Categotry Archives: Jennifer Müller

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Jennifer Müller: Lino & Anna

Lino & Anna Der Tag, an dem ich ihn traf, war ein Montag. Man hatte mich beurlaubt und ich war mehr denn je versunken in dem Gefühl völlig nutzlos zu sein. Tagsüber lag ich nun meistens auf der Couch und starrte aus dem Fenster. An besagtem Montag hatte es mich jegliche Kraft- und Mutreserven gekostet, aber nun saß ich auf einem dieser Behindertenstühle in einem wirklich sehr kahlen und ungemütlich kleinen Raum. Behindertenstühle deswegen, weil man mit ihnen wippen kann. Das sieht einfach behindert aus und ich habe mich immer geweigert zu wippen. Das ist eines der wenigen Dinge, auf die ich stolz bin, denn man wird automatisch dazu verleitet zu wippen. Man merkt das gar nicht, das ist ein so unbewusster Vorgang, dass die meisten gar nicht mitbekommen, dass sie wippen und dabei so wahnsinnig behindert aussehen. Aber ich widerstand voller Trotz dem Drang danach zu wippen. Herrin meiner Handlungen! Anna Sonntag, die Unbezwingbare, die Selbstbestimmte, die beurlaubte Juristin in einem Behindertenstuhl, NICHT WIPPEND! Und gerade, als ich ...

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Lino & Anna

Der Tag, an dem ich ihn traf, war ein Montag.

Man hatte mich beurlaubt und ich war mehr denn je versunken in dem Gefühl völlig nutzlos zu sein. Tagsüber lag ich nun meistens auf der Couch und starrte aus dem Fenster. An besagtem Montag hatte es mich jegliche Kraft- und Mutreserven gekostet, aber nun saß ich auf einem dieser Behindertenstühle in einem wirklich sehr kahlen und ungemütlich kleinen Raum. Behindertenstühle deswegen, weil man mit ihnen wippen kann. Das sieht einfach behindert aus und ich habe mich immer geweigert zu wippen. Das ist eines der wenigen Dinge, auf die ich stolz bin, denn man wird automatisch dazu verleitet zu wippen. Man merkt das gar nicht, das ist ein so unbewusster Vorgang, dass die meisten gar nicht mitbekommen, dass sie wippen und dabei so wahnsinnig behindert aussehen. Aber ich widerstand voller Trotz dem Drang danach zu wippen. Herrin meiner Handlungen! Anna Sonntag, die Unbezwingbare, die Selbstbestimmte, die beurlaubte Juristin in einem Behindertenstuhl, NICHT WIPPEND!

Und gerade, als ich innerlich voller Stolz und Eigenbewunderung einem Selbstlob verfiel, betrat er den Raum. Mit seinen hängenden Schultern und dem trampeligen Gang machte er sofort einen seltsam bemitleidenswerten Eindruck. Tiefe Augenringe, eine rote Säufernase und zerzauste, aschblonde Haare. Stoppelige Wangen verbargen mehr schlecht als recht seine Aknenarben. Er schmiss sich auf den nächstbesten Stuhl und legte die Ellenbogen auf die Lehnen.

„Jetzt fängt er gleich an zu wippen“, dachte ich, meinen Blick ungeniert auf ihn gerichtet. Einige Sekunden vergingen und er saß einfach da und ich starrte ihn an. Er wippte nicht. Ich glaube, deshalb kam er mir vor wie der einzige zurechnungsfähige Mensch in diesem Raum. Wir zwei waren anders, das sah man sofort. Wir waren die Selbstbestimmten in diesem Raum voller nichtsnutziger Säufer, die alle fröhlich vor sich hin wippten.

Sogar der Gruppenleiter tat es! Vielleicht dachte er, es hätte einen tieferen psychologisch bedingten Sinn, eine Art Kollektivempfinden und vielleicht würde er uns auffordern, es ihnen gleich zu tun.

Aber es blieb dabei. Die Wippenden fingen an sich vorzustellen und die Situation kam mir plötzlich unwirklich vor. Ich mochte ihnen nicht zuhören. Ich wollte ihre Trinkgeschichten nicht hören, ihre stolzen Worte über Entzüge und Trockensein. Sie machten sich alle nur selbst etwas vor, ich wusste es und der einzig andere zurechnungsfähige Mensch in diesem Raum wusste es allem Anschein nach auch, denn als die Blicke auf ihn gerichtet waren, sprach er mit einer kläglich heiseren Stimme aus, was sich niemand eingestehen will.

„Wir alle sind krank. Ob wir daran Schuld sind oder nicht, sei dahin gestellt. Aber leben müssen wir damit, macht euch nichts vor, es gibt keine Heilung… nur Entscheidungen …“

Und dann verstummte er. Sein Körper war erstarrt, nur sein Mund hatte sich bewegt. Er machte einen merkwürdig apathischen Eindruck, er hatte sich nicht einmal umgesehen oder eine Hand zur ausdrücklichen Geste gehoben, nicht einmal ein Finger hatte gezuckt und nun hüllte es den Raum in Schweigen.

Er hatte sich entschieden. Dieser fremde Mann dort, war in seiner vollen Erscheinung ein Meisterwerk an Entscheidungskraft und er saß dort wie ein Ausrufezeichen.

„Danke… für diesen Beitrag… warum erzählst du uns nicht etwas über dich?“ fragte der Gruppenleiter, dessen Name mir völlig entgangen war und den ich in seiner wippenden Erscheinung auch gar nicht weiter beachten wollte.

„Mein Name ist Lino.“ sagte er, heiser aber bestimmt. Ich sah, wie sich sein Blick vom Boden löste und einmal reihum die Wippenden übersah, bis er den meinen traf.

