenzahl 7.
Wisst ihr es nun ihr Lieben?
Und denket ihr nun kurz und knapp,
das hängt vielleicht vom Querschnitt ab,
habt einen Holzweg ihr beschritten.
Und denken wir uns Stalaktiten
von langen langem Holze (28 km),
dann rissen sie noch später ab,
als wenn aus Stahl,
natürlich erste Wahl,
sie wären.
*
Die Flora sich so findig zeigt
und nur die Fauna übersteigt
an Festigkeit noch das Gebilde,
das hab ich raus, nun lächelt milde.

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21.2.2013

 

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Maria Goldberg: Waldeinsamkeit

klare Luft atmen – leises Knacken im Geäst - Stille gebrochen Text: Maria Goldberg Ausschnitt aus dem Bild "Kanal-mit-Zirkus" von Gerhard Jaeger

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Lars Steger: früheres sumpfland

früheres sumpfland riech ich manchmal die feuchte ankommen zu haus

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früheres sumpfland
riech ich manchmal die feuchte
ankommen zu haus

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Gerhard Jaeger mit dem Gedicht: Wegweiser und dem Bild: Kanal mit Zirkus

geh immer schau in die schwarzen Spiegel der Wasser schau in den leuchtenden Himmel beide gehen geh immer mit den Schatten, die wachsen mit dem Laub, das schwindet weiter

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Wegweiser

geh immer
schau in die schwarzen Spiegel der Wasser
schau in den leuchtenden Himmel
beide gehen

geh immer
mit den Schatten, die wachsen
mit dem Laub, das schwindet
weiter

immer weiter
bis in den Punkt, in dem Himmel und Wasser
bis dahin , du ahnst es und gehst
weiter, immer weiter

immer zu
in eine Richtung,
in der Abschied und Begegnung zusammentreffen

bis dahin geh
und sing und lach
immer näher

immer näher
gestern zogen die Vögel
gestern kehrten sie heim

einen wirst du treffen
der dich nimmt für immer
ihn verpaßt du
nicht

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Gerhard Jaeger: Ich sah das Land zu Bette gehen (Liedtext)

Ich sah das Land zu Bette gehen Wälder legten ein Nachtkleid an Felder krochen in Nebeldecken

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Ich sah

das Land
zu Bette gehen
Wälder
legten
ein Nachtkleid an

Felder
krochen
in Nebeldecken

Allerlei Getier,
allerlei Getier
blinzelte stadtwärts
Allerlei Getier, allerlei Getier
spitzte die Ohren

Katzen
umschlichen
Häuser
Augen
durchstachen
Rauch,

weil der ja gerade so aufstieg
lautlos sternenwärts
weil der ja gerade so aufstieg
lautlos sternenwärts

und weil
Laternen ansprangen
und hinter Fenster
kam Licht
konnte ich etwas sehen
ja, das wusch sich rein
konnte ich etwas sehen
ja, das wusch sich rein

und hatte soviel Ruhe,
als der
Nachtzug
vorüber fuhr
es hatte soviel Ruhe
als der
Nachtzug
vorüber fuhr

Text und Musik: Gerhard Jaeger         a-moll

1

Andreas Schrock: Wer bin ich, wenn ich schreibe?

In unserem Sommerseminar in Bad Sonnenland gab es viele eindrückliche Erlebnisse. Und sicher hat jeder sein eigenes mit nach Hause genommen und vielleicht auch zu Papier gebracht. Zwei meiner Erlebnisse vermischen sich nachträglich im Kopf: zum einen den Vortrag von Gerhard zum Thema „Sprache“, zum anderen die Gedichte von Frank, insbesondere das Gedicht „Wie geht’s dir“, nachzulesen im Gedankenwasser Nr. 110. Ich weiß nicht, warum ich so allergisch gegen den Text oder Teile des Textes reagiert habe. Es war nicht meine Absicht und doch spürte ich in mir etwas hochsteigen, eine richtige, echte, unfaire Ablehnung. Aber ich fühlte mich auch im Recht. Denn ziemlich schnell hatte ich ein Schema im Text erkannt oder zu erkennen geglaubt: so wie Frank den Text gelesen hat, kam er locker-fluffig rüber. In der Diskussion hieß es dann, dass alles genau so sei, wie es da stehe. Und gemeint, also das, was in der Diskussion ungesagt aufbrach, war genau das Gegenteil. In zeitlicher Reihenfolge gab es also drei Ebenen. Ebene 1: Das gesprochene Wort. Der Text kam von der Stimmmelodie locker-fluffig ins Ohr. Ebene 2: Das geschriebene Wort. Daran entzündete sich die Diskussion. Die Behauptung war: genauso ist es, wir manipulieren täglich. Ebene 3: Das gemeinte Wort. Im Laufe der Diskussion bekam ich mit, dass die Sache mit der Manipulation im Grunde ein unhaltbarer Zustand ist.

