Tag Archives: * Auswahl 3 Texte von Christian Rempel Betrachtungen und Rezensionen – Mittelweg uzun

Christian Rempel: Mittelweg

Mittelweg In Minusgraden bist Du mächtig Dein Schweigen ist mir hochverdächtig Mein Brennglas schmilzt Dich, schau nur an es gibt auch etwas, das ich kann hast mir die grüne Flur verödet Winter hat an sich was 'blödet' Doch ich hab Sonne, fang sie ein soll konzentriert im Fokus sein hat gleich fünftausendundeinhalb Grad wie sie die Sonne selber hat das ist nun heißer, als mir lieb und wieder nichts zu blühen blieb Drum finde man ein Mittelmaß denn nur Extreme: ist kein Spaß C.R. 28.12.2014

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Mittelweg

In Minusgraden bist Du mächtig
Dein Schweigen ist mir hochverdächtig
Mein Brennglas schmilzt Dich, schau nur an
es gibt auch etwas, das ich kann
hast mir die grüne Flur verödet
Winter hat an sich was ‚blödet‘

Doch ich hab Sonne, fang sie ein
soll konzentriert im Fokus sein
hat gleich fünftausendundeinhalb Grad
wie sie die Sonne selber hat
das ist nun heißer, als mir lieb
und wieder nichts zu blühen blieb

Drum finde man ein Mittelmaß
denn nur Extreme: ist kein Spaß

C.R. 28.12.2014

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Chronik 2012 – Christian Rempel: Dichterseminar erinnert

14 UnDichter trafen sich 2012 zu einem Seminar auf dem Campingplatz "Sonnenland" nahe Moritzburg und die meisten waren eigens aus Berlin angereist. Der Tagungsort war ein Bungalow, in dem die meisten auch wohn­ten, während es einige vorzogen zu zelten. Das Vorbereitungskomitee, bestehend aus den drei Dresdner Mitgliedern des Vereins, hatte einen Plan an die Wand geheftet und sich dankenswerter Weise um die ganze Organisation gekümmert. Der Plan erwies sich allerdings bald als Makulatur, weil die völlige Abwesenheit eines Kollektivzwangs sich als Freibrief für beliebiges Kommen und Gehen erwies.

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14 UnDichter trafen sich 2012 zu einem Seminar auf dem Campingplatz „Sonnenland“ nahe Moritzburg und die meisten waren eigens aus Berlin angereist. Der Tagungsort war ein Bungalow, in dem die meisten auch wohn­ten, während es einige vorzogen zu zelten.

Das Vorbereitungskomitee, bestehend aus den drei Dresdner Mitgliedern des Vereins, hatte einen Plan an die Wand geheftet und sich dankenswerter Weise um die ganze Organisation gekümmert. Der Plan erwies sich allerdings bald als Makulatur, weil die völlige Abwesenheit eines Kollektivzwangs sich als Freibrief für beliebiges Kommen und Gehen erwies.

So wurden die Tagesstunden mehr oder minder vertan und erst abends wurden die Faulen fleißig und diskutierten die Texte, die zu einem Gutteil schon veröffentlicht waren im sog. GeWa, dem Publikationsorgan der Undichter.

Um der Theorie Genüge zu tun, hatte Ger­hard einen Vortrag zum allgegenwärtigen Thema Sprache ausgearbeitet, in dem man sich vielleicht mehr Sprachbeispiele ge­wünscht hätte, weil man sonst Gefahr läuft, das über das Theoretisieren eigentlich nichts hängen bleibt.

An meinem Beitrag über Adaptionen ent­brannte eine heiße Diskussion über das, was man in die Werke anderer hineinlesen kann. Man hat aber gar nicht das Gefühl, dass sie eine Anregung zum eigentlichen Thema gewesen wäre, weil man wenig geneigt ist, mir in solchen Anre­gun­gen zu folgen.

Eine Geschichte von bestrickender Schlicht­heit hatte Sibyll auf Lager, deren katastro­phales Ende aber ein bisschen im Dunkeln blieb. Frank S. hatte seine Lebensgeschichte weiterentwickelt, so dass darin schon das Potenzial eines Romans erahnt wird und er Beifall erhielt.

