Categotry Archives: Texte von Andreas Schrock

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Andreas Schrock: Elliptische Annäherung

Andreas Schrock Elliptische Annäherung Das Bild hängt in Kobryn, im Haus der Kultur, im Zentrum auf blauer Pinnwand, unten, weit unten, links. Ich muss mich bücken, die Häuser zu sehen, die Stadt, die Häuser mit Fenstern wie Augen, mit Dächern, Hüten gleich, Gesichtern also. So Bös' das eine, hat ein drittes Aug´. ´So achtlos das andre, angenehm, mal ohne Emotionen: Drei Fenster in einer Reihe, geht doch. Und ein altes Haus, auf dem Bild, die Fenster nach unten gezogen. Und ein kleines Haus, ein Mädchen oder Junge, ein Kind eben, sächlich also, ohne Fenster, allein mit einer Tür. Und ein Haus mit schiefem Gebiss, so jedenfalls hängt die Toreinfahrt im Wind. Und noch ein Haus, mit wehenden Rockschößen, oder wie sagt man, wenn das Haus zur Seite rutscht und das Vordach nach hinten fällt. Und in der Mitte ein Haus mit Gesicht, so eine tatarische Prinzessin, mit Stirnband, mit kunstvollen Nägeln. Mit Nägeln, die nicht wehtun, denn sie kitzeln nur leicht die tauben Regionen des Hirns. Und ein Haus mit hellem Gesicht, schaut es zum Rand, zum Rand des Bildes, zur Stadtmauer, zur Fahne der Verteidiger. Darüber der Sternenhimmel, weiße Punkte auf tiefblauer Tischdecke. Die Fenster in den Stuben leuchten, ohne Gardine, sind einfach hell. Dahinter also wird gelebt, ich kann es sehen. Da wird gelebt und geliebt und gestorben. Und die Dächer, die Hüte also, sind grün und blau, braun und rot, pink und ocker. Die Dachziegel, die Schindeln, die sind so gar nicht Deutsch, keine Biberschwänze und so. Die sind, wie sie in Kobryn eben sind: aus Blech, rechteckig, symmetrisch. Oder schraffiert, längs und quer. Und dann, dann hat die Malerin Fantasieschindeln hinzugefügt, Ellipsen, so, wie ein Eierkuchen nie aussehen kann; wie ein Auge, nun ja, auch nicht aussieht; so, wie einfach die Hand ging, in diesem Moment. Und das Pflaster braun, kackbraun sozusagen. Aber die Steine könnten auch Kartoffeln sein; `ne dunkle Sorte, Kartoffelpflaster also. Dieses Bild also hängt in Kobryn, im дворец республики, an der Wandzeitung; während draußen belarussisch палаць културы steht: ein Kulturpalast, aus Sowjetzeiten, in Kobryn, in Belarus, am Rand des zentralen Platzes, in dessen Mitte ein Denkmal steht, für die Befreiung der Stadt, am 20. Juli 1944. Moment, da hat doch Stauffenberg die Bombe, an diesem Tage nahm die 61. Armee der belarussischen Front Kobryn. Ein Obelisk aus Beton listet die Orden auf: 669 Orden für die, 692 Orden für die. Und 369 Orden für die, und so geht die Reihe runter. Ganz unten 12 Extraorden, posthum verliehen. So also, lässt sich Sterben auch darstellen, denke ich, während ich langsam ums Denkmal geh, quert ` ein junger Mann den Platz, er lächelt mit hochgezogenem Mundwinkel. Da seid ihr drüber weg, was? Natürlich, seid ihr drüber