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sibyl maschler (Foto und Text): Auf den Spuren einer poetischen Gebärde

Auf den Spuren einer poetischen Gebärde Nun bin ich wieder hier, in Lüttenort, im charmant nachlässig gehaltenen Garten und in den einstigen Räumen von Otto Niemeyer Holstein. Früher war es eine vertraute Landschaft für mich, wie Heimat, heute drängt sich ein Museumspavillion auf. Obwohl mich der Kassenbereich mit seinen Katalogen, Karten und dem Kitsch schon seit Jahren verstört, habe ich mich noch immer nicht an ihn gewöhnen können. In den 80-er Jahren hatte ich eine langjährige, sehr gute Freundin, deren Mutter Malerin war, eine freischaffende Künstlerin. Sie fuhr manchmal den alten Holstein besuchen und malte dann dort oben auf Usedom. So kam es, dass auch ich mich mit der Malerei zu beschäftigen begann. Schon bald entdeckte ich Bücher der Worpsweder Künstlerkolonie. Zunächst verschlang ich die „Briefe und Aufzeichnungen“ von Paula Modersohn-Becker. Über sie stieß ich auf Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler… und die Bildhauerin Clara Westhoff, die spätere Frau Rilkes. Die Kunst dieser Schaffenden reduzierte sich absolut auf das Wesentliche und ist somit vergleichbar mit Lyrik.

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sibyl maschler – Foto: Moorgras in Worpswede

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Auf den Spuren einer poetischen Gebärde

Nun bin ich wieder hier, in Lüttenort, im charmant nachlässig gehaltenen Garten und in den einstigen Räumen von Otto Niemeyer Holstein. Früher war es eine vertraute Landschaft für mich, wie Heimat, heute drängt sich ein Museumspavillion auf. Obwohl mich der Kassenbereich mit seinen Katalogen, Karten und dem Kitsch schon seit Jahren verstört, habe ich mich noch immer nicht an ihn gewöhnen können. In den 80-er Jahren hatte ich eine langjährige, sehr gute Freundin, deren Mutter Malerin war, eine freischaffende Künstlerin. Sie fuhr manchmal den alten Holstein besuchen und malte dann dort oben auf Usedom. So kam es, dass auch ich mich mit der Malerei zu beschäftigen begann. Schon bald entdeckte ich Bücher der Worpsweder Künstlerkolonie. Zunächst verschlang ich die „Briefe und Aufzeichnungen“ von Paula Modersohn-Becker. Über sie stieß ich auf Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler… und die Bildhauerin Clara Westhoff, die spätere Frau Rilkes. Die Kunst dieser Schaffenden reduzierte sich absolut auf das Wesentliche und ist somit vergleichbar mit Lyrik.

Mein damaliger Freund, aus dem Westteil Berlins, schenkte mir das Buch: „Die ersten Maler von Worpswede“. Ich las und schaute ihre Bilder, weniger mit den Augen als mit dem Herzen. Paula Becker rührte mich so sehr an, dass ich nicht mehr an mich halten konnte. Ich begann mit Lesungen in der Medizinischen Fachschule in Halle, wo ich studierte, las in meinem sogenannten Praktikumsbetrieb, der Poliklinik in Potsdam, aber auch in den Jungen Gemeinden, wo ich zu Hause war. Während ich vorlas und schwärmte, wuchs ich immer mehr in die Worpsweder Landschaft hinein, in das schwarze Moor, die windgebeugten Birkenhaine und all die schlichten, dichten Bilder einer Hochkunst. Gleichzeitig entdeckte ich Rainer Maria Rilke. Er war der erste Biograph der Kolonie. Seine Freundschaft mit H. Vogeler hatte zur Folge, dass eine der poesiefernsten Gegenden Europas von einem Hauch beginnender Weltliteratur gestreift wurde.

