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Christian Rempel: Zum Teufel gejagt

Zum Teufel gejagt Ich stelle mir gerade vor, wie wohl unsere Eltern und Erzieher die Pflichtlektüre von Anton Semjonowitsch Makarenko „Der Weg ins Leben“ reflektiert haben mögen, denn in der jungen Sowjetunion hat man ihn damit schlicht zum Teufel gejagt und wenige Jahrzehnte später war er der größte sowjetische Pädagoge, um nun wieder vergessen zu sein. Er hatte sich der Erziehung von Schwererziehbaren gewidmet und sagt selbst, dass diese Erziehung im Grunde einfacher ist als die Erziehung von normalen Kindern, die in einem normalen Umfeld aufwachsen. ... . ▶ Hinweis: Dies ist eine Vorschau. Um diesen Artikel zu öffnen, bitte in die türkisfarbene Überschrift oder auf das Wort “Weiterlesen” klicken. ▶ Note: This is a preview. Please click in the turquoise-colored heading, to open the article.

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Ich stelle mir gerade vor, wie wohl unsere Eltern und Erzieher die Pflichtlektüre von Anton Semjonowitsch Makarenko „Der Weg ins Leben“ reflektiert haben mögen, denn in der jungen Sowjetunion hat man ihn damit schlicht zum Teufel gejagt und wenige Jahrzehnte später war er der größte sowjetische Pädagoge, um nun wieder vergessen zu sein. Er hatte sich der Erziehung von Schwererziehbaren gewidmet und sagt selbst, dass diese Erziehung im Grunde einfacher ist als die Erziehung von normalen Kindern, die in einem normalen Umfeld aufwachsen. Trotzdem muss er wohl nach dreizehn Jahren solcher erzieherischer Tätigkeit und dem Kampf gegen die Institutionen völlig ausgebrannt gewesen sein, so dass er sich nurmehr der literarischen Aufarbeitung seiner Tätigkeit widmete und schon im Alter von 51 Jahren verstarb.
Die überwiegend weiblichen Exponenten der sowjetischen Erziehung hatten damals erstaunlicherweise schon die gleichen Ideale, wie sie heute en vogue sind. Ihnen stand eine Schar von Theoretikern zur Seite, die ebenfalls lieber mit dem Papier raschelten und in ihren Reden kompromisslos auf Makarenko einhackten. So ist er in der offiziellen Welt ein Einsamer, ein Geschasster geblieben und hatte auch nie eine eigene Familie, nicht mal eine Frau, noch verzeichnet er, dass er jemals in eine Frau verliebt gewesen wäre. Man könne die kindliche Erziehung nicht auf Pflichten aufbauen, die Pflicht sei ein bürgerliches Relikt. Das Kind soll sich frei entfalten und Initiative bestünde darin, dass man sich nach Lenin geordnet zurückzieht und streng Disziplin hält.
Makarenko zieht hingegen ein System kollektiver Kinderarbeit auf, die den Straßenkindern mit den frühreifen Erfahrungen eines mehr oder minder kriminellen Lebens, genau diese in den Mittelpunkt gestellte Arbeit entgegensetzt. Die Zöglinge sind paramilitärisch in Abteilungen eingeteilt und rücken unter Führung eines Kommandeurs zur täglichen Arbeit aus. Die Belange sind weitgehend an einen Rat der Kommandeure delegiert und die Erzieher spielen eigentlich eine untergeordnete Rolle. Fanfarensignale blasen zum Sammeln der Kommandeure oder aller Zöglinge und wenn sie mal einen Ausflug machen, dann ziehen sie mit klingendem Spiel in Sechserreihen im Gleichschritt durch die Straßen. Wir Älteren haben die Verwirklichung dieser Ideen am eigenen Leib erfahren, denn genauso waren bei uns Pionierorganisation und die Freie Deutsche Jugend organisiert. Vielleicht nicht ganz so militärisch und uniformiert, aber genau diese Ideen lagen der offiziellen Kindererziehung und ihrem Erscheinungsbild in der DDR dann auch zugrunde. Das war aber auch gewissermaßen eine Entdeckung dieser Zeit, die ja auch im faschistischen Deutschland ihren Platz hatte. Die damaligen Pädagogen wollten nicht einmal den Begriff der Ehre gelten lassen. Das sei auch ein Relikt aus einer militanten Vergangenheit. Auch einen Wettbewerb oder gar materielle Anerkennungen sollte es keinesfalls geben.