weg. Aber ich bin mittendrin. Blöder noch wird es vorn, an der Ausfallstraße. Da steht ein Denkmal mit russischem Adler, Juli 1812 steht da, ein Sommertag also, als die Russen gewannen, die Schlacht bei Kobryn. Da haben sich die Franzosen verrechnet, doch ach, was lese ich, abends im Hotelzimmer, im Netz, waren nicht Franzosen, waren Sachsen, die sich verbraten ließen. Früh um sechs gings los, und um 14 Uhr war das Pulver alle. Aber da waren 2.000 schon tot, lese ich abends im Hotelzimmer, dem kargen. Hinter der dünnen Wand reden zwei Russen mit bassigen Stimmen. Dann geht die Klospülung. Stille. Wo sind die Spuren, denke ich; doch welcher Stammbaum geht so weit zurück, und wen interessiert es, was in der Pfanne seiner Vorväter bruzzelte, Pulver oder Bratkartoffeln. Wen interessiert´s. You are polishman? fragt mich die Frau im Zug, auf der Sitzbank neben mir. Nein, ich bin kein polnischer Mann, из германии, murmle ich und sie sagt`s auf Englisch: From Germany! und ihre Augen werden feucht. Bin ich gefahren, tausend Kilometer fast, und treffe diese Frau, die sich wünscht, nicht hier zu sein! Kennst du das, wenn dich ein Satz, oder Halbsatz oder ein offener Mund ins All schleudert? Und jetzt, weißt du, jetzt bin ich hier am sonnenfernsten Punkt der Ellipse, Ich bin hier am Arsch des Pluto. Und hier, weißt du, hier ist es kalt. Und hier hat keiner ´ne Decke für mich, weil, hier ist keiner, niemand, никто ist ein Indefinitpronomen, sagt mein russisches Wörterbuch. Weißt du, ein Pronomen ist eh schon irgendwas, was für einen Namen steht. Und dieses irgendwas ist nicht einmal definiert. Das also heißt: mutterseelenallein. Hier bin ich und warte. Und warte. Denn die Schwerkraft trägt mich durchs All. Und dann, schau nur, sieh‘, der Punkt da hinten, die Sonne. Ganz klein. Ganz fern. Die Sonne. Und ein Bild, eben noch auf Pinnwand Liegt jetzt auf dem Tisch, hinter dem Häuschen, ein Blatt im Sommerwind, beim Großvater, beim Großvater! Dieses Bild also ist von Mascha Boikow, 11 Jahre alt; die nicht weiß, dass ich es weiß; die im Traum durch diese Stadt ging, eine Schlafwandlerin, die malte, was sie sah. Mascha, du bist ein großartiges Mädchen. Wenn du eine Frau bist, wirst du einen Mann haben, und Kinder. Und ich werde alt sein. Doch dein Name steht hier geschrieben. Eins nur fehlt noch, Mascha aus Kobryn: dein Vatersname, der zweite Vorname. Du musst ihn kennen. Du kannst ihn nicht vergessen haben, denn so hängen wir ja zusammen, über den zweiten Namen, der jeweils dem Vater gehört, das Kettenglied, dass die Jahrhunderte in uns zusammenhält. Oder hast du keinen, bist du abgeschnitten von der Zeit, bist du einfach nur Mascha Boikow, frei von Vergangenheit, frei von Erinnerung. Frei von Schuld. Brest, Oktober 2019, letzte Bearbeitung: Dresden Juli 2020 „Сказочный город“, техника: гуаш; автор: Маша Ьойко, 11 лет „Traumhafte Stadt“, Technik: Gouache, Autor: Mascha Boikow, 11 Jahre