Liane hatte die Produktion einer kleinen CD vorzuweisen, die in ihren Sprachmelodien so schön ist, dass einem der Sinn gar nicht danach steht, diesen kompakten Genuss durch eventuelle Geräusche oder Musik zu unterbrechen. Dennoch ging ein Vorschlag in genau diese Richtung.

Es wurden gleich Pläne geschmiedet, ob man etwas ähnliches nicht vom ganzen Verein statt einer erneuten Anthologie produzieren könnte, aber die Vielfalt der Stimmen, die sonst so bereichert, könnte einem solchen Vorhaben im Wege stehen, weil dann die dynamische Harmonie, die das Ein-Mann-und-eine­-Frau-Werk von Liane auszeichnet, nicht mehr gegeben wäre.

Als letzten Beitrag habe ich die Eindrücke aus einem Buch über Janusz Korczak vorgetra­gen, die sich kritikwürdiger Weise gleich um zwei Themen drehten: Die Rolle der Kollektivität und der Lebensenergie in der Erziehung, denn Korczak war nun mal Pädagoge, und die Rolle des Wahnsinns für die Gesellschaft.

Man wollte die Diskussion auf ein Minimum beschränken und konnte so auch nicht bei der Frage anlangen, ob denn nun auch die UnDichter ein Kollektiv sind, das dann freilich den Nachteil hätte, dass eben keinerlei Dis­ziplin herrscht und man den Sinn darin sieht, mit möglichst wenig eigener Angriffsfläche die anderen abzubürsten, sich aber auch in keiner Weise gegenüber vergleichbaren Ver­einigungen behaupten muss. Meine These: Es gibt keine Bewertung noch einen Wettbe­werb mehr zwischen den Kollektiven.

Andreas S. hielt den Korczak-Aufsatz für ein Manifest und war doch in seiner letzten eigenen Ar­beit von den Gedanken einer ge­wissen Manuela inspiriert und beim Vorlesen von diesem Werk bis zu Tränen gerührt. Diese Auto­rin zählt zu den Verschollenen der Undichter. Den Text hatte ihr keiner zugetraut und schon auf Größen wie Hölderlin getippt.

In unserem (darf ich den Pluralis Majestatis hier ausnahmsweise mal verwenden, der doch eigentlich nur Gemeinschaftssinn sein möchte, noch lieber Kollektivsinn, auf den aber keiner mehr Rücksicht nimmt, wie es aussieht) weitgefassten Sinn von Adaption war selbst dieser Text von Andreas also Adaption. Er hat also ein Kunstwerk mit einem Kunstwerk beantwortet. Sein eigenes wird viel höher bewertet und entspricht also viel mehr UnDichter-Geschmack, aber sollte man dann den Ausgangspunkt der verschol­lenen Manuela nicht vielfältiger nutzen, denn Andreas hat nicht die eigene, sondern ihre Geschichte so gerührt. Könnten wir auf diesem Wege nicht erfahren, an welcher Stelle Andreas berührt sein möchte oder zu berühren ist, können wir uns dieses Erlebnis nicht auch selber erschließen?

Nicht jeder hat die Sehnsucht nach Disziplin, sonst würde sie wohl eingehalten, nicht jeder sucht einen Auftrag des Kollektivs, sonst würde man sich vielleicht öfter selbst einer der anstehenden Aufgaben aktiv widmen oder solche definieren helfen. Nicht jeder liebt mehr das Kollektiv, sondern verkommt lieber in seinem Individualismus. Das Problem der Kollektivität ist ganz nah dran an uns und ein erster Schritt wäre vielleicht, wenn jeder, der sich dazu in der Lage sieht, eine Adap­tion auf den Text der verschollenen Manuela schreibt, auch um sich damit einem Vereins­mitglied zu nähern, das sehr bewegt davon war und ist – ihm zu helfen.

Werfe ich oder werfen wir
das Wir in die Waagschale
die gar nichts zu wiegen hat
eher erwägen möchte
erwägen wir das Wir?
Nähern wir uns dem neben uns
versuchen wir seinen Geist zu atmen?
Versuchen wir als UnDichter zu antworten?
Wusstet ihr schon
das wäre der Anfang – die Adaption!