Das alles steht heute auf dem Prüfstand, und die Mängel, an denen wir heute zu leiden haben, wurden in Marburg schon vor 50 Jahren entdeckt und man beschäftigte sich intensiv mit Makarenkos Werk, das damals schon 30 Jahre zurücklag. Dem Totlaufen der Rituale ist Makarenko auf interessante Weise entgangen, indem er sich immer wieder neuen Aufgaben stellte. Erst verließ er mit seinen Zöglingen das zugewiesene Anwesen um ein verlassenes Gut in der Nähe in Besitz zu nehmen, das Gut Treppke, und als dies auch auf Vordermann gebracht war, hielt er Ausschau nach einem neuen Betätigungsfeld, das er mit seiner Gorki Kolonie und dem gesamten Inventar dann in Kurjash findet, wo neben seinen 120 Zöglingen noch weitere 280, verwahrloste, warten. Nach kurzer Zeit entsteht dort in der Nähe die Dsershinskij Kommune, die er dann weitere sieben Jahre leitet. Wir aber haben erlebt, wie sich die Rituale totlaufen konnten, wie dann zum 40. Jahrestag der DDR kaum noch jemand davon auch nur Notiz zu nehmen bereit war. In der Dsershinskij Kommune erlebt dann Makarenko auch zum ersten Mal ein Kollektiv Erwachsener, das ihm bis dahin immer nur als Erziehungsziel vorgeschwebt hatte, aber dieser Kommune ist ein anderes Buch gewidmet.
Die Ehre militärischen Gepflogenheiten zuzuordnen, damit lagen die Kritiker gar nicht so falsch, nur ist eben die Frage, ob das Militärische wirklich so etwas Verabscheuungswürdiges ist, weil es ja dazu erdacht wurde, es einem mit der Disziplin leichter zu machen. Es ist eben leichter sich einem Befehl unterzuordnen, als den eigenen Schweinehund aus einer reinen Nabelschau zu besiegen. Ob nun Arbeit dem Kinde und Jugendlichen angemessen ist, oder man sie lieber sich selbst überlässt und darauf wartet, dass sie Fleiß und Ausdauer von selbst entwickeln, ist eine weitere Frage, die wir heute nicht mehr schlüssig beantworten können. Was aber das Kollektive anbelangt, so beobachten wir noch heute, dass sich Kinder recht gern in Gruppen aufhalten. Die Jugendlichen bevorzugen dann heutzutage schon eher die elektronische Kommunikation, aber noch zu meinen Zeiten war es recht angenehm, gemeinsam herumzuhängen, wie man so sagt. Die gemeinsame Arbeit gehört nun leider der Vergangenheit an, weil keine Kartoffeln mehr zu lesen oder Meliorationsgräben mehr auszuheben sind.
Auf unserem Verlustkonto steht also die Ehre, wir können uns nicht mehr rühmen irgendwer zu sein, das Militärische, es ist einfach nicht mehr notwendig seine Disziplin durch Befehl zu stärken, das Kollektive, wir brauchen uns nicht mehr um die Mitmenschen zu scheren, und die Arbeit, denn das tägliche Brot fällt uns zu bzw. wird uns verordnet. Woraus dann aber noch den Lebenssinn ziehen? Vielleicht aus der Familie, die wir bald ausgesaugt haben, vielleicht aus der Notwendigkeit, doch noch ein bisschen was dazu zu verdienen. Vielleicht dadurch, dass wir den Makarenko noch lesen, der nun seit 25 Jahren zu den Akten gelegt ist, oder aus der Betrachtung des Mondes. Jeder, wie es ihm gefällt.