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Andreas Schrock Elliptische Annäherung

Das Bild hängt in Kobryn, im Haus der Kultur, im Zentrum auf blauer Pinnwand, unten,
weit unten, links. Ich muss mich bücken, die Häuser zu sehen, die Stadt, die Häuser mit Fenstern wie Augen, mit Dächern, Hüten gleich, Gesichtern also.

So Bös‘ das eine, hat ein drittes Aug´. ´So achtlos das andre, angenehm, mal ohne Emotionen: Drei Fenster in einer Reihe, geht doch. Und ein altes Haus, auf dem Bild, die Fenster nach unten gezogen. Und ein kleines Haus, ein Mädchen oder Junge, ein Kind eben, sächlich also, ohne Fenster, allein mit einer Tür.

Und ein Haus mit schiefem Gebiss, so jedenfalls hängt die Toreinfahrt im Wind. Und noch ein Haus, mit wehenden Rockschößen, oder wie sagt man, wenn das Haus zur Seite rutscht und das Vordach nach hinten fällt.

Und in der Mitte ein Haus mit Gesicht, so eine tatarische Prinzessin, mit Stirnband, mit kunstvollen Nägeln. Mit Nägeln, die nicht wehtun, denn sie kitzeln nur leicht die tauben Regionen des Hirns.

Und ein Haus mit hellem Gesicht, schaut es zum Rand, zum Rand des Bildes, zur Stadtmauer, zur Fahne der Verteidiger. Darüber der Sternenhimmel, weiße Punkte auf tiefblauer Tischdecke.

Die Fenster in den Stuben leuchten, ohne Gardine, sind einfach hell. Dahinter also wird gelebt, ich kann es sehen. Da wird gelebt und geliebt und gestorben. Und die Dächer, die Hüte also, sind grün und blau, braun und rot, pink und ocker.

Die Dachziegel, die Schindeln, die sind so gar nicht Deutsch, keine Biberschwänze und so. Die sind, wie sie in Kobryn eben sind: aus Blech, rechteckig, symmetrisch. Oder schraffiert, längs und quer. Und dann, dann hat die Malerin Fantasieschindeln hinzugefügt, Ellipsen, so, wie ein Eierkuchen nie aussehen kann; wie ein Auge, nun ja, auch nicht aussieht; so, wie einfach die Hand ging, in diesem Moment.

Und das Pflaster braun, kackbraun sozusagen. Aber die Steine könnten auch Kartoffeln sein;
`ne dunkle Sorte, Kartoffelpflaster also.

Dieses Bild also hängt in Kobryn, im дворец республики, an der Wandzeitung; während draußen belarussisch палаць културы steht: ein Kulturpalast, aus Sowjetzeiten, in Kobryn, in Belarus, am Rand des zentralen Platzes, in dessen Mitte ein Denkmal steht, für die Befreiung der Stadt, am 20. Juli 1944. Moment, da hat doch Stauffenberg die Bombe, an diesem Tage nahm die 61. Armee der belarussischen Front Kobryn.

Ein Obelisk aus Beton listet die Orden auf: 669 Orden für die, 692 Orden für die. Und 369 Orden für die, und so geht die Reihe runter. Ganz unten 12 Extraorden, posthum verliehen. So also, lässt sich Sterben auch darstellen, denke ich, während ich langsam ums Denkmal geh, quert ` ein junger Mann den Platz, er lächelt mit hochgezogenem Mundwinkel.
Da seid ihr drüber weg, was? Natürlich,
seid ihr drüber weg. Aber ich bin mittendrin.

Blöder noch wird es vorn, an der Ausfallstraße. Da steht ein Denkmal mit russischem Adler,
Juli 1812 steht da, ein Sommertag also, als die Russen gewannen, die Schlacht bei Kobryn.
Da haben sich die Franzosen verrechnet, doch ach, was lese ich, abends im Hotelzimmer, im Netz, waren nicht Franzosen, waren Sachsen, die sich verbraten ließen.

Früh um sechs gings los, und um 14 Uhr war das Pulver alle. Aber da waren 2.000 schon tot, lese ich abends im Hotelzimmer, dem kargen. Hinter der dünnen Wand reden zwei Russen
mit bassigen Stimmen. Dann geht die Klospülung. Stille.

Wo sind die Spuren, denke ich; doch welcher Stammbaum geht so weit zurück, und wen interessiert es, was in der Pfanne seiner Vorväter bruzzelte, Pulver oder Bratkartoffeln.

Wen interessiert´s. You are polishman? fragt mich die Frau im Zug, auf der Sitzbank neben mir. Nein, ich bin kein polnischer Mann, из германии, murmle ich und sie sagt`s auf Englisch: From Germany! und ihre Augen werden feucht.

Bin ich gefahren, tausend Kilometer fast, und treffe diese Frau, die sich wünscht, nicht hier zu sein!

Kennst du das, wenn dich ein Satz, oder Halbsatz oder ein offener Mund ins All schleudert?