Im Waltersdorfe 19.8.2012

 

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Chronik März 2014 – Christian Rempel: Ganz wie zu Hause (Betrachtungen zu unserem Frühjahresseminar)

Unser Seminar begann wie immer mit etwas Verspätung. Am Freitag traf als letztes der Hauptakteur Christian Hohberg ein, mit einem ganzen Satz von Instrumenten und mehreren Büchern, in denen er seine Texte aufgezeichnet hat. Fast für jedes Lied greift er zu einer anderen, dafür passenden Gitarre und hat wie ein richtiger Spielmann dann auch noch Flöte und Munti dabei. Nebenher sagt er, dass er schon richtiger Rentner ist, sieht auch nicht jünger aus mit weißem Wallehaar und einer gewissen Zerstreutheit. Wenn das entsprechende Lied und das passende Instrument dann aber erst mal gefunden ist, bringt er es wirklich profes­sionell rüber. Er hat sich schon durch das halbe Land gesungen und alles an ihm ist nah und heimelig. Man kann sich vorstellen, wie er einen Kneipenbesuch kulturell anreichern kann, denn die Bierflasche fehlt auch nicht bei seinem Auftritt. In manchen Liedern lässt er symbolisch den Hut herumgehen, aber das überwiegend aus UnDichtern bestehende Publikum bleibt eisern und übersieht den Wink mit dem Zaunpfahl. Ein neues Gedankenwasser macht auch wieder die Runde. Andreas und Bettina Schrock, wenn auch kein Paar mehr, zeichnen dafür verantwortlich. Manche Texte daraus sind eher zum Hören und so wird fast der ganze Inhalt im Laufe des Seminars noch einmal zu Gehör gebracht. Da steht es freilich schon auf dem Papier und die Passion, alles noch mal zu zerpflücken und Verbesserungsvorschläge zu machen, muss daher ins Leere gehen. Manchmal geht die Interpretation auch weit über das Gedruckte hinaus, wie bei meinem Gedicht »Frühlings Erwachen«, das auf Sächsisch einfach der Brüller ist. Mein Vortrag unter Mitwirkung von Liane über das »Wohl und Wehe von ebooks« rief weniger Kontroversen hervor als erwartet. Ich war zwar selbst ein bisschen verunsichert, als ich am Tag vor dem Vortrag bemerkt hatte, dass wohl alle Informationen über den Lesefort­schritt und was man so hervorhebt, irgendwie gespeichert sind, aber der allgemein im Verein ausgeprägte Verfol­gungswahn brach sich nicht Bahn, weil wohl schlicht kaum ein ebook Leser unter den UnDichtern ist. Apropos Wahn und Bahn. Die Reimerei ist ja immer unterschwelliges Thema bei der Dichterei, aber momentan hat man es mehr mit der Alliteration. So »waberte« es nur so von »wallenden, wüsten Wolken«. Frank, der in Nachtarbeit noch ein überreichliches Mahl für die Teilnehmer bereitet hatte, versuchte dabei alle Rekorde zu schlagen. Aber auch die logischen Kniffe haben es der heimeligen Gesellschaft angetan und es entbrannte die sog. »Löffeldiskussion«, ob es nämlich, wenn man gerade unter anderem »jeden Löffel Suppe« bedichtet hat und anschließend feststellt, dass sie sämtlich schon dem Gestern angehören, morgen noch einen Löffel Suppe geben könnte oder es sich um ein Endzeitgedicht handeln müsste. Von der Autorin selbst wurde die so erdiskutierte philosophische Dimension nur mit schweigendem Staunen bedacht. Man fühlte sich zu Hause im MGH in KW, bis in die Nächte hinein, von denen ich allerdings nichts sagen kann, denn ich gehe wie die meisten Fastrentner mit den Hühnern ins Bett. Christian Rempel im Waltersdorfe 31.3.2014