C.R. 11.4.2015

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Christian Rempel: Rezension zum Roman “Léon und Louise” von Alex Capus

Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V., bei unseren beiden letzten Treffen zu “Lesen und Schreiben” im Juni und auch im Juli wurde unter anderem über den Roman “Léon und Louise” von Alex Capus gesprochen, den Gerhard wärmstens empfahl. Und damit auch weitere Fürsprecher dieses Werkes auf den Plan rief. Christian hat nicht lange gezögert und sich dem Buch umgehend gewidmet. An seinen Gedanken läßt er uns teilhaben. Unter Kolumne KW24 “Französischer Exkurs” auf seiner Website Gedichtladen Waltersdorf könnt ihr in die Materie einsteigen, falls eurer Interesse geweckt wurde. Liane Fehler Onlineredaktion

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Liebe Eitle Künstler und Freunde des Eitel Kunst e.V.,

bei unseren beiden letzten Treffen zu “Lesen und Schreiben” im Juni und auch im Juli wurden unter anderem über den Roman “Léon und Louise” von Alex Capus gesprochen, den Gerhard wärmstens empfohlen und damit auch weitere Fürsprecher dieses Werkes auf den Plan gerufen hatte. Christian hat nicht lange gezögert und sich dem Buch umgehend gewidmet. An seinen Gedanken lässt er uns teilhaben. Unter Kolumne KW24 “Französischer Exkurs” auf seiner Website Gedichtladen Waltersdorf könnt ihr in die Materie einsteigen, falls eurer Interesse geweckt wurde.

Liane Fehler Onlineredaktion

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Christian Rempels: Literaturempfehlung Alter Schwede

Beide haben wir dieses Buch, womöglich im ehelichen Bett, von den Ehefrauen herüberge­reicht bekommen und für mich ist es die dritte Begegnung mit dem Schwedischen nachdem ich eine Zeitlang August Strindbergs "Am offenen Meer" für das Beste hielt, was mir je empfohlen wurde, Henning Mankell auch nicht schlecht fand und jetzt eben Jonas Jonasson "Der Hundert­jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand", das Du vorhin bei unserem eher zufälligen Telefonat als genial bezeichnet hast.

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Beide haben wir dieses Buch, womöglich im ehelichen Bett, von den Ehefrauen herüberge­reicht bekommen und für mich ist es die dritte Begegnung mit dem Schwedischen nachdem ich eine Zeitlang August Strindbergs „Am offenen Meer“ für das Beste hielt, was mir je empfohlen wurde, Henning Mankell auch nicht schlecht fand und jetzt eben Jonas Jonasson „Der Hundert­jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, das Du vorhin bei unserem eher zufälligen Telefonat als genial bezeichnet hast.

Die Schweden habe ich in meinem damaligen Aufsatz schon ausreichend gewürdigt, wie sie als kleine Nation Erstaunliches hervorbrachten. Nun auch diesen Journalisten, der sich wohl recht und schlecht mit einer Medienconsultingfirma zwanzig Jahre durchgeschlagen hatte und dann mal eben einen Weltbestseller schrieb. Bei Bestsellern ist ja berechtigte Skepsis geboten, denn was die Masse gut findet, ist doch meistens schlecht, aber hier hat die Masse Geschmack bewie­sen, auch wenn sie sicher nur die Hälfte versteht von dem, was Jonasson da zusammengepuzzelt hat.

Nachdem die Schweden so etwa mit dem Dreißigjährigen Krieg der Wikingertradition der brutalen Kriegszüge abgeschworen hatten und sich sowohl technischen Entwicklungen als auch der Psychologie der Partnerbeziehungen unter dem Stern des Individualismus zugewandt hatten, von denen Ibsen, Strindberg und nun auch Mankell zehrten bzw. zehren, wobei letzterer noch die Komponente der Kriminalität entdeckte, melden sie sich mit Jonasson auf der Weltbühne zurück, auf der doch gerade die Versatzstücke der Ideologien gegeben worden waren, die Millionen ins Unglück gestürzt hatten. Diese Weltbühne, geschuldet der Überfütterung mit politischen Details, ist eben eine politische Weltbühne, aber die Genialität des besprochen Romans besteht gerade darin, dass ebendieser Politik eine Absage erteilt wird, auch wenn sie gleichwohl die Bezugsebe­ne bildet, dessen, was wir im Unterricht der modernen Geschichte gelernt haben. Mit diesem Material springt der Autor so um, dass weniger Gründliche jetzt der Meinung sein werden, dass Einstein einen unehelichen Bruder hatte und dass ein umtriebiger Schwede so ungefähr allen Staatsmännern begegnet sei, die die letzten hundert Jahre aufzuweisen hatten.

