Monthly Archives: April 2020

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Isabel Arndt: Sabbattagebuch VI 29.04.20

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Etwas ist neu am Sitzen. Dachte bisher, man sitzt in diversen dafür vorgesehenen Möbeln oder je nach Bodenbelag eben darauf und kommt mit den Ameisen klar oder nicht. Und steht auf, wenn’s weh tut oder es irgendwie Zeit ist. Aber so direkt mitten in der Zeit sitzen, festsitzen, kein Hafturlaub und sowieso per se angeklagt, ein Corona-Verbreiter zu sein – ist neu. Ich hatte mal irgendwelche Rechte, aber das war davor. Alles davor war die alte Zeitrechnung. Kuckst du Bilder mit vielen Leuten an, weißt du gleich: davor. Christi Auferstehung dieses Jahr gleich auf die neue Art gefeiert. Omas Geldbrief im Briefkasten gefunden. Effizient. Musste auch nicht wegen des Kartoffelsalats lügen, brauchte ihn gar nicht erst essen. Gefällt mir. Und im Schlafanzug mit Laptop aufm Schoß auf der Couch heißt homeoffice. Sitzt sich total bequem. Kein Stau aufm Weg ins Büro. Auch schön.

Nur nicht dran denken. Wo ich jetzt eigentlich…in transatlantischen Bussen… gesessen hätte. Kratzige Stoffe südamerikanischer Bäuerinnen im Schlaglochrhythmus andiner Serpentinen auf die Haut gepresst, nur nicht raus in den Abgrund schauen, nicht die Augen zumachen, aufs Gepäck achten, immer, und die Ohren verstopfen, all die telenovelas ohne Unterlass und mein Magen oder Darm würden ab und zu ihren Unmut äußern müssen über was man hier so verdauen soll, ach eigentlich…

…sitze ich dort auch grade fest. Aber denk ich mir alte Holzdielen und Brandung dazu. Denk ich mir mitten in Chile eine Insel. Isla Negra. Und bin dort im gesammelten Leben von Pablo Neruda zwischen Gallionsfiguren, Flaschenschiffen und Muscheln, Sesseln auch. Sitze dort außerhalb der Zeit und schreibe zwanzig Liebesgedichte aus Wind und Leidenschaft und Poesie.

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Lars Steger – Rezension: Und wenn ich schweige

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„Und wenn ich schweige, brennt mein Herz“ – was gibt es dazu noch zu sagen …

(zu Hinnerk Einhorn. Osirisdruck Leipzig. ISBN  978-3-941394-04-9)

Man soll Texte ja eigentlich nicht kommentieren. Vor allem nicht die, die einem schon lange im Hals stecken. Die kommen immer zur Unzeit. Manchmal, weil sie ZU aktuell wirken, auch wenn sie es gar nicht sind.

Anderseits (oder außerdem?) hab ich grad Hinnerk Einhorns letzten Band „Und wenn ich schweige, brennt mein Herz“ gelesen und macht mich stumm, wie souverän er mit dem Thema Tod umgeht. Ein ganzer Band Gedichte von Tod und Sterben  – und vor allem dabei vom (Weiter-)Leben! Für mich ganz stark. Gerade in all der Zerbrechlichkeit. Eine Privatheit, eine Nähe am Autor, schmerzhaft ehrlich und gerade dabei die Dinge benennend, denen keiner von uns entgehen kann. Stärke daraus ziehend – mit den Leben und seinen Enden umzugehen. Das endlich zu können. Ohne Selbstbetrug,  ohne Verdrängung. Annahme.

Ein Band, den ich nur gedichteweise lesen konnte und wollte, mit dem ich zu einer alten Gewohnheit zurückgefunden habe: den Tag mit ein zwei Gedichten zu beginnen auf dem Balkon. Danke Hinnerk!

Danke auch, dass du mich wieder Notizen machen lässt. Auch wenn die nicht deinen literarischen Ansprüchen entsprechen:

Die tiefere Wahrheit

heißt ganz einfach:

Lebe!

Und im besten Fall

so, dass das Leben

einen Sinn hat.

für dich, für die Deinen,

für die, die an dich glauben,

für die, die dich brauchen,

ohne dich je zu kennen

Lars Steger

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Andreas Schrock: Annäherung an die Ikonenmalerei

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Zuerst ist die Farbe. Oder die Idee von einer Farbe: Kaffee. Tante G. hatte mir Bilder gezeigt, die während ihrer Reha entstanden. Landschaften in Brauntönen, gemalt mit einer wässrigen Lösung aus gefriergetrocknetem Kaffee. Ich bereite einen, wie ich meine, kräftigen Sud. Doch es funktioniert nicht. Die Striche auf dem Blatt bleiben blass, ohne Kraft.

Also steige ich auf Aquarell und Umbra um. „Umbra“ klingt irgendwie gut. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heißt Schatten. Umbra wird landläufig mit Römischbraun übersetzt. Ich suche eine Vorlage aus dem Netz, dann die Farben in den Näpfchen.

Wie soll das Licht fallen? Ich könnte versuchen, das Gesicht aus sich selbst heraus leuchten zu lassen, wie manche Ikonenmaler es tun. Also ohne Schatten, ohne Tiefe, eben flach. Aber das wäre verrückt! Generationen von Malern haben daran gearbeitet, den Raum (die Perspektive, die Tiefe) auf die Leinwand zu kriegen. Die Welt gewissermaßen auf das Kunstwerk zu erweitern. Nur die Expressionisten waren anders, glaube ich. Und dann soll man einfach Fläche malen?! Andererseits: Wenn man Fläche malte, wäre das auch ein Zeichen. Der (irdische) Raum würde unwichtig, das Blatt würde zur Grenze zwischen Immanenz (Welt) und Transzendenz (dem Dahinterliegenden). Im günstigste Fall spräche es, wie eben ein Kunstwerk spricht. Was es sagt, ist die spannende Frage!

Sollte ich Christus malen? Oder auch Gottvater, den Heiligen Geist, Maria und diverse Heilige, wie in den letzten 500 Jahren üblich? Und wenn schon so viele Heilige, warum nicht auch Menschen wie dich und mich? Gut, dann aber wäre der Heiligenschein im Wege. Ich blättere im Netz, es flüstert aus verschiedenen Ecken: Gold ist Zeichen für Göttliches. Aber Moment mal, ist nicht auch ein Ehering normalerweise aus Gold? Ich entscheide mich für Gold, aber nicht um den Kopf herum, sondern als Fläche dahinter. So, als hinge ein Fließ an der Wand. Dann wäre die Gefahr der Selbstüberhebung gebannt, denn das Göttliche ist im Raum, einfach so.

Eine erste Skizze entsteht. Ich bin nicht besonders zufrieden. Nichts stimmt so richtig. Aber für heute ist es genug. Das Wort Ikone stammt aus dem Griechischen und heißt Abbild. Ikonen können Meditationsbilder sein. Man soll eine Kerze davor aufstellen, heißt es. Im Schein der brennenden Kerze fangen sie an zu leben.

Andreas Schrock

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