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In unserem Sommerseminar in Bad Sonnenland gab es viele eindrückliche Erlebnisse. Und sicher hat jeder sein eigenes mit nach Hause genommen und vielleicht auch zu Papier gebracht. Zwei meiner Erlebnisse vermischen sich nachträglich im Kopf: zum einen den Vortrag von Gerhard zum Thema „Sprache“, zum anderen die Gedichte von Frank, insbesondere das Gedicht „Wie geht’s dir“, nachzulesen im Gedankenwasser Nr. 110. Ich weiß nicht, warum ich so allergisch gegen den Text oder Teile des Textes reagiert habe. Es war nicht meine Absicht und doch spürte ich in mir etwas hochsteigen, eine richtige, echte, unfaire Ablehnung. Aber ich fühlte mich auch im Recht. Denn ziemlich schnell hatte ich ein Schema im Text erkannt oder zu erkennen geglaubt: so wie Frank den Text gelesen hat, kam er locker-fluffig rüber. In der Diskussion hieß es dann, dass alles genau so sei, wie es da stehe. Und gemeint, also das, was in der Diskussion ungesagt aufbrach, war genau das Gegenteil.

In zeitlicher Reihenfolge gab es also drei Ebenen. Ebene 1: Das gesprochene Wort. Der Text kam von der Stimmmelodie locker-fluffig ins Ohr. Ebene 2: Das geschriebene Wort. Daran entzündete sich die Diskussion. Die Behauptung war: genauso ist es, wir manipulieren täglich. Ebene 3: Das gemeinte Wort. Im Laufe der Diskussion bekam ich mit, dass die Sache mit der Manipulation im Grunde ein unhaltbarer Zustand ist.

Das passt nicht zusammen, die Aussagen sind gegensätzlich und die Behauptung, die „Provokation“ sei gelungen, ist, denke ich, in solchen Fällen billig. Eine „Provokation“ kann man immer alles nennen, was Diskussionen auslöst. Auch marschierende Neonazis mit Marx-Sprüchen auf dem Transparent (habe ich erlebt).

Aber ich hatte in der Diskussion noch ein weiteres Erlebnis: die Personalisierung, denn auf einmal ging es um „Manipulation in den Medien.“ Oh, was da aufbrach, was für eine berechtige Wut oder Wütigkeit. Ich war erschrocken und wollte gerade den Fehler begehen, meine Arbeit zu verteidigen bzw. zu erklären. Was brach da auf? Ilona hat das ihre benannt. Oder war ich mit meinen Bemerkungen selbst schon in die Reihe der Zyniker geraten?

II
Meine These ist immer noch, dass der Widerspruch zwischen den Ebenen den Zynismus des Textes ausmacht. Die Linien treffen sich nicht, nicht einmal im Horizont. Der Text ist keine Provokation, sondern eigentlich eine Verschleierung, eine Verharmlosung. Einen schlechten Zustand fröhlich kund tun (Ebene 1), ihn zugleich als alternativlos hinzustellen, was sonst ja Madame Merkel gerne macht (Ebene 2) und dann im Grunde wütend zu sein (Ebene 3), genau das würde ich als Zynismus bezeichnen.
Zugegeben ist das eine Vereinfachung, denn wütend war nicht der Autor, sondern andere Teilnehmer unserer Runde. Aber mir geht es auch nicht um Personen, sondern um etwas anderes. Denn erst jetzt, im Nachhinein merke ich, warum mir der ganze Text so gegen den Strich ging: weil er mich selbst betrifft, genauer die Kurzgeschichte „Frühstück zu dritt“, die einst im Gedankenwasser Nr. 4 erschien. Das Heft ist mir verloren gegangen, aber das Gedankenwasser Nr. 5 liegt vor mir und dort finde ich die Reaktionen auf den Text. Diese Reaktionen waren nicht sehr schmeichelhaft: da wurde eine große Einsamkeit des Autors entdeckt und überhaupt, so die Kritiken, lag ich mit der Grundaussage gehörig neben der Spur.
Die Grundaussage war: „Es ist zu spät.“ Sie drückte zu der Zeit, Anfang der 90er Jahre meinen Seelenzustand aus.