Und jetzt, weißt du, jetzt bin ich hier am sonnenfernsten Punkt der Ellipse, Ich bin hier am Arsch des Pluto. Und hier, weißt du, hier ist es kalt. Und hier hat keiner ´ne Decke für mich, weil, hier ist keiner, niemand, никто ist ein Indefinitpronomen, sagt mein russisches Wörterbuch. Weißt du, ein Pronomen ist eh schon irgendwas, was für einen Namen steht.
Und dieses irgendwas ist nicht einmal definiert. Das also heißt: mutterseelenallein.

Hier bin ich und warte.

Und warte.

Denn die Schwerkraft trägt mich durchs All.

Und dann, schau nur, sieh‘, der Punkt da hinten, die Sonne. Ganz klein. Ganz fern. Die Sonne.

Und ein Bild, eben noch auf Pinnwand Liegt jetzt auf dem Tisch, hinter dem Häuschen, ein Blatt im Sommerwind, beim Großvater, beim Großvater! Dieses Bild also ist von Mascha Boikow, 11 Jahre alt; die nicht weiß, dass ich es weiß; die im Traum durch diese Stadt ging,
eine Schlafwandlerin, die malte, was sie sah.

Mascha, du bist ein großartiges Mädchen. Wenn du eine Frau bist, wirst du einen Mann haben, und Kinder. Und ich werde alt sein. Doch dein Name steht hier geschrieben. Eins nur fehlt noch, Mascha aus Kobryn: dein Vatersname, der zweite Vorname. Du musst ihn kennen. Du kannst ihn nicht vergessen haben, denn so hängen wir ja zusammen, über den zweiten Namen, der jeweils dem Vater gehört, das Kettenglied, dass die Jahrhunderte in uns zusammenhält. Oder hast du keinen, bist du abgeschnitten von der Zeit, bist du einfach nur Mascha Boikow, frei von Vergangenheit, frei von Erinnerung. Frei von Schuld.

Brest, Oktober 2019, letzte Bearbeitung: Dresden Juli 2020

„Сказочный город“, техника: гуаш; автор: Маша Ьойко, 11 лет „Traumhafte Stadt“, Technik: Gouache, Autor: Mascha Boikow, 11 Jahre

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Andreas Schrock liest: Die Lücke und Busbahnhof Sewastopol – ein Audio-Lyrikbeitrag

▶ Hinweis: Dies ist eine Vorschau. Um die Audiodatei öffnen und anhören zu können, bitte in die Artikelüberschrift oder das Wort “Weiterlesen” klicken. ▶ Note: This is a preview. Please click in the turquoise-colored heading of the article. After that you can use the audioplayer.

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*A.Schrock 1 Audio

 ▶ Die Lücke und
Busbahnhof Sewastopol

  Dies ist eine alternative Abspielvariante.

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Hier gehts zu den Texten von Andreas:

▶ Die Lücke,

▶ Busbahnhof Sewastopol

Ein Dank geht an Sebastian Schulz für den technischen Support. Liane

Die Gedichte  wurden veröffentlicht in der Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015.

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Andreas Schrock: Der Rest der Revolution

Der Rest der Revolution Wir wimmern, statt zu schrein. Wir zärteln und scheuen den Kuss. Die Revoluzze im Bett, verhandeln wir wer oben und wer unten liegen muss.

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Wir wimmern, statt zu schrein.
Wir zärteln und scheuen den Kuss.

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Die Revoluzze im Bett, verhandeln wir
wer oben und wer unten liegen muss.

 

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Andreas Schrock: Depression

ich fliege von blüte zu blüte, und blüte zu blüte, gleich mit beginn der zeit, im frühling, wenns blüht und glüht, die sonne, die wonne dann flieg ich, bis zum herbst, ...