Mehr sagte er nicht. Und mehr hatte ich auch nicht zu sagen als ich dran war.

„Ich heiße Anna.“ murmelte ich, den Blick auf Lino gerichtet und dann sah ich seine Mundwinkel zucken, nicht wissend, ob er sich dazu entschieden hatte, oder nicht.

Jennifer Müller

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Jennifer Müller: Halb drei

Kalter Rauch Schwarz und grau Schon lange nicht mehr Himmelblau Tiefe Nacht Trägt Kälte durch Die Straßen fegt mir Durch das Haar Und bläßt die

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Halb drei
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Kalter Rauch
Schwarz und grau
Schon lange nicht mehr
Himmelblau

Tiefe Nacht
Trägt Kälte durch
Die Straßen fegt mir
Durch das Haar

Und bläßt die
Zigarettenwolken
Weit hinaus
Ins schwarze Nichts

Laute Musik und
Tobender Bass
Dringt durch den Boden
Zu mir hinauf

Brennender lang
Vermisster Geschmack
Von Whiskey liegt mir
Auf der Zunge

Nacht ists
In Berlin
Eine sternenlose
Schwarze Nacht

Juli 2013

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Jennifer Müller: Tanzwut

Gleichgültige Bewegungen Zum Rhythmus der Musik Mechanische Motorik Viel zu sagen gibt es ja auch nicht Menschen ohne Gesichter Eine Masse tanzender In Ekstase versetzter Hohlköpfe Knutschend in der Ecke Die einzelnen Liebespaare

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Gleichgültige Bewegungen
Zum Rhythmus der Musik
Mechanische Motorik
Viel zu sagen gibt es ja auch nicht
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Menschen ohne Gesichter
Eine Masse tanzender
In Ekstase versetzter Hohlköpfe
Knutschend in der Ecke
Die einzelnen Liebespaare
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Discolicht flackernd macht
Alles unrealer als es ist
Wochenendtanzwut
Nur treibt man manchmal
Einfach nicht mit

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Jennifer Müller: Schwäche

Herrliche Schwäche Von Kopf bis Fuß Gänsehautfieber In der einsamen Stille lerne und lebe ich damit Ein Fleck Im bunten Bild getarnt Im Alltag wichtig und unwichtig Ein Detail das zerreißt

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Herrliche Schwäche
Von Kopf bis Fuß
Gänsehautfieber
In der einsamen Stille
lerne und lebe ich damit
Ein Fleck
Im bunten Bild getarnt
Im Alltag wichtig und unwichtig
Ein Detail das zerreißt

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Jennifer Müller: Der Kaktus im Blumenbeet

Er starrt. Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn, doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann

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Er starrt.

Er starrt zu Boden, weil es ihm unangenehm, ist die Blumen anzustarren, die sich überall um ihn herum in der Sonne räkeln mit ihren makellosen bunten Blüten und schlanken  Sprossen. Es ist ihm unangenehm, in ihrer Mitte zu stehen und sich darüber bewusst zu sein, dass er stachelig ist. Es scheint manchmal, als ob die schönen Blumen ihn meiden wegen seiner Stacheln. Das stört ihn,

doch er kann sie ja nicht abschneiden. Er kann nicht so zart und schön sein wie die Blumen. Wie sähe das denn auch aus, ein blumgewordener Kaktus. Nein, er starrt den Boden an. Den braunen, langweiligen Boden, der allerlei Krimskrams beherbergt. Er hätte ja auch eine Ameise sein können. Dann hätte er wenigstens die Möglichkeit davon zu laufen, andere Kakteen zu suchen, die genauso stachelig sind wie er selbst, die genauso starren, um die Abneigung und zugleich makellose Schönheit der Blumen nicht sehen zu müssen. Genau genommen hätte er sich mit einem zweiten Kaktus doch sehr viel wohler gefühlt. Dann hätte es ihm egal sein können wenn die Bienen kommen, wie sie es immer tun, wenn er starrt. Dann kommen die Bienen und halten ihm das vor Augen, was ihn so stört. Die fliegen von Blume zu Blume und daran scheint auch gar nichts falsch zu sein. Bienen und Blumen sind ja glücklich. Da hat keiner Stacheln und da starrt auch niemand. Nein, der Kaktus fühlt sich deplatziert. Wenn es einen Gott gäbe, so sagt er sich, hätte ihn dieser doch nie inmitten eines Blumenbeets gepflanzt. Zumindest hätte Gott ihn ja dann zu einer Blume machen können.

Er starrt.

Er starrt den Himmel an, weil es ihn beschäftigt, ob da oben jemand sitzt und sich denkt: „Das hast du gut gemacht, ist ein schönes Bild. Ein Kaktus inmitten eines Blumenbeets.“

Tief in seinem Innern spürt der Kaktus ein Herz schlagen.

Ein kleines Herz, das schwer und müde ist vom ständigen Versuchen, groß und stark zu sein um eines Tages die ganze Welt umarmen zu können.

Das Wasser bahnt sich weiterhin den Weg durch seine Wurzeln, und Tag für Tag tankt er sich voll mit Sonne. Und ab und zu, wenn er sich einen Augenblick Zeit nimmt, versucht er in den Wolken Bilder zu sehen und gibt sich seinen Träumen hin, in denen Blumen und Kakteen in einer wundervollen Symbiose in einem Blumenbeet stehen, frei von Stachelangst und Befangenheit, einer Welt, in der es einen Gott gibt, der einem kleinen Herz die Chance gibt mit Glück erfüllt zu sein.

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