Tag Archives: 2020.

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Liane Fehler: Von lächelnden Blicken umfangen

Die Freunde meine Seele wirft Anker Erinnerungsbilder wirbeln auf - tanzende Blätter auf unserem Weg wir blicken zurück ...

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Die Freunde
meine Seele wirft Anker
Erinnerungsbilder
wirbeln auf –
tanzende Blätter
auf unserem Weg

wir blicken zurück
wir spurten voran
auf den Stimmen
perlt ein Lachen

erkannt
verstanden
angenommen

Familie nach Wahl!

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Liebe “Eitlen Künstler” und Freunde der “UnDichter”, unser Treffen zu „Lesen und Schreiben“ in der Karl-Marx- Straße Nr. 123 in 15745 Wildau findet heute leider nicht statt.Eine Information dazu gab es bereits durch Jenny M. per Mail. Liane FehlerOnlineredaktion

Aside

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Gerhard Jaeger: Athos

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Kreta 1998

            über alle sanften Sommer

            dieses Wispern

im Wandel der Sonnen

            ändern sich die Farben

am Gestein, wechseln wir gläubig

die Kleider unserer Gewissen

hier, zwischen all den Düften

der Minze und des Salbeis

möchte ich sein,

wie die verzauberten Insekten,

die her fielen

über dich und starben

zwischen den Mauern

deiner Klöster

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Gerhard Jaeger: Dialog mit Herz

Dialog mit Herz wer bist du ruft mein Herz das Schweigen bin ich bist du das allein nein, Zweifel auch nicht immer schlimmer, ein Traum ohne Gram arm, stockst du steh nie still, Stoß schlag los 01.09.20

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wer bist du
ruft mein Herz
das Schweigen bin ich
bist du das allein
nein, Zweifel auch
nicht immer
schlimmer, ein Traum
ohne Gram
arm, stockst du
steh nie still, Stoß
schlag los

01.09.20

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„Lesen und Schreiben“ in der Bibliothek der Stadt Wildau – Wir sagen leise Servus und ganz laut DANKE!

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Liebe “Eitlen Künstler”, – liebe Freunde,
viele Jahre durften wir Literaturinteressierte in der Bibliothek in Wildau zu Gast sein und möchten uns (ich gehe davon aus, nicht nur im eigenen Namen zu sprechen) für die stets entgegengebrachte Gastfreundschaft und Umsorgung, für die perfekte Organisation und das Managen jeglichen Drum und Drans – bei Annett Goldberg ganz herzlich bedanken.

Sie hat dafür gesorgt, dass für uns dort ideale Voraussetzungen für die kreative Arbeit in der Gemeinschaft gegeben sind und das neben ihren zahlreichen anderen Aufgaben, die sie für unseren Verein auch noch gestemmt hat.

Nun, die Fußstapfen sind groß, in die wir jetzt mit der Neu-Organisation von „Lesen und Schreiben“ treten werden, das ab Mittwoch, dem 9. September 2020 in der Karl-Marx- Strasse Nr. 123 in 15745 Wildau in den Räumen der AWO – welche auch den Seniorentreff beherbergen – stattfinden wird.

Liebe Annett,
vielen, vielen Dank für Deine umfangreiche, bisher geleistete Arbeit in all den Jahren, Deine Energie und Dein Engagement – immer im Sinne unseres Vereins – das könnte mein Thema werden für die von Gerhard angeregte Thematik: Helden.

Wenn ich mir vorstelle, dass jedes Mitglied unseres Vereins einen solchen Einsatz wie Du an den Tag legen würde: Was wäre dann alles möglich?

In Abwandlung eines Sprichwortes möchte ich anregen:
Frage Dich nicht, was der Verein für Dich tun kann,
sondern frage Dich lieber, was Du für den Verein tun kannst.

Liane Fehler
Onlineredaktion

PS: Aufgrund der ihr eigenen Bescheidenheit hat Annett oft still und effektiv die Lösung von Herausforderungen und Problemen unseres Vereins in Angriff genommen. Deshalb vermute ich, dass Einige von uns gar nicht genau wissen, welchen Umfang ihr Engagement umfasste.