Immerhin hatte sich ein ganzes Gesellschaftssystem in Wohlgefallen aufgelöst, ein System, in dem es mir immer auch die öffentlichen Plätze angetan hatten. Die weiten, offenen, zugigen Plätze. Der Alexanderplatz in Berlin zum Beispiel oder der Exerzierplatz in Perleberg oder der Bahnhofsvorplatz in Dresden. Diese Plätze waren Spiegel meiner Seele, bis an den Rand der Augen. Hinzu kamen persönliche Lebensumstände, in denen ich mittendrin steckte und die ich einfach nicht verstand. Und dann sitzt die Ich-Figur mit zwei Freunden beim Frühstück und schaut ihnen zu, wie sie mit einem Lächeln ihr Ei aufklopfen und auslöffeln. Als sei nichts geschehen. „Es ist zu spät“ – locker-fluffig dahin gesagt, war für mich der rettende Satz, um diesen Widerspruch zu lösen. Dachte ich.

 In Wahrheit war der Satz, so sehe ich es heute, zynisch. Denn vom Alexanderplatz oder Exerzierplatz hatte ich nichts geschrieben, auch nichts von den Rändern meiner Augen. Die Geschichte ging vielmehr mit dem Frühstück los und das Frühstück hatte aus dem Nichts etwas unheimlich Bedrohendes, ohne das es erklärt worden wäre. Dieses Bedrohende wiederum wurde so locker gelesen…ja, dass es nur zynisch sein konnte. Nein, ich wollte kein Zyniker sein. Und bestimmt war ich nicht durchweg Zyniker. Aber vielleicht gab es eine Seite in mir, einen Botenstoff zwischen zwei Synapsen, ein rätselhaftes Areal im Kopf. Woher kommt das? Woher kommt Zynismus als Haltung?

 Und wie kann man denn solch einen Widerspruch, der einen fast zerreißt, ausdrücken? Mit welcher Haltung, wenn nicht mit Zynismus? Mit Empörung? Mit Trauer? Mit Glauben? Mit Liebe, die freilich auch das Leiden kennen sollte? Mit Ironie?

 Wer will ich sein, wenn ich schreibe? Ein Empörter, ein Leidender, ein Mitleidender (Solidarität!), ein Liebender, ein Klagender, ein Anklagender? Oder will ich lieber ein Spötter sein?

 III
Beim Zappen durch die Fernsehkanäle ist mir irgendwann mal Dieter Bohlen und seine Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ begegnet. Und mit ihm all die echten und vermeintlichen Talente, die er nicht selten hart abbürstete. Vielleicht täusche ich mich, aber könnte man an diesem Beispiel nicht den Unterschied von Ironie und Zynismus erkennen?

Ironie demaskiert, entblättert, macht den Kandidaten nackt. Ironie nimmt dem König die Kleider, macht ihn lächerlich. Ironie ist schmerzhaft, oft auch ungerecht (sie wird dem Betroffenen nicht gerecht, jedenfalls nicht seinem Selbstbild). Ironie kann Tränen erzeugen, Ironie tut weh.  Aber Ironie kann auch heilen von Illusionen, von Wahn, von falschen Welt- und Selbstbildern. Der Ironiker ist ein hervorragender Enttäuscher. Er nimmt den anderen oder dessen Eigenart auf die Schippe. Im günstigen Fall nimmt sich der Ironiker selbst auf die Schippe, schafft Distanz zu eigenen Vorstellungen und bringt damit eine gewisse Leichtigkeit ins Spiel, die es dem Leser meist angenehm macht, ihm zu folgen. Ironie muss geübt sein, sie ist ein schwieriges Pflaster.

Ganz anders der Zynismus. Der Gegenstand des Zynismus ist nicht die aufgeblasene Schönheit, sondern der schon verwelkte Strauß. Der Ironiker legt die Wunde frei, die so schön verborgen, der Zyniker bohrt in dieser Wunde genüsslich herum. Der Ironiker bringt Leute zu Fall, der Zyniker aber trampelt danach noch auf ihnen herum.

Der Zyniker kann auch auf seiner eigenen Seele herumtrampeln. Der zynische Schreiber ironisiert einen Zustand, der ohnehin schon schlecht ist und keiner Ironisierung mehr bedarf.

Es gibt freilich einen Übergang von Ironie zum Zynismus. Wenn Dieter Bohlen, den ich nicht leiden kann, seinen Kandidaten abkanzelt, muss er im richtigen Moment aufhören. Wenn der Kandidat am Boden liegt und Bohlen witzelt weiter, kippt die Situation von der Ironie in den Zynismus. Deshalb finde ich Ironie auch so schwer: wo höre ich auf, wenn ich erst einmal angefangen habe?

Zynismus, als gekippte Ironie, ist eine Unhaltung. Zynismus sollte es nicht geben. Wir sollten uns gegenseitig darauf aufmerksam machen. Zynismus ist nicht weit weg vom Hass, vielleicht noch die softere Variante.