In einem Potsdamer Antiquariat, der gegenwärtigen Stiftsbuchhandlung am Bassinplatz, ließ sich ohne Umstände so etwas wie ein Rilke-Abonnement organisieren. Ich musste dort lediglich ein paar frankierte und an mich adressierte Postkarten hinterlegen. Wenn dann im Antiquariat ein Buch meines verehrten Dichters zum Weiterverkauf abgegeben wurde, bekam ich eine meiner Postkarten zurück, fuhr wenig später mit dem Bus Richtung Innenstadt und konnte das Exemplar vorzugsweise kaufen. „Duineser Elegien“ 1948, für 4 Mark. „Gedichte“, mit handschriftlichen Genesungswünschen von Helga, 6 Mark; in drei Bänden für 20 Mark. „Erzählungen und Skizzen“ 1963, 10 Mark, alles aus dem Insel-Verlag. Die Erstausgabe von 1913 „Auguste Rodin“ kostete zwar 35 Mark,  enthält dafür aber die wahrhaft grenzüberschreitende Begegnung gleich zweier Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Interessant sind auch „R.M.R. und das Christentum“ aus dem Heliand-Verlag Lüneburg (1949) oder „Rilke in Frankreich“ vom H. Reichner-Verlag (1944). Jedenfalls verfüge ich über elfenbeinfarbene Schätze, Seite für Seite, manche leicht wie durchscheinendes Pergament, die meisten in braunem Leineneinband, die ich nicht missen möchte.

Im DDR-Buchhandel war 1976 im Aufbau-Verlag ein völlig entgegen gesetztes Buch erschienen: „Rilke-Studien; Zu Werk- und Wirkungsgeschichte“. Als Anlass wurden sowohl der 100. Geburtstag als auch der 50. Todestag des Dichters angegeben. Eine sozialistische, würdelose Interpretation, die Analyse entbehrt jeglichen Respekt.

1989 kam die Wende und wenig später die Entscheidung zu einer ersten Reise nach Westdeutschland. Mein Freund und ich einigten sich schnell auf Bremen und Worpswede. Doch es folgten Tage der Ernüchterung. Die touristisch erschlossene Realität deckte sich keinesfalls mit meinen gesammelten Vorstellungen der Vergangenheit. Ich musste feststellen, dass ich mir eine wundersame, lyrische Imagination erschaffen hatte, die kaum einer Wirklichkeit standhalten konnte. Wenig Moor, dafür viel Mais, Kuchenpfade voller Menschen. Dabei hätte ich meine eigenen Bilder so gern unbeschädigt behalten. Um ein kleines Mitbringsel kam ich dennoch nicht umhin. Ich wählte ein Buch über Fritz Mackensen (Worpsweder Verlag 1990; Hamm und Küster). Ein dreiviertel Jahr später planten wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub ins Ausland. Es sollte der Zeitraum Weihnachten 1990 bis Neujahr 1991 sein. Mein Freund bevorzugte in der kalten Jahreszeit den warmen Süden, ich jedoch ein traditionelles Weihnachtsfest mit Christbaum und verschneiten Wäldern. Als ich dann aber mein Vorhaben äußerte, mein Leben lang ab und an mal auf den Spuren Rilkes pilgern zu wollen, kamen wir auf Ägypten. Es wurde ein besonderer Urlaub. An den Stränden und in der Wüste las ich Rilke. Ich erschloss ihn mir in verschiedenen Facetten. Dass er eine Tochter mit Clara Westhoff hatte, war mir bekannt. Übrigens steht das Domizil der beiden nicht mehr als Wallfahrtsort zur Verfügung. Es brannte in den 20-er Jahren symbolträchtig ab. Dass Rilke aber noch ein zweites Kind zeugte, sehr viel später und mit einer guten Freundin, und diese dazu drängte, jenes Kind nicht auszutragen, erfuhr ich erst jetzt.

Gleichsam schälten sich Verse, Briefe, Notizen heraus, die immer und immer wieder nach Wiederholung verlangten. „Die Ansprüche, welche die schwere Arbeit der Liebe an unsere Entwicklung stellt, sind überlebensgroß, und wir sind ihnen, als Anfänger, nicht gewachsen. Wenn wir aber doch aushalten und diese Liebe auf uns nehmen als Last und Lehrzeit…, – so wird ein kleiner Fortschritt und eine Erleichterung denen, die nach uns kommen, vielleicht fühlbar sein; das wäre viel. 1904“  oder „… die gute Ehe ist, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt. 1901“

Andererseits kauften wir zum Beispiel Kekse in Ägypten, die nicht nur pappig, sondern auch von Wurmspuren durchsetzt waren. Als wir sie einer Eselin füttern wollten, waren wir plötzlich von Kindern umringt und hatten keine Chance mehr, sie dem Tier hinzustreuen.