Dass es mit der Politik zuende gegangen sein könnte, ahnt jeder, der die Wende erlebt hat und die letzten zwanzig Jahre verfolgte oder aber zu der Erkenntnis gelangte, indem er die Politik mehr oder weniger ignoriert hat. Die Alternative, die Jonasson aufmacht, das Leben mit Freunden, Frauchen und dem Bruder Alkohol bringt eine Grundauffassung zum Ausdruck, die tiefer verwurzelt ist als der Wikinger Kriegsgelüste, nämlich dass man es sich gutgehen lassen sollte und ein wenig Selbstzerstörung durch Bruder Alkohol auch nicht schaden kann, denn man will ja, auch wenn man nicht mehr an ein Jenseits glaubt, nicht ewig leben. Dass dieses Leben jenseits von Welterlösung vielleicht ein bisschen dürftig ausfällt und kräftig mit Phantasie zu befeuern ist, ist vielleicht gerade die schwache Seite des Buches, aber doch immerhin ein Anfang von etwas Neuem und wie wollte man mehr verlangen.

Das Apolitische, dass sich darin äußert, dass der hundertjährige Held Allan Karlsson regelmäßig die Ohren zuklappt, wenn ihm jemand etwas von dieser Sorte nahebringen möchte, hat sich Karlsson nicht erst wie andere gewesene Revolutionäre nach entsprechender Lebenszeit zugelegt, sondern gleich als Jugendlicher verinnerlicht, als nämlich sein Vater, der bekennender Sozialist war, nach Russland aufbrach, um die Revolution zu unterstützen und dem dann die Liebe zum Zaren dämmerte, was ihm zu einem ungünstigen Zeitpunkt passierte und ihm daher das Leben kostete. Wie da über den Charismatiker Lenin gesprochen wurde, wollte mir erst gar nicht gefallen. Man kann das Buch auch gut und gerne als antikommunistisch einstufen, was sicher zu einem Gutteil des Welterfolgs beitrug und auf den Olymp der Bestsellerlisten hob. Erinnert man sich aber, dass eigentlich dem Politischen insgesamt eine Absage erteilt wird, wie einem bei weiterer Lektüre klar wird, dann bietet es eben auch eine Alternative an, auch wenn diese zunächst im Faulenzen und Saufen besteht.

Dass die Deutschen die Rassenhetze und Zwangssterilisationen als Mittel zur Bekämpfung schädlicher Elemente nicht gepachtet hatten, wird aus der Anwendung solcher Praktiken in Schweden an dem mittlerweile hundertjährig Gewordenen ebenso deutlich wie an den Plänen der Briten mit der gesamten deutschen Bevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg so zu verfahren. Überhaupt scheint sich der schwedische Patriotismus darauf zu beschränken, dass man möglichst zurückgezogen in einem Häuschen wohnt mit möglichst einigen geliebten Haustieren. Die Gemeinschaft, die sich im Laufe des Romans aus derart Lebenssatten bildet, wird dann noch überführt in das, was wir früher als Menschengemeinschaft vage angepeilt hatten und was zu einem realeren Teil erreicht war als in Jonassons Vision, die ein wenig kapriziös ist und eigent­lich auch nur mit einer Menge Geld auskommt.

Im Vordergrund des Romans spielt sich ein entschuldbarer Krimi ab mit allen Unterweltak­tivitäten, die das am wenigsten korrupte Land der Welt zu bieten hat, abgesehen vielleicht vom Sex. Existenzen, die hierzulande nicht mehr möglich sind, wo man von der Wilderei in einer verlassenen Bahnstation mitten im Wald oder einer fehlplatzierten Imbissbude oder zum Besten eines zugelaufenen Elefanten leben kann, werden ausgebreitet, wobei sich alles an einem mittels Drogenhandels gefüllten Geldkoffers, den der aus dem Fenster des Altersheims gestiegene Jubilar mehr oder weniger zufällig an sich bringen konnte, entspinnt.