Die Organisation von „Lesen und Schreiben“ habe ich bereits angedeutet, dazu kam das Managen der „Vereinspenunze“, das Suchen und Finden von Banken, die möglichst wenig von unseren Mitgliedsbeiträgen als Gebühren einfordern, damit jede „Eurone“ möglichst sachdienlich ausgegeben werden kann.
Das Gedankenwasser – jedes Heft – zur Druckreife bringen durch eine Endkontrolle, Probedruck etc. und die Abstimmungen mit den jeweiligen Redakteuren und anderes, bis es das Gedankenwasser von ihr bei „Lesen und Schreiben“ an die Anwesenden verteilt wurde – auch um teures Porto einzusparen.
Oft – so gut wie immer (korrigiert mich bitte, falls ich falschliegen sollte), hatte Annett einen maßgeblichen Anteil bei der Organisation von Seminaren – Absprachen mit den Vermietern, Absprachen mit den Mitgliedern unseres Vereins – Verpflegung organisieren.

Falls sie mal die Branche wechseln wollte, hätte sie genug Erfahrungen im Veranstaltungsmanagement, vermute ich mal – auch vielleicht im Umgang mit „schwierigen Kunden“ auf jeden Fall hat sie das Talent, welches es braucht, um einen Sack Flöhe hüten zu können – wo jeder in eine andere Richtung hüpfen will. Die Kunst besteht sicher auch darin, sich selbst immer wieder zu motivieren – nicht vor der Aufgabe zu kapitulieren – eben nicht aufzugeben, sondern noch einmal nach zu fragen. Das ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen.

Es ist noch längst nicht auserzählt, aber Andere können dieses Thema gern aufgreifen und ergänzen. Ich erhebe hier nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Entschuldigt bitte, dieser Nachtrag ist etwas länger geworden, aber bei dem Pensum, das ich würdigen wollte, war das auch bei angestrebter Beschränkung auf das Wesentliche nicht kürzer darstellbar. Vielen Dank für Euer Interesse.

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Einladung zu „Lesen und Schreiben“ in neuen Räumen

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Liebe “Eitlen Künstler” und Freunde der “UnDichter”,
Ihr seid ganz herzlich eingeladen, Euch wieder nach Lust und Laune einzubringen, an Gesprächen über Texte zu beteiligen und engagiert ein „Für“ oder „Wider“ zu vertreten oder aber ein „Sowohl – als auch“ – ganz nach Temperament und Stimmung.

Unser neuer Treff für die Veranstaltung Lesen und Schreiben wurde bestätigt und wird ab dem 9. September 2020 in der Karl-Marx- Straße Nr. 123 in 15745 Wildau sein. Wie bisher auch treffen wir uns immer am 2. Mittwoch im Monat gegen 16:30 Uhr.

Dort könnt ihr wie – bisher auch – gern eigene Texte vorstellen und ein erstes Feedback erhalten. Das gilt auch für selbst komponierte Lieder, für Bilder, Zeichnungen und Fotos oder andere kreative Ausdrücke, die denkbar sind.

Literaturinteressierte und Neugierige sind zu diesen  Arbeitstreffen herzlich eingeladen.

Liane Fehler
Onlineredaktion

PS: Mein Dank gebührt unserer lieben Vereinskameradin Susann Schulz, die uns bei diesem Wechsel maßgeblich unterstützt hat.

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Gerhard Jaeger: Schöner Abend

Schöner Abend wie viele Einsamkeiten blicken über die Meere wie viele Sonnenuntergänge tauchen ein ins Sehnen warum liebe Sonne schlucken dich die Horizonte warum Sonne Sand und Meer wiegt der Untergang so schwer

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wie viele Einsamkeiten
blicken über die Meere
wie viele Sonnenuntergänge
tauchen ein ins Sehnen
warum liebe Sonne
schlucken dich die Horizonte
warum Sonne Sand und Meer
wiegt der Untergang so schwer

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Andreas Schrock: Elliptische Annäherung