In Deutschland spürte ich nach und nach Rilke-Abende auf, Kulturveranstaltungen. Im Jahr 2000 lasen z.B. Ulrike Grote und Matthias Fuchs Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Rilke und Claire Goll. Doppel-CD: „Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen“. Und wahrlich, die Stimmen klingen voll Sehnsucht. Es wird in einem feinen Ton der Weihe dialogisch gelesen, zauberhaft, finde ich. Rilke nannte Claire „Liliane“.

Da ich bald auf die evangelische Zeitschrift „Chrismon“ aufmerksam wurde, fand ich 2005 im Kreuz-plus Musik-Verlag die „Geschichten vom lieben Gott“. Man hört darauf die Stimme einer noch jungen Martina Gedeck. Ich mag diese Schauspielerin, nicht zuletzt durch ihre Rollen in „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Die Auslöschung“ mit Klaus Maria Brandauer. Martina Gedeck liest Rilkes Geschichten sehr wohl temperiert, einladend, fast gütig. Ebenfalls 2005 erschienen im Audiobuch-Verlag vier Liebesgeschichten, gelesen von Wolf Frass, die jedoch nicht ganz so brillieren. Wirklich gelungene Hervorbringungen sind auch die vier Rilke-Projekt-CDs der Komponisten Schönherz und Fleer. Einigen Interpreten vermögen einen spinn´netzfeinen Traum zu weben. Die anschließende Vermarktung, beispielsweise im Berliner Temporom, erlebte ich jedoch künstlich überladen, fast süßlich und vernebelt. Naja, ich möchte meine Sammlung keinesfalls vollends aufzählen. Wer sich übrigens Hörbücher ausleihen möchte, kann sich gern bei mir melden. Ich würde sie dann zum nächsten Seminar mitbringen. Und falls jemand den Schauspieler Oskar Werner mag, so möchte ich die von ihm eingespielte Doppel-CD auch gern verschenken. Obwohl in sympathisch-österreichischer Mundart gelesen, entspricht die laute, kraftvolle Darbietung von „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ leider gar nicht meinem Geschmack.

Zwischenzeitlich rundete ich mein Wissen durch Reisen nach Paris, München, Spanien und nach Schweden, einem Land von fast schmerzlich grün-blauer Klarheit. Orte, die Rilke aufsuchte und mit seinem Atem durchdrang.

Zu den Hör-CDs seien abschließend lediglich die fast 500 Minuten und somit sechs CDs erwähnt, die benötigt werden, um die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu lesen. Zur Erläuterung des Inhalts möchte ich ein kurzes Zitat des Hörmedia-Verlages einstreuen: „Die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch offenbaren die Seele eines zerrütteten jungen Mannes, der im Schreiben Zuflucht vor der Wirklichkeit sucht. In seinem einzigen Roman verarbeitet Rilke fulminant die Begegnung mit der Moderne und wendet sich radikal und auf sprachlich eindrucksvolle Weise der Welt menschlicher Erfahrung zu.“  Der Sprecher, Patrick Imhof, liest mit angenehmem Gleichmaß, mit stimmlich ausgewogenen Höhen und Tiefen, so dass der Phantasie der Zuhörenden noch genügend Freiraum für Eigenes bleibt. Er liest mit angepasst wechselndem Tempo. Ich werde nicht müde, die CDs immer mal wieder zu hören, lese aber ebenso gern in meinem guten, alten Buch aus dem Jahre 1958.

Man kann Rilke aber auch auf verschiedenen Kirchentagen begegnen. So hörten wir erst vor einigen Wochen eine Auswahl aus dem „Stunden-Buch“ auf dem Stuttgarter Kirchentag. Der Professor, Theologe und Schriftsteller M. S. Burrows inszenierte poetisch-musikalisch ganz hervorragend mit Prof. Dr. G. Fermor. Mein eigenes Stunden-Buch ist übrigens ein wundervoller Druck in altdeutscher Schrift (1927). Ich stöbere nun mit einem neuen Hintergrund darin.