Parallel dazu erfahren wir das chronologisch entwickelte Leben des Allan Karlsson, das ihn um die ganze Welt getrieben hat, wobei der erschwerende Umstand ins Gewicht fällt, dass Schweden in seiner frühentdeckten Friedensliebe ja auch keine Kolonialmacht war, man es also überall mit fremden Mächten zu tun hat, von denen die kommunistische Bewegung nicht die Unbedeutendste war, sondern fast der Aufhänger schlechthin. Karlsson begegnet auf dieser Reise abwechselnd unbedeutenden und sehr bedeutenden Menschen, die er aber alle über einen Leisten schlägt und nach Sympathie und Trinkfestigkeit, was fast das Gleiche ist, bewertet. Er selbst ist ja auf jeden Fall sympathisch, ein Schwede eben, der nicht unnötig lamentiert – ein Wikinger eben – der sich auch nicht unnötig den Kopf zerbricht, wenn man dem Kommenden gemütlich zuwarten kann, und der etwas von Sprengstoff versteht, der wohl spektakulärsten der schwedischen Entdeckungen (siehe Nobelpreis). Abstinenz als den Inbegriff der unguten Lebensweise erträgt er höchstens mal fünf Jahre im Gulag, wofür der schwedische Superman, ganz ohne unnötige Rachegedanken, mal eben eine ganze Stadt ausradiert. Dabei befolgt er die Maßgabe, dass die sinnreiche Erfindung von Explosionsstoffen möglichst gegen Sachen wie Brücken, die man doch mit ein wenig Schweiß immer wiederherstellen kann, eingesetzt wird und möglichst nicht gegen Menschen, auch wenn es gerade mal den General Franco getroffen hätte, der sich als erster Prominenter im näheren Umgang als passabel erweist wie auch wenig später der Kommunistenjäger Truman, der dicke Churchill und andere, die allesamt besser wegkommen als ihre kommunistischen Antipoden, die er auch alle „trifft“, als einem schon klar ist, dass das Ganze ja ein „Schelmenroman erster Güte“ ist, wie der Spiegel nach dieser Werkschau herausfand.

Das ist also eine grandiose Fiktion und man weiß wieder mal nicht, was man davon seiner Bildung zuschlagen kann oder wo man dem Einfallsreichtum Jonassons auf den Leim ging. Wie der Krimi im Vordergrund des Romans, ist das aber so gut gemacht, dass man nicht bereut, dass man aus der Geschichte kaum etwas dazulernt, sondern prächtig (ein Lob an die Übersetzung) unterhalten ist. Auch wenn im Detail einiges nicht stimmt und das Ganze eine Lachnummer ist, sind die Fakten so kunstreich arrangiert und im Wesentlichen ja dennoch verbürgt, dass es kein Fehler sein kann, dem Autor seine Genialität zu bescheinigen und die Mühe zu würdigen, die dieses Buch gemacht haben muss, dass alles so wunderbar zusammenpasst. Wo es andere gerade mal zu einem Actionverwirrspiel bringen und einen grandiosen Showdown zusammenzimmern, machen uns die friedliebenden Schweden vor, dass man auch ohne Völkermord und folgender jahrzehntelanger Agonie etwas zu sagen haben kann in der Literatur.

Den Rechercheaufwand, den der gewesene Medienconsultingmann getrieben haben muss, ist, trotz der Griffe in die Trickkiste, die er meisterhaft beherrscht, immens. Die lebensphilosophische Bedeutung ist es aber auch. Jetzt soll er an seinem zweiten Buch arbeiten und man darf gespannt sein, ob sich der 52-jährige noch zu weiteren Höhen aufschwingen kann.