Andreas Schrock Elliptische Annäherung Das Bild hängt in Kobryn, im Haus der Kultur, im Zentrum auf blauer Pinnwand, unten, weit unten, links. Ich muss mich bücken, die Häuser zu sehen, die Stadt, die Häuser mit Fenstern wie Augen, mit Dächern, Hüten gleich, Gesichtern also. So Bös' das eine, hat ein drittes Aug´. ´So achtlos das andre, angenehm, mal ohne Emotionen: Drei Fenster in einer Reihe, geht doch. Und ein altes Haus, auf dem Bild, die Fenster nach unten gezogen. Und ein kleines Haus, ein Mädchen oder Junge, ein Kind eben, sächlich also, ohne Fenster, allein mit einer Tür. Und ein Haus mit schiefem Gebiss, so jedenfalls hängt die Toreinfahrt im Wind. Und noch ein Haus, mit wehenden Rockschößen, oder wie sagt man, wenn das Haus zur Seite rutscht und das Vordach nach hinten fällt. Und in der Mitte ein Haus mit Gesicht, so eine tatarische Prinzessin, mit Stirnband, mit kunstvollen Nägeln. Mit Nägeln, die nicht wehtun, denn sie kitzeln nur leicht die tauben Regionen des Hirns. Und ein Haus mit hellem Gesicht, schaut es zum Rand, zum Rand des Bildes, zur Stadtmauer, zur Fahne der Verteidiger. Darüber der Sternenhimmel, weiße Punkte auf tiefblauer Tischdecke. Die Fenster in den Stuben leuchten, ohne Gardine, sind einfach hell. Dahinter also wird gelebt, ich kann es sehen. Da wird gelebt und geliebt und gestorben. Und die Dächer, die Hüte also, sind grün und blau, braun und rot, pink und ocker. Die Dachziegel, die Schindeln, die sind so gar nicht Deutsch, keine Biberschwänze und so. Die sind, wie sie in Kobryn eben sind: aus Blech, rechteckig, symmetrisch. Oder schraffiert, längs und quer. Und dann, dann hat die Malerin Fantasieschindeln hinzugefügt, Ellipsen, so, wie ein Eierkuchen nie aussehen kann; wie ein Auge, nun ja, auch nicht aussieht; so, wie einfach die Hand ging, in diesem Moment. Und das Pflaster braun, kackbraun sozusagen. Aber die Steine könnten auch Kartoffeln sein; `ne dunkle Sorte, Kartoffelpflaster also. Dieses Bild also hängt in Kobryn, im дворец республики, an der Wandzeitung; während draußen belarussisch палаць културы steht: ein Kulturpalast, aus Sowjetzeiten, in Kobryn, in Belarus, am Rand des zentralen Platzes, in dessen Mitte ein Denkmal steht, für die Befreiung der Stadt, am 20. Juli 1944. Moment, da hat doch Stauffenberg die Bombe, an diesem Tage nahm die 61. Armee der belarussischen Front Kobryn. Ein Obelisk aus Beton listet die Orden auf: 669 Orden für die, 692 Orden für die. Und 369 Orden für die, und so geht die Reihe runter. Ganz unten 12 Extraorden, posthum verliehen. So also, lässt sich Sterben auch darstellen, denke ich, während ich langsam ums Denkmal geh, quert ` ein junger Mann den Platz, er lächelt mit hochgezogenem Mundwinkel. Da seid ihr drüber weg, was? Natürlich, seid ihr drüber weg. Aber ich bin mittendrin. Blöder noch wird es vorn, an der Ausfallstraße. Da steht ein Denkmal mit russischem Adler, Juli 1812 steht da, ein Sommertag also, als die Russen gewannen, die Schlacht bei Kobryn. Da haben sich die Franzosen verrechnet, doch ach, was lese ich, abends im Hotelzimmer, im Netz, waren nicht Franzosen, waren Sachsen, die sich verbraten ließen. Früh um sechs gings los, und um 14 Uhr war das Pulver alle. Aber da waren 2.000 schon tot, lese ich abends im Hotelzimmer, dem kargen. Hinter der dünnen Wand reden zwei Russen mit bassigen Stimmen. Dann geht die Klospülung. Stille. Wo sind die Spuren, denke ich; doch welcher Stammbaum geht so weit zurück, und wen interessiert es, was in der Pfanne seiner Vorväter bruzzelte, Pulver oder Bratkartoffeln. Wen interessiert´s. You are polishman? fragt mich die Frau im Zug, auf der Sitzbank neben mir. Nein, ich bin kein polnischer Mann, из германии, murmle ich und sie sagt`s auf Englisch: From Germany! und ihre Augen werden feucht. Bin ich gefahren, tausend Kilometer fast, und treffe diese Frau, die sich wünscht, nicht hier zu sein! Kennst du das, wenn dich ein Satz, oder Halbsatz oder ein offener Mund ins All schleudert? Und jetzt, weißt du, jetzt bin ich hier am sonnenfernsten Punkt der Ellipse, Ich bin hier am Arsch des Pluto. Und hier, weißt du, hier ist es kalt. Und hier hat keiner ´ne Decke für mich, weil, hier ist keiner, niemand, никто ist ein Indefinitpronomen, sagt mein russisches Wörterbuch. Weißt du, ein Pronomen ist eh schon irgendwas, was für einen Namen steht. Und dieses irgendwas ist nicht einmal definiert. Das also heißt: mutterseelenallein. Hier bin ich und warte. Und warte. Denn die Schwerkraft trägt mich durchs All. Und dann, schau nur, sieh‘, der Punkt da hinten, die Sonne. Ganz klein. Ganz fern. Die Sonne. Und ein Bild, eben noch auf Pinnwand Liegt jetzt auf dem Tisch, hinter dem Häuschen, ein Blatt im Sommerwind, beim Großvater, beim Großvater! Dieses Bild also ist von Mascha Boikow, 11 Jahre alt; die nicht weiß, dass ich es weiß; die im Traum durch diese Stadt ging, eine Schlafwandlerin, die malte, was sie sah. Mascha, du bist ein großartiges Mädchen. Wenn du eine Frau bist, wirst du einen Mann haben, und Kinder. Und ich werde alt sein. Doch dein Name steht hier geschrieben. Eins nur fehlt noch, Mascha aus Kobryn: dein Vatersname, der zweite Vorname. Du musst ihn kennen. Du kannst ihn nicht vergessen haben, denn so hängen wir ja zusammen, über den zweiten Namen, der jeweils dem Vater gehört, das Kettenglied, dass die Jahrhunderte in uns zusammenhält. Oder hast du keinen, bist du abgeschnitten von der Zeit, bist du einfach nur Mascha Boikow, frei von Vergangenheit, frei von Erinnerung. Frei von Schuld. Brest, Oktober 2019, letzte Bearbeitung: Dresden Juli 2020 „Сказочный город“, техника: гуаш; автор: Маша Ьойко, 11 лет „Traumhafte Stadt“, Technik: Gouache, Autor: Mascha Boikow, 11 Jahre