Während des Bremer Kirchentages 2009 fuhr ich ein weiteres Mal Richtung Worpswede hinaus. Eine ortsansässige Bekannte führte mich, entlang der vielarmigen Wumme, nach Fischerhude, einem Landstrich, welcher der komplette Gegenentwurf des heutigen Worpswedes ist. So wurde ich wieder versöhnt mit dem geliebten, kargen, nördlichen Landstrich, fand Ursprünglichkeit, bemoosten Strohdächer und grasende Tiere.

Langfristig hoffe ich auf politisch befriedete Zeiten in Russland, insbesondere für die Menschen, die dort leben. Denn dann werde ich noch auf der Wolga reisen und das Land ringsum schauen. Und natürlich dürfen die letzten Lebensstationen Rilkes nicht fehlen: Duino bei Triest und der Schweizer Kanton Wallis.

Und was schrieb Rilke eigentlich zur Kunst? „Kunst ist das Mittel Einzelner, Einsamer, sich selbst zu erfüllen. … Wisset denn, daß der Künstler für sich schafft – einzig für sich… Er hat im Innern nicht Raum für seine Vergangenheit, darum gibt er ihr in Werken ein losgelöstes, eigenmächtiges Dasein. Aber nur weil er keine andere Materie weiß als die eurer Welt, stellt er sie in eure Tage. Sie sind nicht für euch. Rühret nicht daran, und habet Ehrfurcht vor ihnen. Tb, S. 35, Mai 1898“

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Liane Fehler: sieben Wünsche für smt

Der Slider ist heute Dir, lieber smt, gewidmet, verbunden mit einem Dank für Deine stets freundliche und hilfsbereite Art, mit der Du uns “Eitlen Künstlern” und Freunden der “UnDichter”stets begegnest. Schön, dass es Dich gibt! ▶ Hinweis: Dies ist eine Vorschau. Um diesen Artikel (und die Links zu den Lyrikvideos) zu öffnen, bitte in die türkisfarbene Überschrift oder auf das Wort “Weiterlesen” klicken. ▶ Note: This is a preview. Please click in the turquoise-colored heading, to open the article. Lieber Stephan ich wünsche Dir: dass Du Dich geben kannst, "wie im Tal ... die Myrte, die ihren Duft verströmt". ▶ Khalil Gibran: vom Geben Glück ▶ Rainer Maria Rilke: Wenn es nur einmal so ganz stille wäre Erkenntnis ▶ Stefan Zweig: Die Frage Lebensklugheit ▶ Ovid: Nicht immer blühen die Veilchen Hoffnung ▶ Johann Wolfgang Goethe: Gegenwart "Ein Rausch, der alle Sinne mengt" ▶ Stefan George: Da waren Trümmer nicht noch Scherben und dass der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt, Dich beschützt und Dir hilft zu leben ▶ Hermann Hesse: Stufen in diesem Sinne alles Gute! Liane

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Lieber Stephan ich wünsche Dir:

dass Du Dich geben kannst, „wie im Tal … die Myrte, die ihren Duft verströmt“.

▶ Khalil Gibran: vom Geben

Glück
▶ Rainer Maria Rilke: Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Erkenntnis

▶ Stefan Zweig: Die Frage

Lebensklugheit

▶ Ovid: Nicht immer blühen die Veilchen

Hoffnung

▶ Johann Wolfgang Goethe: Gegenwart

„Ein Rausch, der alle Sinne mengt“

▶ Stefan George: Da waren Trümmer nicht noch Scherben

und dass der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt, Dich beschützt  und Dir hilft zu leben

▶ Hermann Hesse: Stufen

in diesem Sinne alles Gute!

Liane

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Der Slider ist heute Dir, lieber smt, gewidmet, verbunden mit einem Dank für Deine stets freundliche und hilfsbereite Art, mit der Du uns “Eitlen Künstlern” und Freunden der “UnDichter” stets begegnest. Schön, dass es Dich gibt!

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