C.R. 18.7.2013

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Gerhard Jaeger: Von den Flügeln, dem Fliegen, dem Tanz und dem Mond – Rezension zu Gedichten von Liane Fehler

Es macht Spaß die Gedichte und Texte von Liane Fehler zu lesen. Die vorliegende Auswahl ihrer Arbeiten umfasst 35 Texte. Schon vorweg lässt sich sagen, hier schreibt eine junge Frau, zu deren Handwerk und Ausdruckskraft eine oft humorvolle Poetik in lyrischen Bildern gehört. Dabei greift sie auf originelle Weise auch auf eine Metaphorik aus dem Türkisch- Orientalen zurück, verwendet geschickt mythologische Begriffe. So beispielsweise im Gedicht “Auferstehung klemmt“, in dem Phönix, Goliath und die Meduse auftauchen. Da gibt es das Gedicht mit dem Titel “Arabeske“ in dem gesagt wird: Arabeske heißt mein wildes Pferd es trug mich im Teufelsritt durch den Frühling in den Sommer bis zu dieser Nacht gelange durch die Gärten „de Aranjuez“ auf die Mondsichel weiches Licht fließt auch auf die allein träumenden über die traurigen, großen Kinder die erwachsen tun ….. Auf schwebt ein Aroma des Fremdseins, des Märchenhaften. Man ist unterschwellig an Geschichten aus 1000&1 Nacht oder an den Zauber der Alhambra erinnert. Sicher kommt der Autorin beim Aufspüren solcher Szenen zu Gute, dass sie sich im Vorfeld mit dem Nachdichten von Lyrik und Liedern dichtender Sängerinnen aus dem Gebiet des vorderen Orients –( eine Reise durch 300 Jahre), befasst hat. Asche und Sand…Phönix…nehm ich die Flügel…schweb für Momente…Flügelschuh…alle Gedanken fliegen auf…als Gestirne die eigene Bahn ziehen…ich schwebe für Momente…Die Kette der Zitate aus unterschiedlichen Zeilen und Gedichten von Liane Fehler ließe sich mühelos weiter führen. Flügel und fliegen, ...

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Es macht Spaß die Gedichte und Texte von Liane Fehler zu lesen. Die vorliegende Auswahl ihrer Arbeiten umfasst 35 Texte. Schon vorweg lässt sich sagen, hier schreibt eine junge Frau, zu deren Handwerk und Ausdruckskraft eine oft humorvolle Poetik in lyrischen Bildern  gehört.

Dabei greift sie auf originelle Weise auch auf eine Metaphorik aus dem Türkisch- Orientalen zurück, verwendet geschickt mythologische Begriffe. So beispielsweise im Gedicht “Auferstehung klemmt“, in dem Phönix, Goliath und die Meduse auftauchen. Da gibt es das Gedicht mit dem Titel “Arabeske“ in dem gesagt wird:

 

Arabeske

heißt mein wildes Pferd

es trug mich im Teufelsritt

durch den Frühling

in den Sommer

bis zu dieser Nacht

gelange durch die Gärten

„de Aranjuez“

auf die Mondsichel

weiches Licht fließt

auch auf die

allein träumenden

über die traurigen, großen Kinder

die erwachsen tun …..

 

Auf schwebt ein Aroma des Fremdseins, des Märchenhaften. Man ist unterschwellig an Geschichten aus 1000&1 Nacht oder an den Zauber der Alhambra erinnert. Sicher kommt der Autorin beim Aufspüren solcher Szenen zu Gute, dass sie sich im Vorfeld mit dem Nachdichten von Lyrik und Liedern dichtender Sängerinnen aus dem Gebiet des vorderen Orients –( eine Reise durch 300 Jahre), befasst hat.

Asche und Sand…Phönix…nehm ich die Flügel…schweb für Momente…Flügelschuh…alle Gedanken fliegen auf…als Gestirne die eigene Bahn ziehen…ich schwebe für Momente…Die Kette der Zitate aus unterschiedlichen Zeilen und Gedichten von Liane Fehler ließe sich mühelos weiter führe. Flügel und fliegen, haben wir eventuell auch solche Wünsche?