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Unser Seminar begann wie immer mit etwas Verspätung. Am Freitag traf als letztes der Hauptakteur Christian Hohberg ein, mit einem ganzen Satz von Instrumenten und mehreren Büchern, in denen er seine Texte aufgezeichnet hat. Fast für jedes Lied greift er zu einer anderen, dafür passenden Gitarre und hat wie ein richtiger Spielmann dann auch noch Flöte und Munti dabei. Nebenher sagt er, dass er schon richtiger Rentner ist, sieht auch nicht jünger aus mit weißem Wallehaar und einer gewissen Zerstreutheit. Wenn das entsprechende Lied und das passende Instrument dann aber erst mal gefunden ist, bringt er es wirklich profes­sionell rüber. Er hat sich schon durch das halbe Land gesungen und alles an ihm ist nah und heimelig. Man kann sich vorstellen, wie er einen Kneipenbesuch kulturell anreichern kann, denn die Bierflasche fehlt auch nicht bei seinem Auftritt. In manchen Liedern lässt er symbolisch den Hut herumgehen, aber das überwiegend aus UnDichtern bestehende Publikum bleibt eisern und übersieht den Wink mit dem Zaunpfahl.

Ein neues Gedankenwasser macht auch wieder die Runde. Andreas und Bettina Schrock, wenn auch kein Paar mehr, zeichnen dafür verantwortlich. Manche Texte daraus sind eher zum Hören und so wird fast der ganze Inhalt im Laufe des Seminars noch einmal zu Gehör gebracht. Da steht es freilich schon auf dem Papier und die Passion, alles noch mal zu zerpflücken und Verbesserungsvorschläge zu machen, muss daher ins Leere gehen. Manchmal geht die Interpretation auch weit über das Gedruckte hinaus, wie bei meinem Gedicht »Frühlings Erwachen«, das auf Sächsisch einfach der Brüller ist.

Mein Vortrag unter Mitwirkung von Liane über das »Wohl und Wehe von ebooks« rief weniger Kontroversen hervor als erwartet. Ich war zwar selbst ein bisschen verunsichert, als ich am Tag vor dem Vortrag bemerkt hatte, dass wohl alle Informationen über den Lesefort­schritt und was man so hervorhebt, irgendwie gespeichert sind, aber der allgemein im Verein ausgeprägte Verfol­gungswahn brach sich nicht Bahn, weil wohl schlicht kaum ein ebook Leser unter den UnDichtern ist.

Apropos Wahn und Bahn. Die Reimerei ist ja immer unterschwelliges Thema bei der Dichterei, aber momentan hat man es mehr mit der Alliteration. So »waberte« es nur so von »wallenden, wüsten Wolken«. Frank, der in Nachtarbeit noch ein überreichliches Mahl für die Teilnehmer bereitet hatte, versuchte dabei alle Rekorde zu schlagen.

Aber auch die logischen Kniffe haben es der heimeligen Gesellschaft angetan und es entbrannte die sog. »Löffeldiskussion«, ob es nämlich, wenn man gerade unter anderem »jeden Löffel Suppe« bedichtet hat und anschließend feststellt, dass sie sämtlich schon dem Gestern angehören, morgen noch einen Löffel Suppe geben könnte oder es sich um ein Endzeitgedicht handeln müsste. Von der Autorin selbst wurde die so erdiskutierte philosophische Dimension nur mit schweigendem Staunen bedacht.

Man fühlte sich zu Hause im MGH in KW, bis in die Nächte hinein, von denen ich allerdings nichts sagen kann, denn ich gehe wie die meisten Fastrentner mit den Hühnern ins Bett.

Christian Rempel im Waltersdorfe

31.3.2014

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Christian Rempel mit einer Rezension zum Roman: Die Analphabetin, die aus dem Fenster sprang und verschwand

Die Analphabetin, die aus dem Fenster sprang und verschwand Die beste aller Welten liegt wohl in Schweden, in dem ausnahmsweise, mal nicht gleich auf der ganzen Welt, der Roman Jonas Jonassons "Die Analphabetin, die rechnen konnte" im Wesentlichen spielt. Allerdings war das auch bei seinem ersten Roman (Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand) der Fall, dass der Schwede irgendwann mal wieder in der Heimat anlandete, um dann eine Verfolgungsjagd, beschirmt durch skurrile Mitbewohner und gejagt durch die Polizei und Geheimdienste, auf heimischem Boden zu veranstalten. Bei aller Ähnlichkeit der beiden Romane, bleiben diesmal die Schweden im Wesentlichen zu Hause, während der Roman mit einer minderjährigen Latrinentonnenleererin beginnt, die, wie in Soweto üblich, Analphabetin ist, aber eben über ganz gute Rechenkenntnisse verfügt, die sie gleich am Anfang unter Beweis stellt, als sie 92 mit 95 multipliziert. Sie macht das so, dass sie feststellt, dass es von 95 bis hundert 5 sind und von 92 bis hundert 8. Zieht man diese Differenzen von der jeweils anderen Zahl ab, kommt jedesmal 87 heraus, was mit hundert zu multiplizieren ist, also 8700. Dazu ist jetzt nur noch das Produkt der Differenzen zu hundert zu addieren und das ist ja 40. Also hat man 8740. Klar wird einem das erst, wenn man zum Beispiel mal schreibt: 92x95=92(100-5)=9200-92x5=9200-(100-8)5=9200-500+8x5=8740 Der geübte Leser wird darüber hinweggehen, der ambitionierte Mathematiker geht der Sache nach.