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ich fliege
von blüte zu blüte,
und blüte zu blüte, gleich
mit beginn der zeit,
im frühling, wenns blüht
und glüht, die sonne,
die wonne

dann flieg ich,
bis zum herbst, da sterbst,
im Blute, ich gute,
nehm nur die gute zeit, bereit

nicht im dunkeln, nein,
da nicht, ich kann nur
als licht

das herzeleid,
in herbstezeit
ertrag ich nicht

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Andreas Schrock – Haiku: worte wehen leis`

worte wehen leis` vom blatt wie segelflieger im sommerabend

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worte wehen leis`*
vom blatt wie segelflieger*
im sommerabend

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für maria, Gedankenwasser 114
andreas schrock

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Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015 – Andreas Schrock: satt liegt der abend

satt liegt der abend so in der hängematte zwischen dir und mir

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Andreas S.: klassentreffen

was wäre denn, als idee nur, beim tuscheln in der bank, was wäre denn, wenn wir zusammenhielten nach fünfundzwanzig jahren, wenn wir beschützten einander, wenn mein lächeln dir gälte, als kameradin, sagt man nicht mehr, als schwester vielleicht, oder freundin auf zeit was wäre denn, wenn wir wüssten, wie erwachsene und glaubten, wie kinder, wenn wir uns führten und berührten, uns erzählten und erwählten im flaschendrehn, brächte ich dich bis zur haustür, bis morgen, dann fingen wir neu an.

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was wäre denn, als idee nur,
beim tuscheln in der bank,
was wäre denn, wenn
wir zusammenhielten nach
fünfundzwanzig jahren, wenn
wir beschützten einander, wenn
mein lächeln dir gälte, als
kameradin, sagt man nicht mehr,
als schwester vielleicht,
oder freundin auf zeit
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was wäre denn, wenn
wir wüssten, wie erwachsene
und glaubten, wie kinder, wenn
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wir uns führten und berührten,
uns erzählten und erwählten
im flaschendrehn,
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brächte ich dich
bis zur haustür,
bis morgen, dann
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fingen wir neu an.

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Andreas Schrock: frühling in dresden

frühling in dresden wenn der schnee schmilzt steigt der elbpegel, aber das hat eigentlich noch nie einen interessiert. in den kellergewölben tanzen wir bis das licht ausfällt. das frühstück mit dir ist wie`s abendbrot. du bist hellwach, immergleich, deine hände brötchenwarm. es regnet lindenblüten, aber es ist ohne bedeutung. ich lauf durch die straßen und bin immer schon da. komm, wir feiern abschied. trinken sekt, hören kurzwelle und knoten ein taschentuch an die antenne.

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wenn der schnee schmilzt
steigt der elbpegel, aber das
hat eigentlich noch nie
einen interessiert.

in den kellergewölben
tanzen wir bis
das licht ausfällt.

das frühstück mit dir
ist wie`s abendbrot. du
bist hellwach, immergleich,
deine hände brötchenwarm.

es regnet lindenblüten,
aber es ist ohne bedeutung.
ich lauf durch die straßen
und bin immer schon da.

komm, wir feiern abschied.
trinken sekt, hören kurzwelle
und knoten ein taschentuch
an die antenne.

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Andreas Schrock: dorfstraße nachts

das dach hängt schief im gemäuer ein hund springt mich an meine seele ist dran flacher wind treibt tränen ins gesicht fernlicht blendet der fahrer hält auf mich zu ich spür meinen atem rasseln ein betrunkener radelt die straße hinab brummt sorglos: heim, nur heim tür zu hund raus blinder fleck

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das dach hängt
schief im gemäuer
ein hund springt mich an
meine seele ist dran

flacher wind treibt
tränen ins gesicht
fernlicht blendet
der fahrer hält
auf mich zu
ich spür meinen atem
rasseln

ein betrunkener radelt
die straße hinab
brummt sorglos:
heim, nur heim
tür zu hund raus
blinder fleck

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Andreas Schrock: hafengelände, mitternacht

zwei mädchen warteten auf den steuermann der aber wußte nicht, daß er steuern kann ein andrer kam und bot sich an sie schickten ihn fort, den falschen mann die mädchen warteten, froren und summten das lied vom steuermann dem lumpen der steuermann betrank sich der andre mann erhang sich die mädchen gingen langsam heim: der morgige tag würde schöner sein