 IV
Ich mag Franks Gedicht. Weil es eine Idee hat und weil sich das im weiteren Sinne „Ungereimte“ gut auflösen lässt. Die Botschaft steckt ja drin im Text, sie ist nur verschüttet. Es gibt sicher mehrere Zugänge, um die Botschaft freizulegen und damit für den Leser transparent zu machen. Mein Zugang wäre der über das Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun. Es ist nur ein Denkmodell, aber es hat mir schon oft geholfen, verknotete Situationen aufzudröseln. Nach diesem Modell stecken in allem, was wir sagen, mindestens vier verschiedene Ebenen: die Ich-Botschaft (Selbstoffenbarung), die Du-Botschaft (Appell), die Sachebene (Bericht) und die Beziehungsebene (Haltung).

 Ich könnte mir vorstellen, dass der Text gewinnt, wenn er versucht, sich den Ebenen separat zu nähern, es vielleicht sogar bei einer einzigen Ebene belässt. Zum Beispiel könnte der Text in der Ich-Form erzählen: wie hat der Autor das Erlebe erlebt, was sind seine tatsächlichen (ursprünglichen) Gefühle? Der Text könnte aber auch auf der Sachebene bleiben: was ist da eigentlich los in der Gesellschaft, im Arbeitsalltag, im Familienleben? Vielleicht würde aus dem Gedicht ein Prosatext werden: ein kritischer Bericht oder ein Essay oder eine Geschichte mit fiktionalen Elementen, die dem Erzähler ja immer eine große Freiheit schenkt! Die Übersicht von Gerhard listet ja viele, ganz interessante Möglichkeiten auf. Vielleicht gerät der Text aber auch auf die Appell-Ebene (Du-Botschaften): das ist nicht so gern gesehen, weil von Moralsprüchen alle die Nase voll haben, aber warum sollte man ein modernes Agit-Prop-Stück nicht versuchen? Hat nicht auch Gerhard „Agitation“ als legitimes „Wozu“ des Sprechens gekennzeichnet? Oder man schreibt den Text weiter, über die Klammer „Wie geht’s dir….und dir“ hinaus. Das lyrische Ich kann weiter fragen und in diesen Fragen Du-Botschaften transportieren. Natürlich könnte auch das „lyrische Du“ antworten. Manchmal werden gute Texte mit der Zeit auch länger. Schließlich, als vierte Ebene, die Beziehungsebene. Sie fällt mir immer am schwersten, weil sie am meisten beinhaltet. Ja, ich finde Beziehungsebenen in der Regel richtig anstrengend, obwohl ich ihrer selbst sehr bedarf. Aber vielleicht entsteht so eine Ebene von selbst, wenn man die anderen für sich untersucht? Eine transparente (nachvollziehbare) Haltung zu etwas finden ist etwas Großartiges, was einem nicht jeden Tag passiert. Eine Meinung hat jeder, aber eine Haltung ist ja mehr. Sie beinhaltet ja auch die Sicht des Gegenübers, sie hat auch mit Perspektivwechsel zu tun.

 V
Meinen missglückten Text „Frühstück zu dritt“ habe ich später zu dem Text „Wir waren dreißig“ umgearbeitet. Ich habe die Geschichte in drei Varianten aufgedröselt: wie hätte sich die Geschichte im Fall a, b oder c entwickelt? Aus Gründen der Praktikabilität (Lars und ich wollten den Text in einer Lesung bringen) habe ich die drei Varianten wieder auf zwei gekürzt. Das „Es ist zu spät“ habe ich drin gelassen, aber sparsamer und ich habe den Satz verlängert, versucht zu erklären, warum es zu spät ist oder zu sagen, dass es zumindest für diese Stunde zu spät war. Das ist nicht so planvoll geschehen, wie es hier aussieht. Es ist mir passiert, ich hatte es nicht im Griff.

In Bad Sonnenland war es jedenfalls nicht zu spät für eine mitter­nächtliche, konzentrierte Textarbeit. Die Runde sprach von „Mani­pulation“, mein Stichwort war dagegen „Verantwortung“. Das musste schief gehen. Die Medien manipulieren und dann sagt da einer aus der Gilde, er würde eher von Verantwortung reden! Ja, das war zynisch, auch wenn es nicht so gemeint war. Aber ich war auf einen Begriff aufgesprungen, der nicht gut tat, weil er die Komplexität des Vorganges nicht erfasst und im Grunde nur die blanke Zustimmung erlaubt.

Vielleicht finden sich andere Begriffe, andere Worte, vielleicht sogar poetische? Gern verbünde ich mich mit dem Autoren in seinem Anliegen. Lass uns Lösungen suchen und finden.

Andreas Schrock


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