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Die beste aller Welten liegt wohl in Schweden, in dem ausnahmsweise, mal nicht gleich auf der ganzen Welt, der Roman Jonas Jonassons „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ im Wesentlichen spielt. Allerdings war das auch bei seinem ersten Roman (Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand) der Fall, dass der Schwede irgendwann mal wieder in der Heimat anlandete, um dann eine Verfolgungsjagd, beschirmt durch skurrile Mitbewohner und gejagt durch die Polizei und Geheimdienste, auf heimischem Boden zu veranstalten. Bei aller Ähnlichkeit der beiden Romane, bleiben diesmal die Schweden im Wesentlichen zu Hause, während der Roman mit einer minderjährigen Latrinentonnenleererin beginnt, die, wie in Soweto üblich, Analphabetin ist, aber eben über ganz gute Rechenkenntnisse verfügt, die sie gleich am Anfang unter Beweis stellt, als sie 92 mit 95 multipliziert. Sie macht das so, dass sie feststellt, dass es von 95 bis hundert 5 sind und von 92 bis hundert 8. Zieht man diese Differenzen von der jeweils anderen Zahl ab, kommt jedesmal 87 heraus, was mit hundert zu multiplizieren ist, also 8700. Dazu ist jetzt nur noch das Produkt der Differenzen zu hundert zu addieren und das ist ja 40. Also hat man 8740. Klar wird einem das erst, wenn man zum Beispiel mal schreibt:

92×95=92(100-5)=9200-92×5=9200-(100-8)5=9200-500+8×5=8740

Der geübte Leser wird darüber hinweggehen, der ambitionierte Mathematiker geht der Sache nach. Damit ist es dann aber auch schon genug mit den Rechenkünsten und es bleibt nur die überragende Intelligenz der Heldin Nombeko. Ebenso nehmen dann die Unwahrscheinlichkeiten ihren Lauf, so dass der durch Zufall reichgewordenen, nun schon nicht mehr Analphabetin, dann das Missgeschick zustößt, dass sie vom leitenden Ingenieur des südafrikanischen Atombomben­pro­jektes überfahren wird, als Schwarze allerdings schuldig gesprochen, dann diese ihre Un­schuld beim A-Bombenprojekt abarbeiten muss. Der Ingenieur ist so unbedarft und eben ein Säufer, dass man sich wundern kann, dass die Bombe dann wirklich erfolgreich getestet werden und in Serie gehen kann. Es hatten eigentlich sechs Bomben werden sollen, aber da man nicht richtig zählen kann, werden daraus sieben, und diese letzte überzählige Bombe wird dann zum weiteren Inhalt des Romans, weil sie Begehrlichkeiten des israelischen Geheimdienstes weckt, der bei dem Projekt zugegen ist. Der Autor hat sich verkniffen, noch den Gag einzubauen, dass die Replikas dann gar nicht funktionsfähig waren, aber lässt die siebente Bombe nach Schweden und natürlich geradewegs in die Hände der ebenfalls dorthin geflüchteten  Nombeko gelangen, der dort in einer Parallelgeschichte schon das Nest gebaut wurde, dort auf Zwillinge zu treffen, die republi­kanisch erzogen wurden, einer der Sicherheit halber gar nicht als existent geführt wurde und die bei aller äußerlichen Verwechselbarkeit die Idee der Monarchiebeseitigung doch recht unter­schiedlich verinnerlicht hatten. Der nichtexistente Zwilling hat sich nämlich dieser Idee aus tieferer Einsicht nicht verschrieben und ist daher der Liebe der Nombeko gewiss, die sich bei Jonasson immer im Drang äußert, sich fortpflanzen zu wollen, was den beiden aber so schlecht gelingt, dass sie wie der Vater der Zwillinge erst lange Zeit kinderlos bleiben.