Vielleicht ist es das, was einem beim Lesen erreicht, vielleicht aber auch die Rhythmik einiger ihrer Texte. Gut, in den Nachdichtungen jener Sängerinnen des Orients erklang zwangsläufig melodisches. Das ist erfasst worden und ins eigene Dichten integriert. Aufgefallen sind mir die liedhaften Gedichte, Viva la Vita, Minuten rieseln, Dideldum und der Schattenengel. Ja, “SCHATTENENGEL“ (flügellahm flügelschwer) müssen sich erheben. Schattenengel fliegen.

Liedhaftigkeit und Sprachphantasie haften dem Text an. Vielleicht ist das Wort: SCHATTENENGEL nicht neu, hier aber ist es eine Herausforderung, die vielfach aufgreifbar ist. Liane Fehler ist wählerisch, wenn es um die Wahl der Worte geht. Es fallen ihr schlicht –schöne Dinge ein: Novemberherz,  kaltblau, nachtblau, das Orakel der Welt, sattle den Frosch….

 …sattle den Frosch, dieses Gedicht verdient hervorgehoben zu werden.

 

Sattle den Frosch

 

hab meine Erwartungen

verfüttert am Teich

werfe auch

die nicht gesagten Worte

hinterher

 

Tränenblick

presst die Ohnmacht

aus dem Körper

 

suche ein Vehikel

für mein ICH

will fort

sattle den Frosch

und hüpfe

von dannen

 

Tränenblick, Ohnmacht, verfütterte Erwartungen, ach welch Seelenschmerz, dann aber eine so selbstironische Wendung, liebenswerte Bescheidenheit und humorvolle Abkehr. An dieser Stelle ist alles gesagt.

 

Man findet bei der Autorin interessante Ansätze im Spiel mit Inhalt und Form. Im Text Ellipse geht das gut. Die Textsammlung lässt einen Reifeprozess erkennen. Wenn anfänglich Textschwächen auffallen, so verblassen diese in den neueren Gedichten.

Was nun macht diese Textschwächen aus? Texte wie Phönix oder Seebrücke Lubmin könnten auch Kurzprosa sein. Ein prosaischer Satzbau ist den Strophen nicht sonderlich dienlich. Fragwürdig erscheinen mir auch jene Texte, in denen Liane Fehler binsenweise Sinnsprüche und Lebensweisheiten einbaut. Im Tanz auf dem Grab heißt es: Gebet um Erlösung und Kraft/ zum Weiterleben. Ähnlich verrieselt das End des Textes Seebrücke Lubmin: …ich danke der Kraft, die dies erschaffen hat. Da wird das Bild verlassen und kommentiert.  Schade, denn in den Anfängen dieser Texte war Bildhaftes und Licht. Auch das Gedicht Orakel der Welt leidet an dem Misstrauen der zuvor geschaffenen Bildhaftigkeit. Mich stören denn auch solche Zeilen…Momente lang den Sinn sehen…ja welchen denn? Eine nebulöse Floskel über die man stolpert, so wie man einem schönen Menschen nicht verfällt, wenn man nicht mehr über sein Aussehen erfährt als: schön.

Aber Liane Fehlers Texte sind durchweg ehrlich, schlicht und immer ums Hoffen bemüht. Verwundert es da, dass sich dem Fliegen das Tänzchen zugesellt?

Wir tanzen in Texten: Tanz auf dem Grab, Viva la Vita, Novemberherz und oft steigt auch der Mond aus den Zeilen der Autorin. Sinnbildhaftes das genauso den Kosmos  herruft. Das Grosse, welches über uns sein könnte oder ist, wird besungen, oder angerufen. Stilistische Schwachpunkte einiger Gedichte werden manchmal vom Thematischen überrumpelt. Sinnlichkeit wird in vielen Strophen konkret und es sei mir gestattet dem Ende zu aus zu atmen mit dem Text von Liane Fehler:

 

Ausatmen

 

will diese Liebe

rausschreien

ausatmen

dass der Wind sie trägt

der sie mir brachte

und der Mond

sein Komplize

scheinheilig

leuchtet er wieder

und lacht

 

…lacht manchmal auch aus Spaß am Lesen, am Lesen solcher Gedichte. Mal sehen, was Liane Fehler noch dichten wird darauf freuen darf man sich sicher.

Gerhard Jaeger
Im August 2013

 

 

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