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Andreas Schrock Elliptische Annäherung

Das Bild hängt in Kobryn, im Haus der Kultur, im Zentrum auf blauer Pinnwand, unten,
weit unten, links. Ich muss mich bücken, die Häuser zu sehen, die Stadt, die Häuser mit Fenstern wie Augen, mit Dächern, Hüten gleich, Gesichtern also.

So Bös‘ das eine, hat ein drittes Aug´. ´So achtlos das andre, angenehm, mal ohne Emotionen: Drei Fenster in einer Reihe, geht doch. Und ein altes Haus, auf dem Bild, die Fenster nach unten gezogen. Und ein kleines Haus, ein Mädchen oder Junge, ein Kind eben, sächlich also, ohne Fenster, allein mit einer Tür.

Und ein Haus mit schiefem Gebiss, so jedenfalls hängt die Toreinfahrt im Wind. Und noch ein Haus, mit wehenden Rockschößen, oder wie sagt man, wenn das Haus zur Seite rutscht und das Vordach nach hinten fällt.

Und in der Mitte ein Haus mit Gesicht, so eine tatarische Prinzessin, mit Stirnband, mit kunstvollen Nägeln. Mit Nägeln, die nicht wehtun, denn sie kitzeln nur leicht die tauben Regionen des Hirns.

Und ein Haus mit hellem Gesicht, schaut es zum Rand, zum Rand des Bildes, zur Stadtmauer, zur Fahne der Verteidiger. Darüber der Sternenhimmel, weiße Punkte auf tiefblauer Tischdecke.

Die Fenster in den Stuben leuchten, ohne Gardine, sind einfach hell. Dahinter also wird gelebt, ich kann es sehen. Da wird gelebt und geliebt und gestorben. Und die Dächer, die Hüte also, sind grün und blau, braun und rot, pink und ocker.

Die Dachziegel, die Schindeln, die sind so gar nicht Deutsch, keine Biberschwänze und so. Die sind, wie sie in Kobryn eben sind: aus Blech, rechteckig, symmetrisch. Oder schraffiert, längs und quer. Und dann, dann hat die Malerin Fantasieschindeln hinzugefügt, Ellipsen, so, wie ein Eierkuchen nie aussehen kann; wie ein Auge, nun ja, auch nicht aussieht; so, wie einfach die Hand ging, in diesem Moment.

Und das Pflaster braun, kackbraun sozusagen. Aber die Steine könnten auch Kartoffeln sein;
`ne dunkle Sorte, Kartoffelpflaster also.