Der Show down, also das an den Mann Bringen und unschädlich Machen der Bombe zieht sich über gut zwei Drittel des Romans hin und man muss diesmal etwas länger als im ersten Roman sehen, was in Schweden alles an Subversivem möglich ist, bis man an König und Ministerpräsident kommt, indem man sie mal eben kidnappt. Schon vorher ist die bunte Mischung von einer Familie, wie sie Johannson scheinbar immer mit den illustersten Typen konstruiert, schon wieder ins Spiel gekommen, bis man dann auch König und Ministerpräsident in diese beschauliche Privatsphäre integriert.

Da hat man dann schon das ganze Feuerwerk von Possen über sich ergehen lassen, das einen prächtig unterhalten kann, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, in die unwahrschein­lichs­ten Einfälle hineingezogen zu werden. Diese Einfälle, die man nicht an der Ratio messen kann, müsste man erst mal selbst alle haben. Wie nach einem Netzplan werden alle möglichen Kombi­nationen aus den Fakten ausgespielt. Man glaubt kein Wort davon, er aber ist auch nicht den Schritt gegangen zur bloßen Verrücktheit, die einen dann abschalten ließe und dieses Buch in die Ecke feuern, denn man möchte doch köstlich unterhalten sein. Der Zufall, so kräftig an die Leine genommen, möchte scheuen, vielleicht gar kein Zufall mehr sein, denn es passiert sowieso, was der Autor für dramaturgisch angezeigt hält.

Ganz so viel Antikommunismus haben wir erfreulicher Weise nicht mehr in diesem Roman. Chinesen, von denen man ja nicht so genau weiß, wie kommunistisch sie noch seien, kommen ganz gut dabei weg. In der Quintessenz ist der Roman als politisch apologetisch einzustufen. Zwar ist Schweden die beste aller Welten, aber eine mit Menschenrechtsverletzungen ist auch irgendwie erträglich. Bei allem Zunder wird kräftig an den Ecken der Extremisten gefeilt, bis sie alle schön rund sind für das Happy end, das wieder in allgemeinem Reichtum, Wohlstand reicht da nicht, aufgeht. Dabei ist die Message seiner Romane, dass die bis ins Kriminelle gesteigerte Skurrilität der Menschen die eigentliche Würze des Lebens ist, und paradoxer Weise beschreibt der Roman aber weniger deren Entstehung, sondern deren Verbrauch.

Der Roman beweist, dass man ein dickes Buch vollkriegt, wenn man genügend Einfälle hat, ohne dass auch nur eine Seite Langeweile aufkommt. Andererseits funktionieren die Figuren abgesehen von den inszenierten Schicksalschlägen vollkommen linear und man hat es im eigentlichen Sinne nicht mit Literatur, sondern Komik zu tun. Die jeweilige Auflösung in Familienverbände könnte man als Kitsch bezeichnen und Mitgefühl zählt nicht zu den Größen, die da entwickelt werden könnten, denn das Ganze ist ja ausgedachter, in sich stimmiger und unterhaltsamer Blödsinn.

Nach dem Ende der Literatur musste ja noch was kommen. Der schöne Begriff des magischen Realismus, wie man ihn auf Marquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ anwenden könnte, trifft diese moderne Stilrichtung der Verquickung von Tagespolitik, Weltgeschehen und Schwedenfamilien­saga nicht so recht. Dem gepeinigten Zufall zuliebe, dem all sein Unterhaltungswert abgekauft wird und da es sich ja um etwas Geschriebenes handelt, würde ich Zufallographie für einen angemessenen Begriff halten. Das Adjektiv unterhaltsam kann man sich ob des Erfolges schenken. Am oben erwähnten Ende der Literatur ändert das allerdings nichts. Es ist nicht die Blüte, die ein totgeglaubter Sukkulent hervorbringt. Also gießen Sie Ihre literarischen Kakteen nur ab und an weiter.

 

C.R. 25.2.2014                                           www.gedichtladen.de

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