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zwei mädchen warteten auf den steuermann
der aber wußte nicht, daß er steuern kann

ein andrer kam und bot sich an
sie schickten ihn fort, den falschen mann

die mädchen warteten, froren und summten
das lied vom steuermann dem lumpen

der steuermann betrank sich
der andre mann erhang sich

die mädchen gingen langsam heim:
der morgige tag würde schöner sein

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(Veröffentlicht in : “Zwischen den Zeiten 1990-2000″ (Anth.); hrsg. von Eitel Kunst e.V., Peter-Segler-Verlag, 2003, 2. Aufl., ISBN 978-3-931445-07-2)

 

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Andreas Schrock: Die Lücke

Ach, wissen Sie, das Mikrofon ist aus, nicht wahr? Ich hab es mit den Nazis, nur ein bißchen. So ein bißchen war ich, Mädchen, im BDM, Sie Feingeist. Ach, wissen Sie, mein Mann, starb einen schönen Tod, `nen schnellen, nach dem Frühstück,

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Ach, wissen Sie, das Mikrofon
ist aus, nicht wahr? Ich hab es mit
den Nazis, nur ein bißchen.
So ein bißchen war ich, Mädchen,
im BDM, Sie Feingeist.

Ach, wissen Sie, mein Mann,
starb einen schönen Tod,
`nen schnellen, nach dem Frühstück,
auf der Bank, vorm Haus.

Und so aktiv noch bin ich,
mit achtzig. Aber schnell
muß es gehen. Schnell
und schön: der Tod, das Leben.
Und keine Lücke, bitte!

Ach, wissen Sie, die Lücke
ist ja nicht totzukriegen
im Leben, unsereins
hat immer was zu stopfen,
wie’n Zahnarzt, so am Stuhl.

Ach, Sie! Ich fall’ nicht aus der Welt,
nicht in den Sack,
nicht in den Pfuhl.

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*** Aus der Anthologie unDichternebel: 2001 – 2015 – Andreas Schrock: Busbahnhof Sewastopol

Wie ein Greifvogel fällt die Dämmerung in die awtozanzija, über Männer mit leeren Kartoffelsäcken, über Mädchen mit Handtaschen, über das Kind. Da hinein fällt die Dämmerung, fällt das Licht des Linienbusses, spärlich, ins Donezkbecken fährt er, gut tausend Kilometer, budjet, budjet. Auf den letzten Plätzen sitzen wir, dein Gesicht, deine großen Augen gegen den dunklen Himmel. Nach Jalta oder weiter nach Donezk fliegen unsere Gedanken dem Busfahrer voraus.Die deschurnaja ist jung, eine djewotschka, die durchzählt mit klarem Blick. Voraus fliegen unsere Wünsche, ein Bus voll Erwartung, schweigend, schaukelt die Küstenstraße, Kurve um Kurve am Mittelstreifen entlang. Der Mond scheint wie eine halbierte Melone, hängt unwirklich, ungelenk, nichts voreilige festlegend, purzeln die Worte, geht die Fahrt ins offene Land.

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Wie ein Greifvogel fällt die Dämmerung
in die awtozanzija, über Männer mit
leeren Kartoffelsäcken, über Mädchen
mit Handtaschen, über das Kind.

Da hinein fällt die Dämmerung, fällt das Licht
des Linienbusses, spärlich, ins Donezkbecken
fährt er, gut tausend Kilometer, budjet, budjet.

Auf den letzten Plätzen sitzen wir,
dein Gesicht, deine großen Augen
gegen den dunklen Himmel. Nach
Jalta oder weiter nach Donezk
fliegen unsere Gedanken dem
Busfahrer voraus.Die deschurnaja
ist jung, eine djewotschka, die
durchzählt mit klarem Blick.

Voraus fliegen unsere Wünsche, ein Bus
voll Erwartung, schweigend, schaukelt
die Küstenstraße, Kurve um Kurve
am Mittelstreifen entlang.

Der Mond scheint wie eine
halbierte Melone, hängt
unwirklich, ungelenk, nichts
voreilige festlegend,
purzeln die Worte,

geht die Fahrt ins
offene Land.

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