Dieses Bild also hängt in Kobryn, im дворец республики, an der Wandzeitung; während draußen belarussisch палаць културы steht: ein Kulturpalast, aus Sowjetzeiten, in Kobryn, in Belarus, am Rand des zentralen Platzes, in dessen Mitte ein Denkmal steht, für die Befreiung der Stadt, am 20. Juli 1944. Moment, da hat doch Stauffenberg die Bombe, an diesem Tage nahm die 61. Armee der belarussischen Front Kobryn.

Ein Obelisk aus Beton listet die Orden auf: 669 Orden für die, 692 Orden für die. Und 369 Orden für die, und so geht die Reihe runter. Ganz unten 12 Extraorden, posthum verliehen. So also, lässt sich Sterben auch darstellen, denke ich, während ich langsam ums Denkmal geh, quert ` ein junger Mann den Platz, er lächelt mit hochgezogenem Mundwinkel.
Da seid ihr drüber weg, was? Natürlich,
seid ihr drüber weg. Aber ich bin mittendrin.

Blöder noch wird es vorn, an der Ausfallstraße. Da steht ein Denkmal mit russischem Adler,
Juli 1812 steht da, ein Sommertag also, als die Russen gewannen, die Schlacht bei Kobryn.
Da haben sich die Franzosen verrechnet, doch ach, was lese ich, abends im Hotelzimmer, im Netz, waren nicht Franzosen, waren Sachsen, die sich verbraten ließen.

Früh um sechs gings los, und um 14 Uhr war das Pulver alle. Aber da waren 2.000 schon tot, lese ich abends im Hotelzimmer, dem kargen. Hinter der dünnen Wand reden zwei Russen
mit bassigen Stimmen. Dann geht die Klospülung. Stille.

Wo sind die Spuren, denke ich; doch welcher Stammbaum geht so weit zurück, und wen interessiert es, was in der Pfanne seiner Vorväter bruzzelte, Pulver oder Bratkartoffeln.

Wen interessiert´s. You are polishman? fragt mich die Frau im Zug, auf der Sitzbank neben mir. Nein, ich bin kein polnischer Mann, из германии, murmle ich und sie sagt`s auf Englisch: From Germany! und ihre Augen werden feucht.

Bin ich gefahren, tausend Kilometer fast, und treffe diese Frau, die sich wünscht, nicht hier zu sein!

Kennst du das, wenn dich ein Satz, oder Halbsatz oder ein offener Mund ins All schleudert?

Und jetzt, weißt du, jetzt bin ich hier am sonnenfernsten Punkt der Ellipse, Ich bin hier am Arsch des Pluto. Und hier, weißt du, hier ist es kalt. Und hier hat keiner ´ne Decke für mich, weil, hier ist keiner, niemand, никто ist ein Indefinitpronomen, sagt mein russisches Wörterbuch. Weißt du, ein Pronomen ist eh schon irgendwas, was für einen Namen steht.
Und dieses irgendwas ist nicht einmal definiert. Das also heißt: mutterseelenallein.

Hier bin ich und warte.

Und warte.

Denn die Schwerkraft trägt mich durchs All.

Und dann, schau nur, sieh‘, der Punkt da hinten, die Sonne. Ganz klein. Ganz fern. Die Sonne.

Und ein Bild, eben noch auf Pinnwand Liegt jetzt auf dem Tisch, hinter dem Häuschen, ein Blatt im Sommerwind, beim Großvater, beim Großvater! Dieses Bild also ist von Mascha Boikow, 11 Jahre alt; die nicht weiß, dass ich es weiß; die im Traum durch diese Stadt ging,
eine Schlafwandlerin, die malte, was sie sah.

Mascha, du bist ein großartiges Mädchen. Wenn du eine Frau bist, wirst du einen Mann haben, und Kinder. Und ich werde alt sein. Doch dein Name steht hier geschrieben. Eins nur fehlt noch, Mascha aus Kobryn: dein Vatersname, der zweite Vorname. Du musst ihn kennen. Du kannst ihn nicht vergessen haben, denn so hängen wir ja zusammen, über den zweiten Namen, der jeweils dem Vater gehört, das Kettenglied, dass die Jahrhunderte in uns zusammenhält. Oder hast du keinen, bist du abgeschnitten von der Zeit, bist du einfach nur Mascha Boikow, frei von Vergangenheit, frei von Erinnerung. Frei von Schuld.

Brest, Oktober 2019, letzte Bearbeitung: Dresden Juli 2020

„Сказочный город“, техника: гуаш; автор: Маша Ьойко, 11 лет „Traumhafte Stadt“, Technik: Gouache, Autor: Mascha Boikow, 11 Jahre

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